Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 19


„Hurija! Komm her, meine Schöne!“ Die braune Stute spitzte die Ohren und tänzelte mit anmutigen Schritten auf Habib al-Halladsch zu. Er griff in die Zügel, zog den Kopf zu sich heran und blies liebkosend seinen Atem in die Nüstern. Aber das Pferd zeigte sich nicht damit zufrieden. Begehrlich stupste es mit der Nase gegen die Tasche seines Reitermantels. Habib al-Halladsch lachte über die Klugheit seiner Stute und zog eine gedörrte Dattel hervor, die er ihr zwischen die Lippen schob.

Unter den schattigen Arkaden des Innenhofes saßen seine Gefährten. Er spürte ihre Blicke und wußte, daß sie ihn um sein Pferd beneideten. Wie schön sie doch ist: Schweif und Mähne pechschwarz und rotbraun das Fell. Wie alle vollblütigen Araber hatte sie einen kleinen Kopf mit dem nach innen gewölbten Nasenrücken. Eine schmale Blesse lief über die Stirn und die weiße Zeichnung wiederholte sich an den Fesseln der Vor- und Hinterhand; es sah aus, als trüge sie weiße Stiefelchen. Und wie prächtig war sie herausgeputzt! Bunte Troddeln hingen von Hals- und Schweifriemen herab und die dunkelrote Satteldecke suchte ihres ihresgleichen.

Habib al-Halladsch kraulte die Mähne des Pferdes, unterbrach jedoch sein zärtliches Spiel, als er sah, daß die Gefangenen in den Hof geführt wurden. Er setzte den linken Fuß in den Steigbügel, umfaßte das Sattelhorn und schwang sich auf den Rücken. Auch die anderen saßen nun auf, und das Geklapper der Hufe erfüllte den Innenhof.

Er warf einen Blick auf die Gefangenen. Es waren fünf Männer, ein etwa sechzigjähriger Greis, drei Männer mittleren Alters und ein fünfzehn- oder siebzehnjähriger Junge. Sie torkelten aus dem Tor des Kerkers heraus, geblendet vom gleißenden Licht des Tages. Ihre Kleider waren völlig verschmutzt und zerschlissen, nur der Stoff ihrer Gewänder ließ ahnen, daß ihre Träger einmal bessere Zeiten gesehen hatten.

Einige der Gefangenen waren Honoratioren der Stadt Messina, die anderen Geiseln aus den besseren Familien. Sie hatten vor etwa einem Jahr gegen den eingesetzten Justiziar rebelliert, als dieser im Namen des Kaisers neue Steuern erhob. Der Aufstand war auf die anderen sizilischen Städte übergesprungen, aber nachdem ein kaiserliches Heer über die Meerenge setzte, brach die Erhebung zusammen. Zwar hatte al-Imberatur Milde versprochen, doch dann ließ er die Rädelsführer aufhängen und die Mitläufer ins Gefängnis werfen. Einige hundert Einwohner wurden nach Palermo verschleppt und dort wieder angesiedelt.

Habib al-Halladsch ritt näher an die Gefangenen heran. Die Handgelenke waren mit verschraubten Eisenbarren zusammengequetscht und ein langer Strick lief von Hals zu Hals, so wie man Maultiere in einer Karawane zusammenbindet. Es waren armselige Gestalten, mit verfilzten Haaren und Bärten, die Rücken von langer Haft gebeugt. Er forschte in den abgezehrten Gesichtern, ob er jemanden wiedererkennen würde. Denn er war damals in Messina dabeigewesen. Aber die knochendürren Gestalten mit ihren glanzlosen Augen ähnelten sich in ihrem Elend zu sehr, um noch als die Menschen erkannt zu werden, die sei einmal gewesen waren. Sie stanken und waren obendrein von Krätze befallen, wie die verschorften Arme und Beine verrieten. Nur in den blaßblauen Augen eines Mannes glomm eine stille Wut. Er war großgewachsen, mit rotblonden Haaren, wie man sie den Nachfahren der Normannen zuschreibt. Hochmütig verzog er das Gesicht und reckte die Brust vor, als er merkte, daß man ihn musterte.

