Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 5

Wer nicht die richtigen Wörter weiß, der darf nicht in die Schule gehen. Was ist das? fragt der Mann. Er hat einen hellen Kittel an und zeigt auf ein Plakat an der Wand. Darauf sind Dinge gemalt, die jeder kennt. Der Mann hebt mich einfach hoch, stellt mich auf einen Tisch und hält mir ein Auge zu. Pott, sage ich, das ist ein Pott. Der Mann will wissen, ob ich noch etwas anderes zu dem Ding sagen kann. Alle sehen mich gespannt an, und ich sage wieder: Pott, das ist ein Pott. Die Mütter dürfen lachen und sich freuen, weil ihre Kinder es bestimmt besser wissen. Aber der Mann macht ein ernstes Gesicht. Vielleicht bin ich auf einem Auge blind, also hält er mir das andere zu und fragt: Und das Ding daneben? Kump, flüstere ich. Was ist das? wiederholt der Mann und schaut verärgert drein. Mia sieht zu Boden, als wäre ich ihr peinlich. Schüssel kenne ich auch, aber jetzt sage ich gar nichts mehr, denn hier ist doch alles falsch, auch Mia, die mir zuflüstert: Das heißt doch Schüssel. Und zu den anderen Frauen sagt sie mit lauter Stimme: Ich weiß gar nicht, wo es das her hat. Eine dicke Frau hebt mich vom Tisch und sagt: Recht hast du, genau so heißt das, aber sie lacht, und ich weiß, daß auch sie falsch ist.


Die falschen Wörter nehmen wir wieder mit nach Hause und schließen sie dort ein. Wir fassen sie nur noch mit spitzen Fingern an, und Mia runzelt die Stirn, wenn Jupp beim Mittagessen den Kump mit den Kartoffeln haben will. Schließlich fegen wir sie aus unserer Küche hinaus, stellen die Töpfe auf den elektrischen Herd und die Schüsseln in den weißen Anbauschrank. Und die alten Wörter können sich ausruhen, haben nur noch da zu tun, wo sie bestimmt niemand hört, wie im Hühnerstall beim Hühnerpott.


In die Schule dürfen nur Schulwörter mitgenommen werden, und man darf nicht mehr dölmern oder dromeln. Aber erst einmal wollen sie mich gar nicht nehmen. Mia muß zu dem Mann sagen: Es kann schon rechnen. Rechne doch mal. Wieviel ist fünf und fünf? Aber vielleicht gibt es hier ganz andere Zahlen, daher bleibe ich lieber stumm. Zu Hause kann es bestimmt rechnen, sagt Mia zögernd. Du möchtest doch sicher noch ein Jahr zu Hause spielen! sagt der Mann im weißen Kittel und will, daß ich nicke, also tue ich ihm den Gefallen und nicke. Aber es wird schon sieben Jahre alt, bettelt Mia. Wenigstens versuchsweise. Der Mann stellt schon das nächste Kind auf den Tisch, hält ihm ein Auge zu und zeigt auf ein anderes Ding. Niedergeschlagen gehen wir nach Hause. Und am Sonntag, beim Frühschoppen, muß Jupp dem Schuldirektor, der auch im Fußballverein ist, vier Schnäpse ausgeben, damit ich doch noch in die Schule komme, wenn auch nur zur Probe.


