Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 18


Mehr als eine Woche war seit der Audienz beim Kardinal Sinibald Fiesco vergangen und eine Nachricht aus der päpstlichen Kanzlei ließ auf sich warten. Also beschloß Elias, sich die Wunder Roms anzusehen. An einem Morgen wanderte er den Hügel des Lateran hinunter. Wein- und Obstgärten säumten seinen Weg. Die weißen Blüten der Apfelbäume trugen in jedem ihrer Kelche einen Tropfen roten Blutes, und hier und dort rieselten sie wie Schnee auf die grünen Wiesen.

Bald hatte er das Kolosseum erreicht, das wie ein zerbrochener Waschzuber in einer Senke lag. Die Reste der dreigeschossigen Bogenreihen ließen noch das einstige Aussehen des Amphitheaters erahnen. Silbergrüne Sträucher wuchsen auf dem Bau und rotgelbe Flechten überzogen die Steine, die warm im Sonnenlicht leuchteten. In den ebenerdigen Arkaden hatten Handwerker ihre Werkstätten eingerichtet - wie überall gingen sie ihrer Arbeit unter dem freien Himmel nach. Kinder liefen lärmend umher, einander jagend und fangend, und scheuchten einige Hühner auf, die gackernd und flügelschlagend davonstoben.

Elias folgte dem Pfad, der zum Forum Romanum hinaufführte. Auf der rechten Seite begrenzten winkelige Häuschen das Forum. In ihrer Mitte hielten sie eine Kirche umklammert, die man in die Säulen eines Tempels hineingepreßt hatte. Nur der Portikus verriet noch die antike Herkunft. Gleichwohl wahrten die Häuser Abstand vom Forum, als wagten sie nicht, den alten heidnischen Boden zu betreten.

Ganz in der Nähe standen drei verlorene Säulen; halb versunken im Erdreich, trugen sie noch die Reste eines Gebälks. Aus dem Boden ragten Bruchstücke von Architraven und Kapitellen hervor, und in einer Ruine sah Elias einen Kalkbrenner, der die Relikte marmorner Herrlichkeiten zerschlug und in einen Ofen warf. Jeder Stein, den Elias mit dem Fuß berührte, war ein Fragment und zeigte Spuren der Bearbeitung. Das Forum, das ehemals mächtige Zentrum der Welt, war nun zu einer Viehweide herabgesunken. Langhornige Rinder beugten sich über einen Sarkophag, der ihnen als Tränke diente. Auf einer gestürzten Säulentrommel saß ein Hirte mit einem breitkrempigen Hut, ihm gegenüber stand ein anderer, die Hände auf einem Stab gestützt. Elias kamen die Verse aus dem Prediger Salomo in den Sinn: ‚Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach dem Wind.‘ Nie zuvor hatte er die Vergänglichkeit des Lebens so stark empfunden. Nichts konnte vor der Ewigkeit bestehen. Alles Geschaffene verfiel, nur der Glaube nicht.

Elias folgte weiter dem staubigen Weg, doch dann blieb er stehen. Inmitten der Trümmer stand eine männliche Gestalt. Sie ruhte auf einem Sockel und blickte ihn regungslos an. Erst als Elias sich ihr mit scheuer Neugier näherte, erkannte er, daß es eine Statue war. Es war ein schöner kräftiger Mann - und: er war nackt. Zwischen den Beinen hingen die ungleich schweren Hoden und darüber lag ruhend das Glied. Mit stiller Entrüstung wandte sich Elias ab. Gleichwohl verspürte er den Wunsch, wieder umzukehren und ihn sich nochmals anzusehen. Aber er schämte sich dieses Gefühls, schlug den Blick nieder und beschleunigte seinen Schritt.

Ein steiler Pfad wand sich den kapitolinischen Hügel hinauf. Zottelige Ziegen mit krummen Hörnern und faunisch gelben Augen hielten ihn besetzt und meckerten empört, als Elias sie fortscheuchte. Oben angekommen erblickte er das Ziel seiner Wanderung: die Basilika von St. Peter.

Elias war froh, als er die Engelsbrücke erreichte. Auf der Brücke hatten Garköche und Krämer ihre Buden aufgeschlagen, während unten, im lehmgelben Fluß, die Schiffsmühlen lagen: auf Flößen errichtete Hütten mit seitlichen Wasserrädern, die sich knarzend und ächzend drehten. Er staunte über das wuchtige Kastell der Engelsburg. Trotz des Verfalls besaß Rom Bauwerke wie keine andere Stadt. Alles hier war einzigartig. Er ging nun durch die belebten Gassen der Spina di Borgo, der vatikanischen Vorstadt. Dann endlich, öffneten sich die Gassen, und Elias stand auf dem leicht ansteigenden Petersplatz, an dessen Ende die Basilika lag.

