Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 23


„Im Namen des barmherzigen und gütigen Gottes!“ Zakkarija sprach die Bismillah. Er tunkte die Rohrfeder in das Tintenhörnchen und ließ im Licht einer Kerze den Federkiel über das Papier eilen. Er mußte sein Buch zu Ende bringen, bevor sein Wissen in den Wirren der Zeit verlorenging.

Die ganze Nacht hatte er nicht schlafen können, und so war er wieder aufgestanden. Zu unruhig waren seine Gedanken gewesen. Er hatte auf Safijas Atem gehorcht, der auf und niederging, wie die Fluten eines schläfrigen Meeres. Dann nahm er behutsam ihren Arm von seiner Brust, und als er sicher war, daß sie nicht aufwachen würde, hatte er sich leise aus dem Zimmer geschlichen.

Zunächst war er in die Küche gegangen; dort entzündete er an der Herdglut eine Kerze und stapfte die Stufen zur Dachterrasse hinauf. Über ihm erstreckte sich der nächtliche Himmel. Al-Dschabbar, der Riese, den die Abendländer Orion nennen, berührte mit seinem Fuß schon den Horizont und würde ihn gleich überschreiten. Die Sternbilder des Winters strebten ihrem Untergang entgegen und in ewiger Wiederkehr des Gleichen stand das Frühjahr bevor. - Aber wer weiß, ob er es noch erleben würde. Denn die Welt stand Kopf, nur ad-Dub al-Akbar, der Große Bär, kreiste zuverlässig um die Himmelsmitte.

Sechs Wochen waren seit der Schlacht von Benevent vergangen, und nun belagerten die Truppen Karl von Anjous Lucera. Nachts konnte man die flackernden Wachfeuer sehen, aber noch glich die Belagerung einer locker gespannten Kette. Vorerst begnügten sich die Söldner mit der Verwüstung der umliegenden Olivenhaine und Obstgärten. Vor zwei Tagen, als Zakkarija wieder einmal auf das Minarett gestiegen war, entdeckte er, daß sie auch seine Bäume umgehauen hatten.

Er fühlte sich unendlich müde. Er spürte das Alter, das ihm in den Knochen steckte, und er dachte oft an den Tod. Aber erst mußte er sein Werk beenden. Dann würde er Dawud auf eine lange Reise schicken und danach, danach würde er sich ausruhen…

Zakkarija tunkte erneut die Feder in das Tintenhörnchen. Er nahm sich vor, die einzelnen Teile seiner Uhr verständlich darzulegen. Zunächst berechnete er den Durchmesser der Zahnräder und die Anzahl der Zacken. Alles kam auf das richtige Verhältnis an. Die Zähne des Antriebsrades mußten nach einem berechneten Plan präzise in das Minutenrad greifen, so daß es sich in einer Stunde einmal um sich selber drehte.

Noch immer empfand Zakkarija so etwas wie Stolz, wenn er seine eigene Erfindung betrachtete: die Hemmung. Getrieben vom Fall der Gewichte, griffen die Lappen der Spindel in die Zacken des Kronrads und verhinderten ein eiliges Abschnurren des ganzen Räderwerks.

Was für eine Freude hatte es ihm bereitet, damals, als er in Amalfi zum ersten Mal das große Zifferblatt seiner Uhr erblickte, dieses Abbild des kreisenden Sternenhimmels, über das der goldene Zeiger lief. - Es hatte nur den kleinen Fehler, daß der Gott dieser Uhr einmal am Tag sein Werk aufziehen mußte, während die Engel ganz ohne Schweiß die himmlischen Sphären drehten.

Zakkarija lehnte sich zurück und erinnerte sich an das eigenartige Geräusch, das die Hemmung erzeugte, wenn die Spindellappen Sekunde um Sekunde in das Kronrad griffen: dieses Tick, Tack, Tick, Tack. Wenn das Minutenrad im Sekundentakt vorwärtsruckte, klang es wie der Schlag des Herzens: schön und schaurig zugleich. Denn es zeigte auch einen unwiederholbaren Verlust an. Wenn die Stunde schlug, war schon wieder eine Spanne des Lebens vergangen… noch ein paar Schläge, und alles ist vorbei.