Da muß ich nun aufpassen, daß ich nichts Falsches sage. Aber in dem Klassenzimmer gibt es auch gar keine Töpfe, nur eine grüne Tafel zum Ausklappen, einen Schwamm, Kreide und Bänke, auf denen man zu zweit sitzen kann. Weil ich nur für einen Versuch hier bin, darf ich nicht weinen wie das Mädchen mit dem Schottenkleid und den langen Zöpfen. Erst heult sie leise für sich, dann auch für mich und für ein paar andere Kinder. Schließlich legt sie ihren Griffel aus der Hand, packt die blanke Schiefertafel in ihren hellbraunen Schultornister, steht auf, schnallt ihn sich schluchzend auf den Rücken und geht an Lehrer Deppe vorbei zur Tür. Lehrer Deppe, der gerade den letzten Bogen des neuen Buchstabens langsam an der Tafel auslaufen läßt, dreht sich gerade noch rechtzeitig um, ehe sie den Türgriff hinunterdrücken kann. Wohin willst du? fragt er erstaunt. Das Mädchen antwortet in einem entschiedenen Ton: Nach Hause, öffnet einfach die Tür und wäre fast entkommen. Lehrer Deppe ist mit einem Satz bei ihr, erwischt noch einen ihrer Zöpfe und hält sie daran fest. Da steht er in seinem grauen Anzug mit einem Zopf in der Hand und zieht das Mädchen an der dunkelbraunen Leine. Sie fängt wieder an zu schluchzen, setzt einen Fuß in den Flur, reißt wütend mit dem Kopf an den eigenen Haaren und weint noch mehr. Lehrer Deppe bekommt zu seinen roten Haaren vor lauter Ärger nun auch noch ein rotes Gesicht.


Margarete, die neben mir sitzt, zieht schon die Schnütte hoch, und gleich stehen wir alle auf, nehmen dem Lehrer den Zopf aus der Hand und gehen einfach nach Hause, fort aus diesem fremden Raum, der nach Bohnerwachs und nach feuchtem Schwamm riecht. Aber still bleiben wir sitzen, wagen uns nicht zu rühren und hüten unsere Angst, die aus uns herausspringen und nach Hause laufen will. Tief drinnen in uns schließen wir die Angst ein, damit sie nicht anfängt, uns den Atem wegzunehmen wie nun dem Mädchen, das vor lauter Weinen keine Luft mehr kriegt, schließlich aufgibt und den Fuß wieder zurück in den Klassenraum setzt.


Herr Deppe läßt den Zopf los, schickt einen Jungen nach hinten und setzt das Mädchen auf dessen Platz direkt vor dem Lehrerpult. Er überlächelt seinen Ärger und sagt: Jetzt singen wir alle ein Lied für Petra. Denn wir wollen doch, daß sie bei uns bleibt. Sie darf sich sogar ein Lied wünschen. Aber Petra hat den Kopf auf ihre Arme gelegt und schweigt. So fangen wir einfach an. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Klipp Klapp. Wir singen so laut, wie wir können und klatschen dabei in die Hände. Klipp Klapp. Wir erschrecken noch einmal vor uns selber. Aber dann singen wir uns mutig, und die Schule singen wir schön. Klipp Klapp.


Nur Hartmut singt nicht mit. Er schaukelt auf seinem Stuhl, fuchtelt mit den Armen und redet mit sich selbst, weil keiner neben ihm sitzen will. Doch wenn er bei Lehrer Deppe nichts gelernt hat, dann wird sich im nächsten Schuljahr Lehrer Schlüter an ihm versuchen. Wenn Herr Schlüter durch die Reihen geht, kriecht die Angst in mir hoch, belegt die Zunge, und mir stockt der Atem, obwohl ich die Hausaufgaben gemacht habe. Neben Hartmuts Bank bleibt er stehen. Ich atme auf, weil er für diese Stunde jemanden gefunden hat. Nur ein Buch mit Eselsohren und Tintenklecksen kann Hartmut vorweisen. Er fuchtelt mit seinen langen Armen und stottert, daß er sein Hausaufgabenheft zu Hause liegengelassen habe. Der Lehrer lächelt abfällig. Wir machen es ihm nach und wenden die Köpfe einander zu, um es uns zu zeigen. Großmütig geben wir Hartmut noch eine Chance, obwohl er es nicht verdient hat. Er darf sein Heft in der nächsten Stunde vorzeigen. Dann lese ich dem Lehrer die Fragen von den Lippen ab, schnippe mit den Fingern um die Wette, antworte und schmachte nach einem Lob.