Eine breite Freitreppe führte zur Kirche hinauf. Es hieß: wer sie auf Knien erklomm, dem würden auf jeder Stufe sieben Jahre seiner Buße im Fegefeuer erlassen. Elias schritt die Stufen hoch und trat in einen säulenumstandenen Innenhof. Überdacht von einem steinernen Baldachin, erhob sich in der Mitte des Atriums die Pigna, ein mannshoher bronzener Pinienzapfen, der als Springbrunnen diente.

Wie die anderen Pilger wusch sich Elias die Hände, die Füße und das Gesicht, und er erinnerte sich an damals, als er noch die Moschee besuchte. Unwillkürlich rieb er sich das Gesicht kräftiger als nötig, so als könne er damit die Erinnerung aus dem Gedächtnis waschen.

Als er sich umsah, bemerkte er, daß die Händler, die Jesus einst aus dem Tempel geworfen hatte, wieder in ihn zurückgekehrt waren. Unter den Säulengängen des Atriums hatten sie ihre Stände aufgeschlagen. Geldwechsler und Rosenkranzschnitzer gingen hier ihren Geschäften nach, ebenso die Phiolenverkäufer; sie handelten mit kleinen Fläschchen, in denen das restliche Lampenöl abgefüllt wurde, das über dem Apostelgrab gebrannt hatte.

Endlich betrat Elias das Innere der Basilika, und er erstarrte. Eine künstliche Dämmerung umfing ihn und als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, verharrte er in einem ehrfürchtigen Staunen. Durch die farbigen Glasfenster des Obergadens fiel das gebündelte Sonnenlicht herein und besprenkelte den Boden mit roten, blauen und grünen Tupfern.

Die gemurmelten Gebete hunderter Menschen verloren sich in der ungeheuren Weite des Raumes. Der harzige Geruch von Weihrauch hing in der Luft und machte Elias ganz benommen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er ahnte die ganze Dürftigkeit seiner Existenz. Nie zuvor hatte er derart die Größe Gottes verspürt. Auch die Pilger waren von einer erhabenen Feierlichkeit ergriffen. Scheu und andächtig zogen sie durch die Kirche und Elias fühlte sich ihnen im einigenden Band des Glaubens verbunden.

Endlose Säulenreihen liefen auf die Apsis zu. Davor lag das Allerheiligste: die Confessio des Apostels. Unter einem Baldachin mit gewunden Säulen, die einst den Tempel Salomons zierten, stand der Altar. In seinem Fuß war ein kleines Fenster eingelassen. Davor knieten einige Pilger in stummer Ehrfurcht und ließen Leinenstreifen in das Grab hinuntergleiten. Durch die Berührung mit der heiligen Stätte verwandelte sich der Stoff selbst in eine wunderwirkende Reliquie, die jeder mit nach Hause nahm.

Elias verrichtete seine Gebete und wandelte staunend umher. Nachdem er alle Wunderwerke des Glaubens betrachtet hatte, besuchte er zuletzt die altersschwarze Statue des Apostels. Petrus saß dort auf seinem Thron, mit der rechten Hand die Pilger segnend, während die linke den Schlüssel zum Himmelreich fest umklammert hielt, als könne ihn jemand stehlen. Es hieß: wer dem Heiligen die Füße küsse, würde wieder nach Rom zurückkehren. Auch Elias drückte seinen Mund auf das kühle Metall. - Und als er schließlich aus der Kirche trat, fühlte er sich wie verwandelt, erhoben zu einem anderen, besseren Dasein.

„Gibt es Gott?“

„Verzeiht...“, stammelte Elias, „ich glaube ich habe eure Frage nicht verstanden.“

Der Vizekanzler Sinibald Fiesco lächelte und schien die Verwirrung des Mönchs zu genießen. „Gibt es Gott? Was denkst du?“

Elias wurde verlegen. Also hatte er doch richtig gehört! Er hatte erwartet, den Brief des Heiligen Vaters an den Erzbischof von Palermo ausgehändigt zu bekommen und jetzt das: eine Prüfung! Aber was wollte der Kardinal prüfen? Die Stärke seines Glaubens oder die Kraft seines Denkens. Elias entschied sich für den Glauben.

