Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 2

Langsam setzt sich unser Haus in Bewegung, und die Hecken und Birken laufen hinterdrein. Auch die Nachbarhäuser hält es nicht mehr auf ihren Plätzen. Sie drängen sich aneinander und rutschen vorüber. Ein Fenster schiebt das andere fort. In gerader Linie marschieren die Blumenkästen durch alle Mauern. Der Bürgersteig ist ein rollendes Band, das sämtliche Häuser wegtransportiert. Unaufhaltsam gleiten sie davon, immer schneller, und das nur, weil Jupp an einem schwarzen kleinen Rad dreht und mit dem Fuß auf ein Pedal drückt. Selbst das größte Haus am Ende der Straße, mit seinen vielen Fenstern, dem großen Balkon, den Erkern und Türmchen, das es gar nicht nötig hätte, muß sich von Jupp bewegen lassen und bleibt zurück wie alles andere auch.


Selbst Frau Tofall mit dem grauen Topfhut setzt vergebens ihre Füße voreinander. Sie kommt nicht von der Stelle, auch wenn der Hut auf und niedergeht. Das Band rollt und rollt, Frau Tofall wird immer kleiner und braucht nicht mehr gegrüßt zu werden. Beate und ich können durch die Heckscheibe schauen und uns über sie lustig machen.


Wir fahren um die Ecke, lassen unsere Straße und Frau Tofall hinter uns. Vor uns öffnet sich die ganze Stadt. Beate hält sich noch am Türgriff fest, aber ich kann schon freihändig fahren, lege mich gleich in die nächste Kurve und breche mir ein paar Stücke aus der Stadt heraus: einen Laden, etwas Rotes, Kinder, ein Schild, die Schule. An jedem Stück halte ich mich fest, bis ich in den Augenwinkeln etwas Neues aufgefangen habe. Sonst flimmern mir die Augen, und alles, was da draußen ist, fließt davon. Dort haben die Menschen ihre Gesichter verloren, lauter Strichmännchen, die man gleich wieder von der Scheibe wischen kann. Von mir ahnen sie nicht das Geringste. Selbst Herr Dröge nicht, der in der Tür seines Friseursalons steht, und an dem sonst keiner ungesehen vorbeikommt.


Unangreifbar fahren wir weiter und besuchen auch Tante Lisbeth in ihrem muffigen Haus nicht mehr. Keiner stellt sich uns in den Weg. Den Schatten des Kirchturms überfahren wir einfach und lassen ihn links liegen. Wir drängen die Menschen zur Seite. Die ganze Straße steht uns zu, und der Radfahrer dort tritt umsonst in die Pedale. Wir könnten ihn auch überrollen, wenn wir wollten. Aber wir zwängen ihn nur ein bißchen ein, zwischen uns und dem Bürgersteig, daß er zur Seite kippt und absteigen muß. Er schimpft, doch während wir ihm nachschauen, wird auch er immer kleiner. Niemand kann uns etwas anhaben.


Jetzt fährt Jupp mit einem Hinterrad über die Bordsteinkante. Entsetzt springen ein paar Fußgänger beiseite. Jupp dreht aufgeregt das Lenkrad hin und her, bis wir wieder auf der Straße sind und die Leute erst einmal in Ruhe lassen. In weiten Abständen liegen nur noch ein paar Bauernhöfe am Weg. Onkel Anton kommt mit einer Mistgabel aus der Deele seines Hauses. Er dreht sich nicht einmal um. Selbst der Hund bellt nicht, als wir vorübersausen.


Nun haben wir die Stadt im Rücken. Wir haben ihre Wege abgemessen und alles Überflüssige aussortiert. Wir durchschneiden das Land. Die Felder und Wiesen glätten sich, fließen als braune und grüne Flecken neben uns her, fächern sich in der Ferne auf, wo sie sich langsam in einem Halbkreis drehen. Erst am Horizont bleiben sie still liegen.