Zufrieden betrachtete Zakkarija die Blätter. Es war leicht, nach dieser Skizze eine Räderuhr zu bauen. - Gewiß: in Amalfi war er damit gescheitert. Die Menschen wollten einfach nicht nach seiner Uhr leben. Vielleicht war die neue Zeit zu schnell über sie gekommen, vielleicht hätten man sie langsam daran gewöhnen müssen… es sei denn… und dieser Gedanke beunruhigte ihn… es sei denn… es gäbe zwei Zeiten in der Welt… eine körperliche, die nur in Zahlen rechnet und eine seelische, die sich in den Träumen kundtut… und was, wenn es nicht die berechnete, sondern allein die erträumte Zeit wäre, die wirklich zählt... die Ewigkeit läge dann nicht mehr außer uns, sondern in uns... und nach innen ginge der geheimnisvolle Weg.

Aber warum sollte er an sich selber zweifeln? Die Menschen sind zwar unberechenbar, doch ist erst einmal etwas Neues erfunden worden, wird nichts und niemand es aufhalten! Ein anderer würde nach ihm kommen, um im Licht einer Kerze sein Buch zu studieren und - so Gott will - seine Uhr wieder zum Leben zu erwecken.

Der Morgen graute. Ein früher Vogel versuchte zögerlich sein Lied. Bald würde der Ruf des Muezzins erklingen. Zakkarija stieg die Treppe hinunter, um sich wieder hinzulegen. Das Morgengebet würde er heute ausfallen lassen. Er gab sich Mühe, Safija nicht aufzuwecken, aber sie hatte ihn schon bemerkt. Sie drehte sich auf die Seite, umschlang ihn wieder mit ihrem Arm und fragte schläfrig:

„Wo warst du?“

„Schlaf Liebes! Ich bin doch wieder bei dir!“

Safija war hellwach. Zakkarija schlug die Decke zurück und stand auf. Aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie stellte sich schlafend und atmete ruhig weiter. Sie hörte, wie er seine Kleider anlegte und in die Babuschen schlüpfte; leise öffnete er die Tür und langsam entfernten sich seine Schritte. Sie wußte: zuerst würde er an der schwachglimmenden Glut des Küchenherdes eine Kerze entzünden, und danach ging er auf die Dachterrasse, um nach den Sternen zu schauen.

Sie horchte auf das Knarren der Treppenstufen und vernahm nicht ohne Zärtlichkeit, wie er sich vergeblich bemühte, jedes Geräusch zu vermeiden. Dann ließ sie sich wieder in die seidige Dunkelheit des Zimmers zurücksinken… Wie warm es unter der Decke ist… noch ein letztes Knarzen der hölzernen Stufen, jetzt ist er da. Beruhigt drehte sie sich auf die Seite… Er wird bei mir bleiben… auch wenn die anderen schon gegangen sind… so wie Nurija. Nun ist es wieder still, und sie ist müde… so unendlich müde… ‚Nurija! Nurija! Wach auf! Was ist mit dir?’ Ihre Schwester rührt sich nicht. Sie liegt unter den Balken eines zusammengestürzten Hauses begraben… die weit aufgerissen Augen starren ins Leere, aus dem halbgeöffneten Mund sickert ein klebriger Blutfaden…. ‚Nurija!’ Ihr Gesicht ruht auf den roten Haaren wie auf einem Kissen. Auch ihr Vater muß hier irgendwo unter den Trümmern liegen. Aber er hatte sie weggegeben… an diesen fremden Mann, dessen Namen sie immer vergißt… wie sie alles vergißt… bis auf diese entsetzliche Nacht… der Name weg, der Mann weg, nur sein stechender Geruch ist noch geblieben… Und überall dieser gärende süße Gestank… überall diese schreienden Frauen, die sich die Haare raufen und das Gesicht zerkratzen und die Männer, die in den Trümmern wühlen. Und dann diese grünschillernden Fliegen, die sich auf Nurijas Lippen wimmeln. ‚Nurija!’ Safija schreckt hoch und wedelt mit der Hand umher, als müsse sie die Fliegen verscheuchen… ihr Herz überschlägt sich… es ist doch nur ein Traum … sie schließt wieder die Augen… nur ein Traum. Sie zieht die Decke unter das Kinn und läßt sich wieder zurückgleiten in diesen Zustand schwebender Zeiten… Nurija… sie lebt… sie sind im Hammam und bespritzen sich mit Wasser. Nun kämmt sie ihrer Schwester das rote seidige Haar. Das war, kurz bevor er ging. Sie horcht: er ist noch da… tapp tapp tapp… sie hört, wie er von der Dachterrasse heruntersteigt… gleich wird er sich vor dem Schreibpult niederhocken, um zu schreiben. Damals ist er auch gekommen… damals, als sie schon mit dem Leben abgeschlossen hatte.