„Nun... Gott, der Herr, spricht: Ich bin der Anfang und das Ende, das A und das O, der Erste und der Letzte, der Allmächtige, der da ist, der da war, und der da kommt.“

Der Kardinal warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Daß du die Offenbarung des Johannes kennst, setze ich voraus, aber beweise mir, daß es Gott gibt!“

„Beweisen?“

„Mit den Mitteln der Vernunft!“ beharrte Sinibald Fiesco.

Elias überlegte kurz und beschloß, es mit dem ‚Liber de causis’ des Aristoteles zu versuchen. Es zwar war gewagt, da der Papst die Schriften des Philosophen verboten hatte, aber der Appell an die Vernunft ließ vermuten, daß der Kardinal dies geradezu von ihm erwartete.

„Mit unseren Sinnen“, begann Elias vorsichtig, „nehmen wir wahr, daß alles, was in dieser Welt bewegt ist, von etwas anderem bewegt wird. Jede Wirkung hat eine Ursache. Und Gott ist die erste Ursache aller Dinge.

Sinibald Fiesco ging auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Hin und wieder warf er einen Blick auf diesen Mönch, der unsicher vor ihm stand. Die Skriptoren hatten den Raum verlassen, und die halb geschlossenen Fensterläden verbreiteten ein angenehmes Dämmerlicht. Durch einen Spalt fielen schmale Sonnenstrahlen herein, in denen kleine Staubfäden schwebten.

„Du sagst: Gott sei die erste Ursache. Aber wenn Gott die Welt erschaffen hat, wer hat dann Gott erschaffen? Vielleicht geht die Kette der Ursachen noch weiter, bis ins Unendliche.“

„Aber das Unendliche ist undenkbar!“

„Das ist es ganz sicher!“ erwiderte der Kardinal. „Doch der erste Beweger, den du an den Anfang setzt, belegt nicht, daß Gott noch immer lebt. Er könnte, nachdem er die Dinge verursacht hat, aufgehört haben zu existieren. Also ist Gott vielleicht schon lange tot.“

„Dann könnten wir die Existenz Gottes nicht beweisen“, antwortete Elias.

„Du sagst es! Denn der Kausalität liegt immer eine Bewegung zugrunde, und diese Bewegung wiederum ruft die Zeit hervor. Aber wie will man von der Zeitlichkeit auf die Ewigkeit schließen? Dein Beweis ist also eine Begründung Gottes in der Zeit, nicht vor der Zeit! Wir können also nicht sagen, was Gott ist, sondern nur, was er nicht ist. Gerade darin liegt die Größe Gottes begründet: im Undenkbaren! Denn warum sollte Gott, der Allmächtige, gerade in den Fesseln deines Denkens gefangen sein?“

Sinibald Fiesco lächelte zufrieden und Elias vermutete, daß es ihm eine eitle Gewohnheit war, die Schärfe seines Verstandes an anderen zu messen.

Der Kardinal sah ihn eindringlich an, trat dann einen Schritt auf ihn zu und fragte unvermittelt: „Hast du den ‚Liber de causis’ gelesen?“

Elias lief es kalt über den Rücken… sollte er zugeben, dieses Buch gelesen zu haben, obwohl es verboten war.

„Ich… fand diese Schrift in unserer Klosterbibliothek und habe erst später erfahren, daß man sie nicht hätte lesen dürfen.“

„Natürlich“, warf Sinibald Fiesco lachend ein, „ich hätte auch nichts anderes von dir erwartet! Aber sage mir: wie unterscheidet der Philosoph das bloße Meinen vom wahren Wissen?“

Elias atmete erleichtert auf. Er durfte also weiter den Gedanken des Aristoteles folgen, zumindest in diesem Gespräch.

„Nun, Wissen heißt, daß man nicht nur die Wirkungen, sondern auch die Ursachen der Dinge kennt!“

„Kennt man die Ursachen aller… Dinge?“

Elias ahnte, worauf der Kardinal hinauswollte. „Über die erste Ursache, die selber nicht verursacht wurde, wissen wir nichts, da das Erkennen eines jeden Dinges nur durch die Einsicht seiner Ursachen erfolgt.“

„Und wie verhält es sich dann mit Gott?“

„Gott wäre für uns nicht erkennbar. Nur durch seine Wirkungen können wir ihn erahnen.“

Elias blickte den Vizekanzler staunend an, der zwingenden Logik des Kardinals konnte niemand entgehen. Noch nie zuvor hatte jemand mit ihm derart über Gott gesprochen.

