Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 40


Um Holgers Prophezeiungen entgegenzuwirken, halte ich es für das Beste, mich nach einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft umzusehen. An dem schwarzen Brett in der Mensa hängen mehrere Zettel von Leuten, die sich selbst als nett bezeichnen und dringend um meinen Einzug in ein großes billiges Zimmer bitten. Ich rufe unter der angegebenen Telefonnummer an und vereinbare einen Termin.

Drei Frauen und zwei Männer erwarten mich schweigend in einer großen Gemeinschaftsküche. Sie vermeiden überflüssiges Gerede, sondern nehmen mich eine Weile stumm musternd und abschätzend zur Kenntnis und bieten mir dadurch Gelegenheit, von alleine darauf zu kommen, daß ich mit meiner geblümten Sommerbluse und dem schwarzen Rock gegen die vorgegebene Kleiderordnung aus Pump- und Latzhosen verstoße. Desinteressiert hören sie sich meine entgegenkommenden Vorstellungen vom gemeinsamen Kochen und gemeinsamen Demonstrationen an, und um ihnen die offene Ablehnung zu ersparen, verabschiede ich mich, ohne eine Rückmeldung einzufordern.

Für den nächsten Versuch bemühe ich mich, den Mindestanforderungen für Interessenten an einer WG zu entsprechen und kaufe mir einen langen lila Sommerrock. Ich besichtige einen kleinen Raum in einem dunklen verwinkelten Haus, wo ein übermüdeter blasserer junger Mann im Unterhemd zu meiner Begutachtung abgestellt ist. Auf dem Bastläufer in der Küche haben sich die Reste mancherlei Brotsorten in variationsreich geformten Krümeln erhalten, und auf dem Tisch zeugen eingetrocknete Gebilde in schwärzlicher und grünlicher Farbe von einem genußreichen Leben.

Nur aus Geldmangel haben die Mitglieder der WG schweren Herzens ihre Koffer und Fotoausrüstungen aus einer kleinen Kammer geräumt und sind bereit, noch jemanden aufzunehmen. Obwohl der Mann meinem sofortigen Einzug nicht abgeneigt ist, kann er sich im letzten Moment doch nicht zurückhalten, seine persönlichen Bedenken anzumelden. Prinzipiell ziehe er Mitbewohnerinnen vor, die bereit seien mit ihm auch mal in den Urlaub zu fahren, ohne daraus gleich Ansprüche auf eine engere Beziehung zu erheben. Doch in Anbetracht der finanziellen Situation nimmt er auf sich selber keine Rücksicht und ist bemüht, nur das Wohl der gesamten Wohngemeinschaft im Auge zu haben. Aber ich nutze seine Selbstlosigkeit nicht aus, sondern unternehme einen weiteren Versuch in einer WG, die nur aus Frauen besteht.

Auch Brigitte und Ute sind durch den unerwarteten Auszug einer dritten Mitbewohnerin in finanzielle Nöte geraten. Von vornherein wohlwollend gesonnen, lassen sie die Aufnahmeprüfung bei Kerzenlicht und griechischem Salat stattfinden. Brigitte ebnet den Weg für eine entspannte Atmosphäre, indem sie ihre auf die Stuhlkante hochgezogenen Beine mit den Armen umschlingt und den Kopf auf die Knie legt. Ute indessen hat ihre Arme auf die Tischplatte gestemmt und, ihr Gesicht mit den Handflächen haltend, sieht sie mich mit starrem Blick aufmerksam an. Wir vergleichen unsere gelesenen Bücher, die Semesterzahl, die Studienfächer, unsere Urlaubsorte und suchen nach Gemeinsamkeiten. Doch trotz eifriger Bemühungen stellen wir nur wenige Übereinstimmungen fest. Freundlich spielen Brigitte und Ute ihre Erfahrungen in Frauengruppen und Frauencamps herunter und geben mir die Chance, ihr Zusammenleben mit meinen Problemen zu bereichern.