Habib al-Halladsch ärgerte sich über den Stolz dieses Mannes. Was bildet sich dieser Ungläubige ein… Wo bleibt die Demut dieses Nazareners? Er sah ihn finster an, zog dann geräuschvoll seinen Schleim im Rachen zusammen und spuckte ihm ins Gesicht. Der Mann zuckte nicht einmal zusammen. Im Gegenteil: obwohl ihm der gelbgrüne Rotz über die Wange lief und sich im Bart verfing, glaubte al-Halladsch sogar ein verächtliches Lächeln zu bemerken. Wütend wandte er sich ab und lenkte sein Pferd zu dem Schreiber, der in Begleitung des Kerkermeisters und zweier Gehilfen die Gefangenen aus dem Verlies gebracht hatte.

Der Schreiber, ein dürrer Mann, mit einem kahlen Schädel und stumpfen Blick, reichte al-Halladsch einen Zettel. Er überflog ihn kurz und verglich die darauf verzeichneten Namen mit der Anzahl der Gefangenen. Dann gab er dem schwarzbärtigen Kerkermeister einen Wink. Voll schläfriger Kraft wankte der vierschrötige Mann herbei. Er kehrte al-Halladsch den Rücken zu, beugte sich vornüber, dabei die Hände auf die Knie stützend. Der Schreiber tunkte eine Rohrfeder in ein Tintenfaß, das er in einem Gürteltäschchen verwahrte. Das lederne Wams des Kerkermeisters als Unterlage benutzend, bestätigte al-Halladsch die Übernahme der Gefangenen.

Er gab den Befehl zum Aufbruch und stieß mit dem Schaft seiner Lanze einen Gefangenen an, der vorwärts strauchelte. Zwei seiner Männer ritten vorweg, zwei weitere an den Seiten, während er selbst die Nachhut bildete. So hatte er alle vor sich.

Sie passierten die Schildwachen und kamen in den Park. Schwarzgrüne Zypressen stachen wie Speerspitzen in den blauen Himmel, Palmen wedelten sanft im Wind. Im fächelnden Schatten ihrer Blätter erreichten sie die äußere Ringmauer. Noch einmal ging es an den Torwachen vorbei, dann bogen sie in den Cassaro ein. Es war Nachmittag. Der kürzeste Weg zum Hafen lag nun direkt vor ihnen. Vom Hügel des al-Kasr - wie sie nach alter Gewohnheit den Palazzo Reale nannten - lief die Straße schnurgerade dem Meere zu, das wie ein träges Tier mit blausilbernen Schuppen in der Ferne gleißte. Dort wartete eine Galeere. Sie hatten Befehl, die Gefangenen nach Neapel zu bringen, wo man sie im Castel dell‘ Ovo für weitere Jahre einstecken würde.

Auf der Straße war viel Landvolk unterwegs. Bauern, die vom morgendlichen Markt zurückkehrten. Gezeichnet von der Last ihrer Jahre, gingen sie mit müden Gesichtern an ihnen vorüber. Zu oft hatten sie derartige Züge gesehen. Nur einige Mägde, leere Bastkörbe auf dem Köpfen tragend, und blickten den Gefangenen mitleidig nach.

Zur Freude seiner Männer änderte Habib al-Halladsch den Weg. Er ritt nun vorneweg und bog in das Harat al-Masdschid, das alte sarazenische Viertel ein. Nur ein Teil davon war noch bewohnt, der Rest lag in Trümmern. Vor über dreißig Jahren hatte man alle Muslime aus Palermo vertrieben. Aber viele waren wieder zurückgekehrt. Jetzt beherbergte es noch drei- bis viertausend Einwohner, Handwerker und Händler, die - wenn man den Gerüchten Glauben schenkte - bald nach Lucera umgesiedelt werden sollten.