Der Kardinal verschränkte seine Hände hinter dem Rücken ging wieder auf und ab und sprach:

„‚Wenn du Gott begreifst, so ist es nicht Gott‘, meinte schon der heilige Augustinus. Doch genug davon! Irgendein gelehrter Dominikaner wird sich finden, der nach Wegen sucht, um Gott zu beweisen - wie weit er damit auch immer kommen mag!“

Elias staunte. wie einfach war doch sein Leben im Kloster gewesen. Er konnte es kaum fassen. Dort genügten der schlichte Glaube und die ewige Litanei der Psalmen. Aber hier, an der Kurie, sprach man in einer unerhörten Weise über Gott, sogar darüber, was er ist, und was er nicht ist. Sicher: diese Freiheit war nur denen erlaubt, die hoch genug standen. Aber auch ihn, den kleinen Mönch, hatte der Kardinal an diesen kühnen Gedanken teilhaben lassen... Was gäbe er darum, hier Fuß zu fassen! Aber er war nur des Briefes wegen hergekommen. Er war nicht mehr als ein Bote! Niedergeschlagen blickte Elias zu Boden.

Der Vizekanzler schaute ihn etwas abschätzig an, so wie jemand, für den ein Mensch an Wert verliert, wenn er glaubt, ihn erkannt zu haben. Elias indessen war sich nicht sicher, ob seine Antworten Zustimmung oder Ablehnung erfahren hatten. Unruhig begann er von einem Fuß auf den anderen zu treten.

„Ich werde dich nach Amalfi schicken!“ sprach Sinibald Fiesco. „Der Heilige Vater hat mich ermächtigt, alles Notwendige zu veranlassen. Du wirst dort den Bau dieser Uhr beobachten und wo du kannst, wirst du ihn verhindern. Vielleicht wird dir dabei auch die eine oder andere Sünde nicht erspart bleiben.“

Elias sah überrascht auf. Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet. „Es gibt schwere und lässige Sünden“, antwortete er vorsichtig.

„Für beide gibt es die Beichte oder fühlst du dich nicht gewachsen, im Dienste der heiligen Mutter Kirche eine Sünde zu begehen?“ entgegnete der Kardinal, und fügte besänftigend hinzu: „Es muß ja nicht gleich eine Todsünde sein! Aber du weißt: Gott gewährt allen Vergebung, besonders seinen Dienern, die im Eifer ihres Glaubens fehlgehen. Ich werde dir ein Schreiben an den Erzbischof Giovanni Capuano mitgeben. Er wird dich im Domkapitel seiner Kirche unterbringen. Dort kannst du die bessere Kost des Infirmariums genießen, wenn du nicht im Refektorium speisen willst. In den täglichen Kapiteln wird man dich nicht vorrufen, und du sollst auch nicht mit Arbeiten beschwert werden. Wenn du zur Verrichtung deiner Aufgabe das Domkapitel verlassen mußt, wird dich niemand daran hindern. - Wie du siehst: ein beneidenswertes Leben, zumal es nicht als Verletzung der Regel, sondern als Erfüllung deiner Gehorsamspflicht gilt.“

Elias überlegte: in Rom zu bleiben wäre sein sehnlichster Wunsch gewesen, aber das, was ihm der Vizekanzler eröffnete, war eine Verbesserung seiner bisherigen Lage. Berard von Palermo hatte ihm zwar eine Aufnahme ins Domkapitel in Aussicht gestellt, aber das Angebot des Kardinals war nicht zu übertreffen.

„Und der Brief des Heiligen Vaters an den Erzbischof von Palermo?“ fragte Elias.

„Den wird ein anderer besorgen!“

Gerne hätte Elias etwas über den Inhalt des Schreibens erfahren, aber Sinibald Fiesco hielt ihm die Hand hin und beendete damit die Unterredung. Elias küßte niederkniend den Ring des Kardinals, empfing seinen Segen und ging davon. Er fühlte sich erleichtert, als wäre eine große Last von ihm genommen worden. Er hatte seinen Auftrag erledigt und mehr noch: er hatte die Aufmerksamkeit des Vizekanzlers gewonnen! Was für eine Zukunft lag vor ihm! Die Welt war wie verwandelt. Selbst in dem mürrischen Türhüter glaubte er nun, einen freundlichen Menschen zu erkennen. Elias verspürte ein Gefühl, das ihn weit über alle Alltäglichkeiten erhob.