Froh, mit Mike eine vorzeigbare Vergangenheit zu besitzen, hole ich aus ihm heraus, was ich nachträglich entdecken kann. Geleitet durch die leicht zu durchchauenden Ansprüche der WG, fahnde ich in Mikes Verhalten nach Sexismus und Diskriminierung und werde schnell fündig. Seine politische Beeinflussung, die Verweigerung jeder Hausarbeit und sein indiskutables Frauenbild reichen für eine gemeinsame Empörung aus. Dankbar nehmen Brigitte und Ute die angebotenen Begriffe auf und bereichern sie mit eigenen Beispielen. Sie lassen mein Beziehungsproblem als Einstiegsqualifikation gelten, und ich verspreche zusätzlich, mir die empfohlenen Bücher mit theoretischen Ausführungen über das weit verbreitete Mikesche Phänomen zu besorgen. Als Lohn erhalte ich ein schönes großes Zimmer, dessen Wände ich aus Dankbarkeit mit einer hellen lila Farbe überziehe.

Als Mike mir meine Bücher und meinen abgeschnittenen Anteil an der Schaumgummimatratze bringt, bewähren sich die beiden, indem sie ihn mit Verachtung brandmarken und mich so vor weiteren Besuchen schützen. Insgeheim hoffe ich jedoch noch immer auf ein aufklärbares Mißverständnis und sehe, wenn ich allein bin, Mike eines Tages verwandelt auf mich zukommen.

Nach meinem Einzug gestatten mir Brigitte und Ute sogar, mich wegen der Trennung von Mike ein paar Tage lang schlecht zu fühlen. Doch Brigitte achtet darauf, daß ihre Kräutertees eine sofortige Wirkung zeigen und ich ausschließlich dank ihrer Hilfe darüber hinwegkomme. Ich verheimliche mein nachwirkendes Bedauern und habe keine andere Wahl, als die mir zugesprochene Erleichterung anzunehmen. Angestrengt versuche ich, einen entsprechenden Eindruck zu vermitteln, so daß Brigitte es sich auf Dauer hoch anrechnet, mich getröstet zu haben.

Ich zahle fünfzig Mark in die Haushaltskasse ein und biete mich zum Einkaufen, Kochen und Putzen an. Ihres hohen moralischen Standards gewiß, haben Brigitte und Ute keinen Plan für die Verteilung der Hausarbeit nötig. Allein Vernunft und Notwendigkeit geben die Regeln vor und führen zweifelsfrei dazu, daß ich zunächst einen Vorschuß an Verpflichtungen abzuarbeiten habe. Nach ein paar Wochen übernimmt Brigitte die Einkäufe, da ich nicht von der verläßlichen Wiederholbarkeit des Geschmacks der Nudeln mit dem schönen Namen Miracoli abzubringen bin. Auch erkenne ich nicht die Vorteile eines Grünkerneintopfes, welcher das mitleidlose Ziel hat, die Dehnbarkeit von Magenwänden unter Beweis zu stellen und bei deren Versagen, sie durch Übelkeit oder Erbrechen zu entlasten.

Ute jedoch hat sich durch ihre schwere Kindheit das Recht erworben, an nichts anderem als am Verzehr des von mir gekochten Essens beteiligt zu sein. Da ihr Bruder bei den Mahlzeiten immer bevorzugt wurde, müssen wir ihr noch zureden, mit uns zu essen, damit sie sich nicht mit vorwurfsvoller Magerkeit an uns rächt. Doch trotz ihres guten Appetits setzt sie kein Gramm Fett an und nötigt mich, ihrem demonstrativ halb verhungerten Aussehen ständig entgegenzuwirken. Damit sie unsere Hilfsbereitschaft nicht über Gebühr strapaziert, hortet sie in ihrem Zimmer eigene Lebensmittel und rührt ihren Kaffee und Zucker nur an, wenn sie Besuch hat. Die mangelnde Liebe, die Ute von ihrer Mutter erfahren hat, versucht Brigitte durch die Übernahme ihres Anteils an den Putzarbeiten wieder gut zu machen; aber gegen die jahrelangen Entbehrungen mütterlicher Zärtlichkeiten und gegen die erhaltenen Ohrfeigen kommt auch sie nicht an. Unsere Zuwendungen verhindern jedoch nicht Utes zeitweilige Depressionen, die dazu führen, daß sie nicht alleine bleiben kann und stets jemand in ihrer Nähe sein muß. Vorsorglich bleiben wir daher an den Wochenenden ständig zusammen.