Die Marktgasse war mit losen Latten überdacht. Und im gedämpften Licht warfen die Schatten dunkle Streifen, die wie flirrende Wellen über die Fußgänger hinwegglitten. Die Männer und Frauen drückten sich scheu zur Seite und bestaunten diesen seltsamen Zug mit den torkelnden Gefangenen. Nur die Kinder zogen lärmend hinterdrein. Menschen, die ihn kaum kannten, berührten mit der rechten Hand ihre Stirn und die Lippen und verneigten sich ehrerbietig vor ihm, dem Befehlshaber der Wache. Habib al-Halladsch richtete sich im Sattel auf und erwiderte bei diesem oder jenem mit einem kurzen Nicken den Gruß.

Habib al-Halladsch genoß es, gesehen zu werden. Heute abend, im Hof der Moschee, würde man mit Achtung über ihn reden. Und gewiß würde auch der Kadi davon erfahren... dieser alte Zausel, bildet sich reichlich viel ein auf seine Gelehrsamkeit, dabei ist alles nur Geschwätz... denn ich habe die Macht, die Ungläubigen gefesselt hinter mir herzuziehen.

Er rückte sein Schwert zurecht. Sicher wird auch sie davon erfahren. Die Tochter des Kadis… soll ruhig wissen, wer ich bin... ’s heißt: sie wäre eine Schönheit, eine Madschdula... wie auch immer! Was kann bei ihr schon anders sein als bei den Huren im Hafen… vielleicht nur ein wenig zu stolz, weil man sie hat lesen lassen. Was für ein Einfall, einer Frau Bücher zu geben… bildet sich nachher noch was darauf ein... Bücher! Aber das würde er ihr schon austreiben!

Er stieß die scharfe Kante des Steigbügels in die Flanken seines Pferdes. Das Tier bäumte sich erschreckt auf, und er spürte das Zittern des warmen Leibes unter seinen Schenkeln. Er würde es ihr zeigen... das ist nicht die erste Stute, die er zugeritten hat - und mit wilder Freude dachte er: und es wird auch nicht die letzte bleiben!

Der Geruch gebratenen Fleisches zog ihnen entgegen. Sie kamen zu den Ständen der Garköche, die über Kohlefeuern kleine Fleischspieße brieten. Ein dicker Koch sah bewundernd zu ihm auf, nahm einen Spieß und rief:

„Hier! Nehmt! Möge Gottes Segen auf euch ruhen!“

Habib al-Halladsch beugte sich nieder und dankte knapp. Er zog mit den Zähnen das Fleisch vom Spieß, das ihm doppelt gut schmeckte - war diese Gabe doch ein Beweis der Achtung, die man ihm entgegenbrachte.

Sie erreichten nun den Ausgang des Suks. Im Schatten einer Mauer, hockten die unvermeidlichen Alten in ihren erdfarbenen Burnussen; Unempfindlich geworden gegen den Lauf der Zeit, ließen sie in wohliger Mattigkeit die Schatten des Tages lang werden. Sie sprachen nicht viel, verstanden alles und schauten durch alle hindurch. Und dieser Befehlshaber auf seinem Pferd konnte sie schon gar nicht beeindrucken.

Der Lärm des Marktes lag nun hinter ihnen, und sie kamen in den Teil des Harat al-Masdschid, der in Trümmern daniederlag. Brandgeschwärzte Ruinen säumten ihren Weg. Wilder Wein und Efeu wuchsen auf zerborstenen Mauern und eingebrochenen Dächern. Aus dem Fenster eines Hauses ragten die Äste eines Feigenbaumes hervor. Eine schwarze Katze hockte auf der Türschwelle und folgte den Eindringlingen mit ihren gelben Augen. Vor einigen Jahren, bei einem Aufstand, hatten die Christen das Viertel in Schutt und Asche gelegt und die Muslime aus der Stadt vertrieben.

Sie zogen nun über ein brachliegendes Trümmerfeld, das von Brennesseln und Disteln überwuchert wurde. Auf Schuttkegeln sprangen schwarze Ziegen umher. Nichts deutete daraufhin, daß hier einmal Menschen gelebt hatten. Einem Trampelpfad folgend, kehrten sie auf den Cassaro zurück, passierten das Bab al-Bahr, das Meerestor, um den Weg zum Hafen zu nehmen. Doch dann trat ein, was immer geschah.