Und nun sind sie hier, in diesem Haus… Aber vielleicht sind es nur noch ein paar Wochen oder Monate, dann werden andere hier wohnen. In diesem Haus, gleich hinter der Moschee … und die Moschee werden sie in eine Kirche umwandeln… und andere werden aus ihrem Brunnen trinken und die Früchte ihres Feigenbaumes essen, der ihren Hof beschattet. Das Leben wird weitergehen ohne sie, andere Menschen würden hier weinen, lachen, Kinder zeugen und gebären und irgendwann sterben. Sie könnte es leichter ertragen, wenn sie Dawud in Sicherheit wüßte... Dawud… er schläft noch…

‚Dawud! Komm her mein Kleiner!’ Er reckt die Ärmchen hoch, wackelt auf sie zu und fällt in ihre Arme. Sie schwingt ihn um ihre eigene Achse und herzt ihn ab. Aber er sträubt sich, und sie läßt ihn wieder laufen, immer um den Feigenbaum herum. Er bückt sich, greift ungelenk nach einer Frucht, die auf dem Boden liegt und… plumps… fällt er auf seinen kleinen Hintern… und dann dieses Fieber, als sie dachten, er stürbe und immer diese Angst… Dawud… so klein und jetzt so groß…tapp tapp tapp… Zakkarija kommt wieder herunter… alt sind wir geworden… und wie schnell das ging, man hat es kaum gemerkt. Sie hört seine schlurfenden Schritte… früher ist er anders gegangen, leichter, beschwingter. Als er wieder neben ihr liegt, umfängt sie ihn mit ihrem Arm.

„Wo warst du?“

„Schlaf Liebes! Ich bin doch wieder bei dir!“

Von draußen drang der Morgen herein, und die samtige Schwärze wandelte sich in ein fahles Grau. Ein Vogel zirpte, ein Hahn krähte, und schließlich rief der Muezzin. Aber jetzt würden sie nicht aufstehen, das Morgengebet würden sie später nachholen, wenn überhaupt.

Sie stellte sich wieder schlafend und wollte noch dieses kostbare Schweben genießen, diesen Zustand, in dem sich die Zeit verflüchtigt. Sie hörte, wie seine Atemzüge gleichmäßiger wurden… Und dann kam Nurija zurück… Nurija… wieder sind sie im Hammam und bespritzen sich mit Wasser. Nurija greift in ihre Haare. ‚Halt endlich still!’ Immer tut es weh, wenn sie ihre Haare in Strähnen teilt und sie zu Zöpfen flicht. Gleich würde Nurija sich über ihre Hände beugen und sie mit Henna bemalen. Keiner kann das so gut wie sie... Wie schön es doch ist, wenn die Zeit stirbt, und die Toten in unseren Träumen wiederauferstehen.

(…)

Copyright 2013 by Klaus Plöger

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