Wir richten uns in der Küche ein, trinken abwechselnd Kräutertee und Rotwein und versuchen, uns selbst auf die Spur zu kommen. Nur Benachteiligungen haben eine Chance, Gehör zu finden, und je mehr wir davon entdecken, um so eher fühlen wir uns in unserer Bedeutung wachsen. Neidlos erkennen wir Utes Vorsprung an. Doch Brigitte holt mit dem miserablen Verhältnis zu ihrer Mutter auf, weshalb mir nur eine problembeladene Beziehung zu meinem Vater übrig-bleibt. Unser Geschlecht lasten wir unserer Erziehung an, forsten unser Spielzeug durch und finden in Puppen, Kinderherd und Kaufladen die wahren Schuldigen. Einhellig beschließen wir, daß unsere Existenz als Frauen schwierig und deprimierend ist, und um sie zu verbessern, setzen wir unsere Körper ein. Wir fassen den festen Entschluß, uns schön zu finden und halten das für den entscheidenden Schritt, um alle Selbstzweifel zu vertreiben.

Mit dem festen Vorsatz, nichts Anstößiges zu entdecken, gehen wir die einzelnen Regionen unserer Körper durch. Wir bekennen uns zu den ausgefallenen Ausprägungen unserer Brüste, seien sie hängend, prall oder schlaff. Auch ich habe keine Wahl und muß mich ab sofort nur rund statt dick finden. Brigitte bewundert täglich ihre schönen weißen Hände und die weichen Konturen ihrer Oberarme. Ihre Körpergröße von nur anderthalb Meter richtet sie am tröstlichen chinesischen Durchschnitt aus. Utes unübersehbare Magerkeit, die dazu führt, daß ihr Schädel seine knochigen Umrisse zur Schau stellt, macht einige Mühe, bis wir auf ihren Wangen die durchscheinende Zartheit ihrer Haut entdecken und ihre dunklen Augenhöhlen als Anzeichen einer besonderen Geistigkeit interpretieren.

Brigitte macht sich auch im Inneren ihres Körpers auf die Suche nach unentdeckten Schönheiten. Wöchentlich untersucht sie sich mit einem Spekulum aus Plastik und teilt uns die Ergebnisse mit, wie die Farbe der Schleimhäute oder den Öffnungsgrad des Gebärmuttermundes, der sich allerdings unberechenbar verhält und sich auch nach der Menstruation nicht ganz schließen will. Diese Abweichung von der in verschiedenen Büchern beschriebenen Regel setzt Brigitte so zu, daß sie mehrere Ärztinnen aufsucht, um sich das unheimliche Phänomen erklären zu lassen. Als diese allesamt vor dem Mysterium kapitulieren, ist Brigitte gezwungen, sich jeden Tag zu untersuchen, um bei einer sich möglicherweise anbahnenden Krankheit sofort im Bilde zu sein.

Gemeinsam begeben wir uns auf die Fährte unseres regelmäßigen Geheimnisses und erklären es zu einer tiefgründigen Hauptsache der Natur. Wir spüren den ereignisreichen Phasen unseres Zyklus nach, verfolgen den spannenden Anstieg der Temperatur und schaffen es eines Tages sogar, den Moment des Eisprungs dingfest zu machen. Allmählich stellen wir unsere Menstruation aufeinander ein und sehen zu, daß es bei Vollmond passiert. Wir legen Wärmflaschen auf den Bauch, trinken auch ohne Schmerzen Frauenmanteltee und fühlen uns als Auserwählte eines weltbewegenden Mysteriums.

 

 

 

 

 

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