In Windeseile hatte sich herumgesprochen, daß die Schurta unterwegs war. Und auf einmal waren sie da: die Frauen der Gefangenen. Weinend und wimmernd hingen sie an ihren Männern. Habib al-Halladsch stieß sie mit dem Schaft seiner Lanze zurück. Aber sie ließen sich nicht abweisen. Sie küßten und streichelten die Gesichter ihrer Ehemänner und Söhne, jammerten und klagten. Eine kleine Brünette hatte sich an den stolzen Blonden gehängt. Doch es schien ihm nicht recht zu sein. Verzweifelt versuchte er, ihre zudringliche Zärtlichkeit abzuschütteln, soweit ihm dies mit den gefesselten Händen möglich war. Sein Gesicht verriet den Grund: er selbst war den Tränen nahe und fürchtete, seine Haltung zu verlieren.

Die Frau war einen Kopf kleiner als er. Ein breiter Gürtel umschloß ihr knöchellanges Kleid, straffte den blauen Stoff und ließ die runden Hüften und vollen Brüste noch stärker hervortreten. Aus dem aufgesteckten Haar hatten sich einige Strähnen gelöst, die ihr wie rotbraune Schlangen über die Schultern fielen. Das Brusttuch war verrutscht und der Ausschnitt entblößte den Spalt ihrer eng aneinanderliegenden Brüste.

„Zurück! Geht zurück!“ Die Frauen bettelten darum, ein paar Worte mit ihren Männern wechseln zu dürfen. Doch eingeschüchtert durch die Drohungen der Wachen, folgten sie ihren Männern im sicheren Abstand. Nur die Brünette ließ sich nicht beeindrucken, aber schließlich fiel auch sie zurück.

Habib al-Halladsch ritt um die Frau herum und betrachtete sie von allen Seiten. Was für ein prächtiges Weib! Noch schöner als diese Schwarzhaarige neulich... anfangs hatte sie sich geweigert, aber dann hatte sie alles getan, was er wollte. Er sah der Frau ins Gesicht. Sie hatte eine hohe Stirn und unter den schmalen Brauen blickten ihn erschreckte Augen an. Tränen liefen ihr über die Wangen und ihre kleine Nase war leicht gerötet. Als sie ihn sah, öffneten sich ihre vollen Lippen wie zu einem lautlosen Schrei. Ihr Schrecken verriet, daß diese Situation neu für sie war. Gewiß hatte sie bis zur Verhaftung ihres Mannes im Reichtum gelebt und war nun völlig ihrem Schicksal ausgeliefert.

Er spürte den warmen zitternden Leib des Pferdes unter seinen Beinen und ihn überkam das übermächtige Verlangen, sich diese Frau gefügig zu machen. Er beugte sich aus dem Sattel vor und sprach so leise, daß es für die anderen aussah, als wolle er sie zurechtweisen.

„Wenn Ihr euren Mann sehen wollt, dann kommt heute abend zum Hafen. Paßt aber auf, daß euch niemand folgt. Vielleicht kann ich etwas für euch tun.“

Ihre erschreckten Augen weiteten sich zu einem Staunen, Hoffnung flackerte in ihnen auf und schließlich huschte ein dankbares Lächeln über das Gesicht.

Am Abend stand sie tatsächlich auf dem Kai, neben dem Laufrad eines großen Lastkrans, dessen Schwenkarm bedrohlich in den Himmel ragte. Säcke mit Baumwolle stapelten sich um sie herum, fast hätte er die Frau übersehen. Die Luft war erfüllt vom schweren Geruch nach Tang, Teer und faulen Fischen.

Er lehnte an der Bordwand und wartete, bis es dunkel geworden war. Als niemand mehr auf dem Kai zu sehen war, verließ er über die Laufplanke das Schiff und sprach sie an. Voller Dankbarkeit kniete sie nieder. Er war überrascht, damit hatte er nicht gerechnet. Doch bevor ihn ein Gefühl des Mitleids anrührte, sprach er barsch:

„Steht auf!“

„Mein Mann... ihr sagtet... daß ich meinen Mann sprechen kann!“

„Es ist nicht ungefährlich für mich. Ich wage viel... und... auch ihr müßt etwas für mich tun!“

„Was soll ich tun?“ Ihr ratloses Staunen zeigte, daß sie noch nichts ahnte.