Aber das Glück - wenn es das war, was er empfand - ist nur in Augenblicken gegenwärtig; sobald man darüber nachdenkt, verflüchtigt es sich wie Weihrauch in der Kirche. Langsam begann sein abwägender Verstand wieder zu arbeiten, und die beschwingte Leichtigkeit seines Gangs verschwand mit jedem weiteren Schritt.

Er spürte, daß der Aufenthalt an der Kurie ihn verändert hatte. Nie wieder würde er so tief glauben können, wie er es auf der Wanderschaft mit den Pilgern empfunden hatte. Wie nah war er noch vor einigen Tagen Gott gewesen, der ihm in allen Menschen, Pflanzen und Tieren gegenwärtig schien.

Auch die Wunder der Reliquien und der Glanz der Basiliken waren etwas anderes als die Macht des Wortes. Nicht das Wort der Heiligen Schrift, sondern eines, das die heiligen Phrasen nur benutzte. Hier redete man über Gott in einer Weise, die nirgends anders erlaubt war. Doch ihm gefiel diese Sprache. Ihm wurde klar: es war die Sprache der Macht. Und er wünschte nichts sehnlicher, als daran teilzuhaben.

Am nächsten Morgen beschloß Elias, seinen Mitbruder, diesen Spitzel Berards, zu verblüffen. Er bat ihn, dem Erzbischof mitzuteilen, daß er die in Aussicht gestellte Pfründe als Kanoniker leider nicht annehmen könne, da er nun in päpstlichen Diensten stand. Elias ergötzte sich am ungläubige Staunen des alten Mönchs und er bedauerte, nie zu erfahren, wie Berard diese Nachricht aufnehmen würde - zu gerne hätte er das Gesicht des Erzbischofs gesehen.

Am Nachmittag ging er wieder zur Peterskirche. Er wollte nochmals die bronzene Statue des heiligen Petrus besuchen und ihm die Füße küssen, was eine Rückkehr versprach. Denn nicht Amalfi, sondern Rom war sein Ziel. Und er würde wiederkommen!

Ein lauer Regen tröpfelte vom aschgrauen Himmel, und Elias nahm wieder den Weg über das trümmerreiche Forum. Irgend etwas zog ihn an, und er wußte selbst nicht, was es war. Er ging an den Ruinen vorbei, stieg über den Schutt hinweg und sah inmitten der verfallenen Mauern wieder diese lebensgroße Statue, die nichts mit der des verehrungswürdigen Heiligen gemein hatte. Elias erkannte jetzt, daß sie den Herkules darstellte, der in heidnischer Nacktheit auf ihn herabblickte.

Leicht gekrümmt stand der Sohn des Zeus auf seinem Sockel. Lässig stützte er sich mit dem linken Arm auf eine Keule, über die er die Haut des nemeischen Löwen gehängt hatte. Elias schritt mit verschränkten Armen um die Statue herum. Es war ein starkknochiger muskulöser Kerl, mit kräftigen Beinen, prallen Hinterbacken und einer breiten Brust. Nie zuvor hatte Elias derart schwellende Muskeln gesehen. Am ganzen Körper sprangen die Adern hervor und erfüllten die verhaltene Kraft des Helden mit pulsierendem Leben.

Die unzüchtige Blöße des Herkules verwirrte Elias. Doch je länger er die Statue anblickte, desto mehr verschwand seine stille Empörung und ihn überfiel eine starke Erregung. Er zog die rechte Hand aus dem Ärmel seiner Kutte und trat näher an die Figur heran. Langsam ließ er die Finger über die Waden gleiten. Wie warm sich der Stein anfühlte - oder war es nur seine heiße Hand? Er betastete die Oberschenkel und strich über die kräftigen Hinterbacken. Eine unbändige Lust übermannte ihn, und er begann schwer zu atmen.

Dann stieg er auf einen Stein, um das höher gelegene Geschlecht zu ergreifen. Aber kaum hatte er es berührt, ertönte hinter ihm ein schallendes Gelächter. Voller Schrecken wandte er sich um. Zwei Hirten waren aus einer Ruine hervorgetreten, wo sie vor dem Regen Unterschlupf gesucht hatten. Sie mußten ihn schon die ganze Zeit beobachtet haben. Der eine schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel, während der andere mit dem ausgestreckten Finger auf diesen kleinen wollüstigen Mönch wies. Elias von Girgent sprang vom Stein herunter, strauchelte, schlug zu Boden, raffte sich wieder auf und rannte schamrot davon.

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