Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 35


Mike, der eigentlich Michael heißt, ist es leid, daß sein Kampf für den Fortschritt ganz ohne Zeugen bleiben soll. Eines Abends holt er seinen Plattenspieler aus dem Zimmer, stellt ihn in der Küche auf einen Stuhl und unternimmt den Versuch, uns auf unterhaltsame Weise für die höheren Interessen der Menschheit zu gewinnen. Begleitet von Marschrhythmen und Trompetenfanfaren eröffnet uns die knarrende und quäkende Stimme Ernst Buschs einen Einblick in die Geschichte der Klassenkämpfe, an denen sich Mike durch Mitsingen des Refrains vorbildhaft beteiligt. In unserer Vorstellung formt sich die Arbeiterklasse zu einer zackigen Kolonne, die siegessicher in die Zukunft paradiert.

Nach mehrmaligem Absingen von Liedern wie 'Roter Wedding, grüßt euch Genossen' oder 'Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre' schließt sich selbst Rolf, durch einige Biere geschwächt, dem intonierten Marsch der Arbeiterklasse an, die so mitreißend davonzieht, daß einem nur die Flucht in ihre Reihen übrigbleibt.

Selbst die Amerikanerinnen, denen Thomas diese folkloristische Attraktion nicht vorenthalten will, lernen den richtigen Einsatz des Refrains und nehmen die Lieder als Ausbruch ursprünglich deutscher Gemütlichkeit mit nach Hause. Taktgerecht stampfen wir mit den Bierflaschen auf den Tisch, wenn der Refrain des Liedes mit 'Links! Links! Links!' seinen Höhepunkt erreicht. Dann schwappt die Flüssigkeit aus den Flaschenhälsen, und wir tun so, als wüßten wir nichts vom Ausgang der Geschichte. Singend beteiligen wir uns an den Kämpfen der zwanziger Jahre. Betrunken erproben wir den gefahrlosen Widerstand gegen den Faschismus und legen uns eine neue Vergangenheit mit einwandfreien Vätern und Großvätern zu.

Allerdings reagiert die schlafende Arbeiterklasse in der Nachbarschaft des Wohnheims völlig unverhältnismäßig. Da sie das Hämmern der Flaschen auf den Tischen mißversteht und unser Bemühen um Solidarität als nächtliche Ruhestörung abtut, schickt sie uns die Polizei ins Haus.

Die gut funktionierende Verständigung auf das politische Volksliedergut bringt Mike dazu, die einzelnen Bewohner des Stockwerks nach ihrer Tauglichkeit als Bündnispartner zu untersuchen. Dabei lockert er seine strengen Maßstäbe, denn Mediziner, Lehrer und Chemiker werden auch nach der Revolution gebraucht. Nur für mich findet er keine Verwendung, und ich werde zwangsläufig aus der Zukunft verbannt. Obwohl Mike mich für unbrauchbar erklärt, befällt ihn angesichts meiner Perspektivlosigkeit eine gewisse Sentimentalität. Er warnt mich vor den Gefahren revolutionärer Zeiten, die er als neue Variante der russischen Oktoberrevolution unausweichlich auf uns zukommen sieht, und da er nicht sicher ist, ob ich als Theologin den unkontrollierbaren aufständischen Truppen entkommen werde, lädt er mich zum Trost zu einem Sonntagsspaziergang ein.

Um mir nicht zuviel an Ungewohntem zuzumuten, sucht er einen Weg aus, der mit seinen hohen ineinander verzweigten Baumkronen an ein Kirchenschiff erinnert. Doch der Wald hat eine unerwartete Wirkung auf ihn selbst und läßt seine Verbindung zur Weltrevolution brüchig werden. Die Bäume und Sträucher drängen sich in den Vordergrund und verlangen nach einer naturkundlichen Klassifikation. Mike pflückt mir eine Handvoll Blaubeeren und läßt seine Blicke über die Baumwipfel gleiten. Er ahmt die Rufe von Specht und Eichelhäher nach, die auf ihn hereinfallen und antworten.

Auf einer Bank am Waldesrand ist ihm jede Fortschrittlichkeit abhanden gekommen, und er begeistert sich an der Ansicht eines kleinen Dorfes, das mit seinem alles überragenden Kirchturm und den alten verfallenen Fachwerkhäusern seit Jahrhunderten jeder Veränderung widerstanden hat. Als eine alte Frau in ihrer grünschwarzen Tracht auftaucht und mit einem Stock eine Schar Gänse vor sich hertreibt, ist es ganz um ihn geschehen. Er verliert sich am Stillstand der Zeit und findet dort auch für mich einen angemessenen Platz. Mit merkwürdig liebevollen Blicken werde ich in dieses Panorama, das keinen Aufruhr nötig macht, integriert. Erst in der Dämmerung beginnt sich dieses unzeitgemäße Bild aufzulösen.

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