„Ihr müßt… nur eure Zunge etwas spielen lassen.“ Es dauerte, bis sie endlich begriff. Ihre schönen braunen Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Nein, das... das... kann ich nicht!“

„Was ist schon dabei?“

„Nein... Nein!“ Schluchzend senkte sie ihren Kopf.

„Wie ihr wollt. Es ist euer Mann. Ich hätte ihm gern geholfen... wer weiß, wie lange er noch lebt. Aber wenn ihr nicht bereit seid, dieses kleine Opfer zu bringen... Jede andere Frau hätte es getan!“

Er wandte sich um, als wolle er gehen.

„Wartet!“

Er lächelte, zufrieden über seinen Sieg.

„Hab keine Angst! Ich werde nichts tun, was du nicht willst.“

Sie standen sich dicht an dicht gegenüber, und er spürte ihren Atem. Am liebsten hätte er ihr die Kleider vom Leib gerissen, sie über einen der Baumwollsäcke geworfen, um in ihren Körper einzudringen. Aber er beherrschte sich.

„Entblöße deine Brust!“

Sie schälte ihre großen festen Brüste aus dem Kleid hervor. Er betrachtete die eingesunkenen Warzen und bemerkte auf der linken Brust ein auffälliges Muttermal.

„Knie nieder!“

Er schlug seinen Mantel auf und öffnete die Hose. Mit beiden Händen griff er in die dichten rotbraunen Haare, riß ihren Kopf zurück und schaute in das hübsche tränenüberströmte Gesicht. Er liebte es, wenn sie dabei heulten. Dann führte er ihren Kopf zwischen seine Schenkel und gab ihr seine aufgerichtete Männlichkeit zu schmecken. Er bewegte sich vor und zurück, spürte ihre Lippen, ihre Zunge und die feuchte Wärme ihrer Mundhöhle. Er seufzte und stöhnte, bis er sich entlud.

Als er fertig war, spuckte und würgte sie alles heraus. Hastig bedeckte sie ihre Brust. Ihr Körper bebte, und sie schluchzte hemmungslos vor sich hin.

„Mein Mann... Ihr habt versprochen...“

„Wartet hier!“

Er schloß seine Hose, ging davon und kam auch nicht mehr wieder. Er hatte bekommen, was er wollte, und er fühlte sich zutiefst befriedigt. Am nächsten Morgen stand sie noch immer auf dem Kai; weinend und wimmernd rief sie den Namen ihres Mannes. Er sah von der Bordwand zu ihr herüber. Versteh einer diese Frauen… Gewiß redet sie sich ein, es hätte ihr keinen Spaß gemacht... Wie gemein doch die Weiber sind!

Die Sonne kletterte den Himmel hinauf, und die Möwen segelten kreischend um die Masten. Die Seeleute lösten die Taue und stießen mit Bootshaken das Schiff vom Kai ab. Eine Trommel schlug, und in ihrem Takt tauchten die Ruder ins Wasser. Langsam glitt die Galeere aus dem Hafen. Was für einen Sieg hatte er über dieses Weib errungen... Was für eine Demütigung hatte er ihr bereitet! Aber noch fehlte etwas... ihr Mann... er mußte ihren Mann sehen!

Er ging an den Ruderern vorbei, die mit nackten schweißigen Oberkörpern zu zweit an den Riemen zogen und stieg durch eine Luke unter das Deck. Über Kisten und Fässer hinweg gelangte er in den modrigen Bug des Schiffes. Dort lagen die Gefangenen. Als er den Blonden entdeckte, stieß er ihn mit dem Fuß an und blickte in das hochmütige Gesicht. Dann sprach er ruhig und jedes Wort auskostend:

„Du hast ein schönes Weib. Es hat mir gut gefallen, besonders das Muttermal auf ihrer linken Brust ist ganz reizend. Nur schade, daß sie eine Hure ist.“

Der Mann bäumte sich auf, schrie wie ein todwundes Tier und brach, zurückgerissen von den Ketten, ohnmächtig zusammen. Lachend wandte sich Habib al-Halladsch von ihm ab, beglückt und berauscht von der Fülle seiner Macht.

