Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 10


Numeriert sind die Namen, und was sie tun, macht bunte Flecken auf den Karten. Wir pressen die Finger auf unser Land, verschieben die Grenzen, machen es groß, dann wieder klein, bis wir zuletzt in Beken sind. Dort endlich können wir uns ausruhen.In Beken hat die Geschichte nicht viel zu tun gehabt. Hier hat sie sich nur einen einzigen Satz geholt mit einer Zahl und einem großen Mann. Gerade noch rechtzeitig wurden die Sachsen getauft, die sich nur deshalb so lange gewehrt haben, damit es eine schöne spannende Geschichte gibt.

Später kam ein berühmter Künstler und hat ein Bild gemalt, damit die Leute das, was sie wußten, auch sehen konnten. Blonde Menschen mit gefalteten Händen, denen erbarmungslos immer dasselbe Glück in die strahlenden Gesichter gemalt ist. In einer langen Reihe stehen sie an, Alte, Junge und viele Kinder. Schon vor der Taufe sind sie fromm gemacht worden. Dankbar schauen sie auf zum guten Kaiser Karl, der am Ufer auf einem goldenen Thron sitzt. Vor Freude laufen ihm die Tränen in den lockigen grauen Bart. Über ihm breitet eine weiße Taube mit gütigen Gottesaugen ihre Fittiche aus.

Das machte fast die ganze Geschichte von Beken aus, bis man sich eines Tages nicht mehr damit zufrieden gab und noch einmal eine Geschichte anfing. Gesucht wurden wieder welche, die man taufen konnte. Aber die versteckten sich in ihren Häusern. Als man die Türen eintrat und die Fenster zerschlug, da war es schon ganz anders als auf dem schönen Bild, das nahezu vergessen in der alten Schule von Beken hing.

Es ist schon lange her, sagt Mia, und etwas später war es schon so furchtbar lange her, daß sie sich kaum noch daran erinnern kann. Eilends wurden damals die Namen verscharrt. Nur einen vergaß man zu vergraben, so daß er fortan nur noch geflüstert wurde. Aber ein geflüsterter Name hat es schwer, da niemand sich seiner annehmen will. Darum geht der Name auf leisen Sohlen durch die Stadt mit einem winzigen Dackel an der Seite und sucht nach einem Menschen, der ihn kennen will. Bisher war seine Suche vergebens. Alt und schwach ist er inzwischen geworden, daß er kaum noch zu hören ist, und alle hoffen, daß er bald ganz verschwindet und niemanden mehr belästigt.

Damals trug der Name eine schwarze Uniform und brüllte sich in alle Ohren. Vielleicht war es dieses Brüllen, daß niemand etwas gehört hat, denn sehen konnte man in jener Nacht bestimmt nichts. Nur Odins Auge, die grünblaue Stelle, wo in Beken der Fluß entspringt, hätte es sehen können. Aus Verzweiflung, so lautet die Sage, hatte sich Odin einst das Auge ausgerissen, um es gegen einen Schluck aus der Quelle der Weisheit einzutauschen. Aber viel zu lange hatte das Auge unter den Bekenern gelegen, bis es, über all dem Wissen trübe geworden, schließlich erblindet ist.

An nichts kann es sich mehr erinnern, nicht einmal an die nackten Menschen in jener Nacht im November, die stundenlang im eiskalten Quellwasser stehen mußten. Denn es wurde eine gründliche Taufe, weil der geflüsterte Name wissen wollte, wie lange Menschen eine derartige Bekehrung aushal¬ten können.

Pfarrer Vondiek, der neben der Quelle wohnt, hat wie alle anderen von nichts gewußt und kann deshalb auch nichts sagen. Er weiß nur eines: Des Herren Blut kommt nun einmal über die und deren Kinder, weil sie den Heiland getötet haben. Darum wurden sie geschlagen, bis zuletzt so viel Blut floß, daß man gar nicht mehr erkennen konnte, daß es nur ihr eigenes war.

Nach der Taufe waren sie verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Vielleicht wären sie auch gleich vergessen worden, wenn Mias Bruder Anton nicht den Samuel wiedergesehen hätte. Anton ist damals viel in der Welt herumgekommmen. Aus Prag hat er Strümpfe und aus Warschau bunte Kopftücher geschickt; in Polen aber, auf einer Landstraße, hat er plötzlich Samuel entdeckt. Samuel hatte seinen schönen Laden in Beken verlassen, um in Polen eine neue Straße zu bauen, damit Anton in seiner grauen Uniform noch schneller in der Welt herumkam. Es ging ihm gut, sagte Anton, er saß am Straßenrand und ruhte sich aus. Das sagte er immer wieder, bis alle erleichtert waren, daß es so schlimm gar nicht gewesen sein konnte.

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