Dort dreht sich nichts mehr um uns, und der blaue Höhenzug am Ende der weiten Ebene bleibt unbewegt liegen, als gingen wir zu Fuß. Jupp muß noch schneller fahren, damit das Auto über jedes Schlagloch springt. Wir hüpfen auf den Sitzen, so daß selbst die flachen Felder zu beben beginnen. In alle Richtungen sich neigend, stehen die kahlen Apfelbäume Spalier. Einige stoßen mit ihren Kronen fast über der Straße zusammen. Nur wenige recken sich kerzengerade in die Luft und lassen sich nicht verbiegen. Wir bringen sie auf Trab. Und sie stürzen sich in unsere Frontscheibe, wischen mit wirren Zweigen über die Fenster, verfehlen uns nur knapp und wandern langsamer werdend weiter. Schon schlagen uns die nächsten entgegen und drängeln sich an uns heran. Doch wir fahren einfach hindurch, und vor dem Eisernen Herrgott unter den zwei Kastanien machen wir auch nicht halt. Festgenagelt hängt er da und hält die Leute auf, daß sie vor ihm niederknien, damit kein Blitz sie trifft. Wir schauen woanders hin und schlagen kein Kreuz, denn selbst der Eiserne Herrgott sieht uns nicht mehr.

Nun müssen wir doch an den Straßenrand fahren und einen Bauern mit seinem Pferdewagen vorbeilassen. Sie kommen und kommen nicht voran. Mit hängenden Köpfen trotten uns die Tiere entgegen. Ungeduldig wippen wir mit den Füßen, und Jupp läßt den Motor heulen, bis sie endlich an uns vorbei sind. Dann sausen wir wieder los, und gleich liegt uns das Nachbardorf zu Füßen. Von der Straße können wir auf die wenigen Höfe aus groben Bruchsteinen hinuntersehen. Jeden Moment scheinen die Mauern auseinanderzufallen, und schnell fahren wir über die niedrigen Dächer hinweg, sind sogleich im nächsten Dorf, das fast genauso aussieht, und sind auch da längst hindurch, weiter und weiter, bis ich die Namen der Orte noch nie gehört habe.


Immer hügeliger wird das Land. Die Felder und Wiesen wechseln mit kleinen Waldstücken. Man kann nicht einmal mehr geradeaus sehen. Die Dörfer verstecken sich in den Tälern. Zerfallene Scheunen und umgekippte Wannen stehen auf schmutzigen Wiesen. Überall auf den Höhen ist jetzt der Wald. Mal drängt er dicht an uns heran, mal entfernt er sich wieder, aber nur, um uns nach der nächsten Biegung erneut zu überfallen. Die Bäume sind so hoch, stehen so dicht, daß man nicht hindurchsehen kann. Keiner weiß mehr, was hinter der nächsten Kurve liegt.

Aber wir werden einfach weitergefahren, ob wir wollen oder nicht, werden die Straßen hoch und hinunter gerollt, müssen über jedes Schlagloch, jeden Stein, und nun müssen wir noch da hinauf, direkt in den Himmel. Senkrecht fährt der Wagen nach oben, eine unbekannte Kraft preßt uns in die Sitze. Wenn wir zurückschauen, fallen wir nach unten. Doch dann stürzt der Weg vor uns nieder. Das Auto hält an, und wir müssen aussteigen und in die Runde blicken.

Gleich neben mir fällt der Berg steil ab. Mir wird schwindelig. Auch die wenigen zerzausten Tannen halten sich nur mühsam aufrecht. Vorsichtig lasse ich meinen Blick hinuntergleiten und besehe das Land. In alle Richtungen läuft es mir davon, taumelt kreuz und quer über die Ebene, so daß ich es nur mit Müh und Not wieder zusammenfügen kann.

Hier und dort streu ich Felder hin, säe Wiesen aus und lasse Wälder wachsen. Überall verteile ich Büsche und Bäume, besprenkele alles mit Gehöften, mal einzeln, mal in Gruppen. In den Himmel werfe ich ein Blau, das langsam auf die Erde fließt. Das ist Beken, sagt Jupp. Dorthin schütte ich die Häuser mit vollen Händen aus, stelle viele rote Dächer dicht beieinander, drücke sie tief hinunter, presse sie eng zusammen. Damit sie eine Mitte bekommen, setze ich einen Kirchturm hinein, und ziehe eine helle Linie dahin, auf der wir wieder zurückfinden können. Und weil es auch ein Ende geben muß, lege ich an den Rand noch schnell einen Horizont, der die Blicke aufhält.

Dann liegt alles wohlgeordnet auf seinem bekannten Platz. Doch schon im nächsten Moment beginnt es sich zu verändern. Noch niedriger werden die Dächer, noch enger der Stadtkern, so daß er an den Rändern aufsplittert und lauter kleine helle Häuser um sich schart, die immer weiter in die Felder wuchern. Auf den Wiesen zerfallen die Höfe. Büsche und Bäume verschwinden. Immer größer und regelmäßiger werden die Äcker. Und bevor das Land sich ganz verändert, fahren wir auf unserer Linie schnell wieder zurück.

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