Die Sonne ging auf und wieder unter, der Mond nahm zu und wieder ab, und die Sterne kreisten in ihren berechenbaren Bahnen. Ihr kaltes Licht streifte die Erde und sinnlos verstrich die Zeit. Und doch hatte sie ein Ziel. Alles lief auf den einen Tag hinaus: den Tag des Schreckens.

Safija hätte schreien müssen, aber sie wurde immer stiller und verstummte schließlich ganz. Sie tat alles, wie es die anderen taten; aber es war aber eine entsetzliche Leere in ihr, sie fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, ihr Leben war ihr eine überflüssige Last. Was um sie herum geschah, berührte sie nicht mehr. Zakkarija war gegangen, und alles war vorbei. Gleichgültig gegen sich selbst, lebte sie neben sich her und nahm nicht wahr, wie die anderen in einen freudigen Taumel gerieten.

Lalla Farida, ihre Tante, ließ sie nicht mehr aus den Augen. Worte fielen wie Ehevertrag und Brautpreis, aber alles war so weit weg, als spräche man über die Belange einer Fremden. Nur manchmal verspürte sie ein leises Unbehagen. Aber sie wollte nichts Näheres über diese Fremde wissen. Das bin nicht ich, sagte sie sich, es ist jemand anderes, über die sie reden.

„Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch auf dem Trockenen!“ ermahnte sie ihre Tante. „Safija! Safija!“ redete ihre Schwester beschwörend auf sie ein. „Es steht so geschrieben! Du kannst es nicht ändern! Wir alle sind in Gottes Hand!“ Sanft streichelte Nurija über Safijas Wangen und weinte, denn sie hatte noch Tränen.

Doch wie ein großer Mühlstein rollte das Schicksal auf sie zu. Das Brautgeld wurde übergeben, und der Tag des Schreckens nahte. Aber alles war so fern, alles war so fremd. Am Abend davor zerrten sie Safija in den Hammam. Der heiße Dampf hing schwer in der Luft. Aus dem Nebel tauchten menschliche Schemen auf. Vor Fröhlichkeit verzerrte Gesichter sprachen unverständliche Worte und verschwanden wieder im weißen Dunst. Das Wasser plätscherte über die Steine, die Kinder lärmten und ihre Stimmen hallten unter der Kuppel wider. Safija hätte vor Verzweiflung schreien müssen. Aber alles war so trüb, so fern.

Die alten Weiber zupften und fingerten an ihr herum. Sie seiften ihren Körper ein und machten sich über ihre Achsel- und Schamhaare her. Zuletzt bemalten sie ihre Hände und Füße mit Henna.

Wie glücklich waren diese alten Hexen mit ihren verwelkten Leibern. Endlich hatten sie ein Opfer gefunden, an dem sie ihre verlorene Schönheit erneuern konnten. ‚Oh Gott, laß das Blut dieser Jungfrau fließen, damit sie erleidet, was uns widerfuhr! Es gibt kein Aufbegehren gegen deinen Ratschluß, denn du allein bist der Herr der Zeit, und wir alle sind in deiner Hand!‘ Sie lachten, scherzten und sprachen: „Wie schüchtern sie doch ist!“ Safija schwieg und Nurija weinte.

Am nächsten Morgen, dem Tag des Blutes, zerrten sie wieder an ihr herum. Sie flochten ihre blonden Haare zu langen Zöpfen, durchwirkt mit bunten Seidenbändern. Dann setzten sie ihr ein silbernes Diadem auf den Kopf und riefen: „Wie traurig sie doch ist!“ Das war es, was sie von ihr erwarteten, und bald würde sie so sein wie diese Frauen.

