Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 26


Gerda ist anders als wir alle. Früher war sie so wie wir. Aber nun reckt sie den kahlrasierten Schädel wie eine Trophäe zwischen den Schultern hervor. Mit einem Schlag ist ihr damit der Durchbruch gelungen. Unangekündigt und unvorhersehbar ist sie die Attraktion der Schule. Ihr Erröten bei jedem Satz, den sie vor der Klasse sagen mußte, hat sich als geschickte Tarnung herausgestellt. Sie hat von der letzten Reihe aus bewiesen, was in ihr verborgen lag.

Die Direktorin bestellt sie zum Verhör und droht mit dem Schulverweis. Da bittet eine bekannte Zeitschrift um ein Interview, und Gerda darf weiterhin in meine Klasse gehen. Öffentlich fordert sie dazu auf, sich so viele Freiheiten herauszunehmen, wie nur möglich. Niemand ist berühmter als sie. Keine Meinung kommt ungeprüft an ihr vorbei. An ihr geben sich die Vorurteilslosen zu erkennen und entlarven sich die Spießer, die sich hinter Gerdas kahlem Schädel nicht mehr verstecken können. Die Direktorin und die meisten Lehrer gehören erwartungsgemäß dazu.

Der Religionslehrer versteht Gerdas Beweggründe, ohne sie gefragt zu haben. Da sie sich vom Religionsunterricht abgemeldet hat, steckt sie in einer tiefen Krise, die jeder an der fehlenden Haarbedeckung erkennen kann. Nur die Englischlehrerin, die in den Ferien in London war, ist es ihrem weltläufigen Ruf schuldig, keinen Anstoß daran zu nehmen. Gerda bekommt die beste Englischnote ihres Lebens, während die anderen Lehrer Objektivität demonstrieren und sie nur ein ganz klein wenig schlechter als sonst beurteilen.

Ich stelle mich auf Gerdas Seite, um nicht zwischen den Meinungen stecken zu bleiben. Vehement trete ich ein für die Freiheit des Schädelrasierens und verteidige das Recht auf nacktes Fleisch zwischen den Ohren als Grundlage aller Menschenrechte. Doch ich vermeide Gerdas Anblick so gut es eben geht, um nicht aus irgendeinem geheimen Winkel in mir etwas hervorzulocken, was sich gegen meinen Willen am Lächerlichen der Erscheinung weiden könnte. Ich übe mich in der Verteidigung der kahlköpfigen Minderheit und bin stolz darauf, die Mehrheit in meiner Klasse, die sich mit ihrer langhaarigen Mittelmäßigkeit brüstet, gegen mich zu haben.

Als sich die Aufregung gelegt hat, die Meinungen fest¬stehen, und sich auf Gerdas Kopf die Normalität mit einem bläulichen Schatten ankündigt, denkt sie sich etwas Neues aus, um ihren Erfolg zu wiederholen. Sie lädt ein paar Mädchen aus der Klasse zum Nachmittagskaffee ein. Als wir nichtsahnend eintreffen, sitzen an dem Couchtisch drei schwarze junge Männer und mühen sich mit Gerdas trockenem Tortenboden ab. Wir kramen unser Schulenglisch hervor und sind unversehens polyglott. Gerdas O.K. hallt unzählige Male durch das Wohnzimmer ihrer verreisten Eltern, und Coke und Cake sind uns ohnehin geläufig.

Sogleich trete ich innerlich für die Rechte aller unterdrückten Schwarzen ein und suche nach einer Gelegenheit, sie es wissen zu lassen. Mir fällt die Rede Martin Luther Kings ein, welche unsere Englischlehrerin neulich mit Tränen in den Augen vorgelesen hat, und ich suche in ihren Gesichtern nach Spuren des Traumes, den zu verwirklichen sie bis nach Beken gekommen sind.

Ich picke mir einen der Schwarzen heraus und stürze mich auf die zu erwartenden Probleme. Zunächst verstehe ich seinen Namen nicht, und er bekommt die Gelegenheit, seinen Armeeausweis aus der Tasche zu ziehen und auf den Rang zu deuten, der vor seinem Namen steht. Daß er in der Army ist, wundert mich. Zu seinen Gunsten vermute ich auswegloses Elend in der Jugend, denn 'born in New York' läßt hoffen. Ich bringe mein Vokabelheft mitsamt Poverty, Unjustice und Black Power ins Spiel und warte gespannt auf eine verräterische Miene. Schon sehe ich brennende Autos in Beken und als Zentrum des Widerstandes die hellgrüne Couchgarnitur in Gerdas Wohnzimmer. Doch Sergeant Ben Washington schüttelt den Kopf, lacht kurz auf, sagt dreimal geheimnisvoll 'yeah' und will nichts zugeben. Er häuft Schlagsahne auf mein Stück Kuchen und blinzelt mir vielsagend zu.

Gerda ist unterdessen ein ganzes Stück weiter. Sie demonstriert an Joshuas Lippen praktische Solidarität. Die weißen und schwarzen Gesichtshälften der beiden vermischen sich beim Knutschen in vorbildlicher Harmonie. Um doch noch etwas hervorzulocken, verabrede ich mich mit Ben in der Disco.

Am Eingang habe ich vergessen, wie er aussah. Als sich aus der Gruppe der schwarzen GIs an der Theke jemand löst und auf mich zukommt, täusche ich ein Wiedererkennen vor. Der Diskjockey legt Wilson Pickerts greatest Hits auf, und ich sehe es Ben sogleich an, daß er der Musik nicht widerstehen kann. Ich folge ihm auf die Tanzfläche und warte auf einen sagenhaften Soul-dance. Ich schaue mich um, ob noch andere aus meiner Klasse da sind und bin bereit, ihnen mit Ben eine unvergeßliche Vorstellung zu liefern. Aber Ben's Schwung ist schon verflogen, bevor es richtig losgeht. Seine langen spindeldürren Beine kreisen nur um den Rhythmus, ohne ihn zu treffen. Er blinzelt mir zu und zeigt kein Interesse, sein naturgemäßes Feeling unter Beweis zu stellen.

Nichts stimmt an ihm, seine Hautfarbe entpuppt sich als nichts Besonders. Als der Blues einsetzt, und er darauf mit keinem einzigen schwermütigen Wimpernzucken reagiert, wehre ich seine fröhlichen Annäherungsversuche ab, schüttele seinen Arm von meiner Schulter und gehe enttäuscht allein nach Hause.

Gerda hingegen bleibt bei Joshua. Sie läßt sich von ihm von der Schule abholen und das reicht, um ihre Englischnote noch besser, und ihre übrigen Zensuren noch schlechter werden zu lassen. Sie kann sich einer dauerhaften Aufmerksamkeit sicher sein, und ihre Haare können wieder wachsen. Sie hat sich entschlossen, Amerikanistik zu studieren und wartet ungeduldig auf das Abitur, das sich zwischen uns und dem richtigen Leben wie ein schwer zu überwindendes Hindernis schiebt.

 

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