Am nächsten Tag setzt sich Herr Schlüter gleich ans Pult und fordert Hartmut auf, zu ihm zu kommen, um das Heft vorzuzeigen. Der bückt sich nach seiner Tasche, um das Heft hervorzuziehen, schiebt dabei sein Federmäppchen mit dem Ellenbogen zur Seite, so daß es auf den Boden fällt, und nun muß er unter der Bank danach suchen. Er kriecht auf der Erde herum, denn immer wieder flutscht ihm das Mäppchen aus der Hand. Wir sehen Lehrer Schlüter an, ob das zum Lachen ist. Aber der verzieht keine Miene, sondern wartet, bis Hartmut wieder hervorkommt. Hartmut aber setzt sich wieder auf seinen Platz und sieht an allen vorbei. Er stiert auf das Heft, das vor ihm liegt, als wäre er ganz allein in dem Klassenzimmer.


Doch wir lassen uns nicht überhören und schon gar nicht übersehen. Nicht einmal ein Wort ist nötig. Wir müssen nur ein bißchen warten, dann haben wir ihn so weit. Und Hartmut steht auf, nimmt das Heft und geht mit langsamen Schritten zum Pult. Mit jedem Schritt verändert er sich. Seine Arme und Beine werden noch dürrer, der Kopf noch kleiner, die schwarzen Haare noch strubbeliger und die braungelbe Hautfarbe noch schmuddeliger.


Als er am Pult angekommen ist, erscheint er mir so widerwärtig, daß ich ihn kaum ansehen kann. In seinen kurzen Hosen steht er vor Lehrer Schlüter und schlägt sich erschrocken mit einer Hand an die Stirn. Nun habe er doch das falsche Heft erwischt. Das habe er doch überhaupt nicht gemerkt. Er baut eine laute Stimme vor sich auf und läßt sie überrascht klingen. Aber seine Stimme schwankt, das Gesicht überzieht eine dunkle Röte, und die Beine, die sich in den kurzen Hosen nicht verbergen lassen, zittern. Er verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere, und mit der rechten Hand hält er sich am linken Arm fest, als fände er nur da noch einen Halt.


Langsam blättert Lehrer Schlüter das falsche Heft durch, damit Hartmuts Furcht Zeit hat, noch ein bißchen größer zu werden. Und sie wächst und wächst, wuchert sogar in die Klasse hinein und bricht sich durch Ekel und Abscheu hindurch eine Bahn. Wir können es kaum noch aushalten und warten ungeduldig, bis Herr Schlüter sich anschickt, uns davon zu befreien. Endlich legt er das Heft zur Seite und steht auf. Erst jetzt sieht er Hartmut an, nimmt ruhig dessen Gesicht zwischen Daumen und Zeigefinger, dreht es hin und her, bis es die richtige Lage hat, hebt Hartmuts Kinn etwas nach oben, damit sich ihm die Wangenflächen ganz darbieten, streckt Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand aus, klappt sie zusammen wie eine Schere, hebt und senkt die Hand, fährt einmal Maß nehmend mit den ausgestreckten, aneinandergepreßten Fingern dicht an Hartmuts Wangen vorbei, um sie dann endlich wie eine Peitsche über das Gesicht zu ziehen.

Hartmut gibt sich geschlagen. Er heult und hat nun ein bißchen Mitleid verdient. Aber während er zu seinem Platz zurückgeht, läßt er die Schnütte einfach laufen, leckt sie mit der Zunge ab, wenn sie auf seine Lippen tropfen, und zuletzt wischt er sich den Rotz mit dem Ärmel seines Pullovers weg. Wir sind froh, daß er in der hintersten Bank sitzt. Wir schließen unsere Rücken aneinander und lassen ihn dahinter verschwinden.

 

 

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