Safijas Gesicht war schön wie nie zuvor. Ihre blauen Augen schimmerten wie ein unbewegtes Meer, und verborgen in den unergründlichen Tiefen schlummerte ihre verwundete Seele. Sie trug ein Kleid aus rubinrotem Samt und darüber eine blaue Jacke. Schwere Ketten, mit Gold- und Silbermünzen besetzt, hingen um ihren zarten, nackten Hals. Armreifen klingelten am Handgelenk und die Ohrringe, zwei helle Perlen, funkelten im Licht. Bevor sie ihr einen Gazeschleier überwarfen, hielten sie ihr einen polierten Spiegel vor das Gesicht. Gespannt warteten sie auf einen Ausruf des Erstaunens oder gar Entzückens.

„Das bin nicht ich!“ sagte Safija. Die Frauen lachten, und Nurija weinte.

Dann kamen die Musikerinnen. Die Viola verbreitete schleppend und schmerzlich die Weise eines Liebesliedes. Die Stimmen der Sängerinnen fielen klagend darin ein, bis Trommel und Tamburin den Takt übernahmen. Der Rhythmus wurde schneller und schneller, die Stimmen lauter, die Freudentriller schriller. Die Frauen tanzten sich in eine besinnungslose Verzückung hinein und weideten sich an dem Anblick der geschmückten Braut, die wie eine stumme Prinzessin auf ihrem Thron saß. Heute war der Tag des Blutes! Heute war der Tag des Herrn!

Aus der Nachbarschaft kamen immer mehr Leute herbei. Sie beglückwünschten Safija und nannten diesen fremden Namen, der in irgendeiner Verbindung zu ihr stehen sollte. Aber sie konnte sich nicht mit den Augen dieser Frauen sehen und nicht mit ihren Zungen reden. Das bin doch nicht ich! Alles kam ihr so unwirklich vor, als wäre es nur eine Puppe, die an ihrer Stelle lebte.

Am Abend schleppten sie Safija aus dem Haus. Ihr Vater nahm sie beim Arm und führte sie über die Schwelle auf die Gasse. Dort setzte er Safija auf ein weißes Maultier. Er vermied es, seine Tochter anzusehen, auch er schien bedrückt. Aber Safija hatte keine Gefühle mehr für ihn, und nicht einmal mehr für sich selbst. Ihr Vater hatte sie verraten. Wenn ihre Mutter noch lebte, wäre es vielleicht anders gekommen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Vorneweg die Musikanten, dahinter drei Packpferde, die ihre Aussteuer trugen: Kleider, Polster und Geschirr. Lärmend ging es durch die engen Gassen. Die Leute traten beiseite, und die Gesichter am Straßenrand glitten vorüber wie helle verschwommene Flecken.

Dann zerrten sie Safija in ein fremdes Haus mit fremden Gesichtern. Wieder begann die Musik. Wie von Dschinnen besessen, wirbelten die Frauen umher, und alle Zeit flog unter ihren Füßen davon. Die Trommeln dröhnten, die Schellen des Tamburins klingelten, immer schneller und schneller drehten sich die Frauen, trillerten, tanzten und taumelten bis zur Erschöpfung. Gegen Mitternacht brach der Lärm ab. Alles wurde still. Niemand sprach ein Wort. Nur im unteren Stockwerk, wo die Männer feierten, hörte man noch Stimmen. Eine beklemmende Traurigkeit ergriff die Frauen, als erinnerten sie sich daran, was ihnen einst geschah.

Lalla Farida und Umm Habib nahmen Safija bei der Hand und zogen sie in ein Zimmer. Sie sprachen beruhigend auf sie ein, so wie man beim Opferfest einem Lamm gut zuredet, bevor man ihm das Messer an die Kehle setzt. Ihre Tante streichelte Safijas Kopf, dann entkleideten sie die Braut. Sie streiften ihr ein weißes Nachthemd über und betteten Safija auf eine Matratze. Als sie fertig waren, besprengten sie den Boden mit Rosenwasser, schlossen leise die Tür und ließen die Braut im flackernden Licht einer Kerze allein.

Nun würde es geschehen. Safija zitterte am ganzen Körper und ihre Zähne klapperten. Nichts, sagte sie sich, nichts kann mich berühren… mein Körper ist nur eine leere Hülle… meine Seele ist schon tot.

Die Tür wurde aufgerissen. Im hellen Rechteck stand eine dunkle Gestalt. Entsetzt drehte Safija den Kopf zur Seite. Der fremde Name war gekommen, um ihr Gewalt anzutun.

Aber noch nahm er sich Zeit. Er trat neben das Bett, kniete betend nieder und sprach die Bismillah. Dann richtete er sich auf. Safija hörte, wie er seine Kleider ablegte. Aber alles geschah so langsam, als wäre es ein schlechter Traum. Das kann doch nicht wahr sein…oh Gott, steh mir bei, laß diese Gestalt wieder gehen…habe ich nicht immer alle Gebete verrichtet und alle Pflichten erfüllt…

Eine schwere Masse wälzte sich über sie. Der fremde Körper nahm von ihr Besitz, Ekel stieg in ihr auf. Sie spürte sein Gewicht und diesen ekelhaften Geruch nach Schweiß und vergorenen Speisen. Sie hält die Augen geschlossen… nur nichts sehen… nur nichts sehen… Was ist das? Eine Hand schiebt ihr Nachthemd hoch. Mit beiden Händen reißt sie es wieder herunter. Er aber greift ihre Arme, drückt sie zur Seite und macht sich wieder an ihrem Hemd zu schaffen. Sie hält es krampfhaft fest. Da reißt er mit einem genußvollen Grunzen das Hemd entzwei.

„So ist es gut!“

Grob betastet er ihre Schenkel, ihre Brüste. Schwer liegt er auf ihr. Sie preßt die Beine zusammen, versucht dem Gewicht zu entkommen und windet sich hin und her.

„Du willst nicht!“ Ein höhnisches Lachen. Er greift ihr ins Haar, reißt ihren Kopf nach hinten, bis es schmerzt. „Los, wehr dich!“

Das also ist es, was du willst… Es macht dir Lust, wenn ich mich wehre. Da macht sie sich ganz steif und spürt nur noch den keuchenden Atem des Fremden.

Er reißt ihr die Beine auseinander und zwängt sich dazwischen. Etwas kriecht an der Innenseite ihrer Schenkel hoch. Es fühlt sich an wie die feuchte Haut einer Schlange … nichts kann mich berühren. Dann ein Stoß und ein brennender Schmerz als würde es ihren Leib zerreißen.

„Schrei doch endlich!“ Mit heftigen Stößen dringt er in sie ein. „Wehr dich doch!“ Sie preßt die Lippen zusammen. Ein wütendes Rammen und Reiben in der Wunde. Keinen Laut soll er hören… nichts kann mich berühren… sie ist frei, wirklich frei.

Wütend vergewaltigt er ihren verschlossenen Körper. Sein keuchender Atem wird schneller und schneller. Jetzt spürt sie, wie das Blut fließt. Aber es ist ja nicht mehr ihr Körper. Noch ein paar letzte Stöße, und er spritzt seinen Schleim in sie hinein. Jählings hält er inne. Noch ein letztes wohliges Stöhnen, und schließlich fällt er von ihr ab.

Schwer atmend bleibt er neben ihr liegen, dann erhebt sich der fremde Name, kleidet sich an und geht zur Tür hinaus. Safija dreht sich zur Seite. Es ist vorbei!

Die Tür wird wieder aufgerissen, und die Frauen stürzen herein. Auf diesen Augenblick haben sie gewartet. Umm Habib reißt das blutbefleckte Bettlaken an sich. Mit wilden Freudentrillern rennt sie hinaus, um es triumphierend den anderen zu zeigen. Und wieder beginnt der ekstatischen Tanz der alten Weiber.

Safija zieht mit verkrampften Händen das zerrissene Nachthemd zusammen, als könne sie ihren nackten Körper noch vor etwas schützen. Taumelnd steht sie auf und hat nur einen Wunsch: diesen Mann von sich abzuwaschen und das herauszuspülen, was er in sie hineingespritzt hatte… nur kein Kind von diesem Tier… Nichts soll mich berühren!

EMail:Info@literatur-der-anderen.de