Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 15


Friedrich der Zweite beugte sich über den Tisch. Die Kerzen tauchten die holzgetäfelten Wände der Kanzlei in ein mildes Licht und in den Regalen warteten die Akten auf den Tag, an dem die Skriptoren sie wieder hervorziehen und den Staub von den Deckeln blasen würden. Das Holz des Tisches war durchtränkt mit dunklen Flecken vergossener Tinte und hier und da blinkten kleine Tröpfchen geronnenen Siegellacks wie rote Edelsteine. Aufmerksam betrachtete der Kaiser die Zeichnung.

Von Ferne erklang Musik. Es war die gedehnte Melodie einer Liebesklage. Im Palazzo Reale wurde ein Fest gefeiert. Zakkarija hörte durch die geschlossene Tür den wehmütigen Ton der Fidel; einfühlsame Hände schlugen dazu die Trommel. Die Musik berührte Zakkarija auf schmerzliche Weise, und er dachte wieder an Safija. Aber er durfte sich nicht an sie erinnern. Nicht hier und nicht jetzt!

Der Kaiser nahm das Blatt in die Hand und musterte schweigend die Zeichnung. Auf dem Papier war ein offener Kasten zu sehen, bestehend aus den Kanten eines Rechtecks. Innerhalb dieses Gehäuses befand sich ein Gewirr aus Walzen, Achsen und Zahnrädern, die auf rätselhafte Weise ineinander griffen.

Friedrich wandte sich an seine beiden Begleiter, Michael Scotus und Berard von Palermo: „Im Grunde ist alles sehr einfach! Die Walze wird mit einem Seil umwickelt, das man am Ende mit einem Stein beschwert. Der Zug des Gewichts erzeugt die Drehung des ersten Rades, das mit seinen Zähnen wiederum in ein anderes greift... und so fort! Wirklich sehr einfach!“

Zakkarija hätte gerne die Einzelheiten des Räderwerks erklärt. Aber er spürte, daß Seine Herrlichkeit selbst das Getriebe enträtseln wollte. Also überließ er ihn seinen Gedanken. Er war seinem Ziel nun ganz nahe. Endlich befaßte sich der Kaiser mit seiner Uhr! „Eigentlich hätte jeder darauf kommen können!“ ergänzte Friedrich seine Ausführungen.

„Verglichen mit einem Astrolabium, ist es geradezu primitiv!“ pflichtete ihm Michael Scotus bei.

Das ging zu weit! Zakkarija mußte eingreifen, bevor der Hofastronom seine Uhr noch weiter herabsetzte: „Es ist gerade das Einfache, das schwer zu machen ist! An einem Astrolabium können nur die Gelehrten die Zeit ablesen, aber an meiner Uhr kann es jeder!“

„Zeige Uns, wie du das vorzeitige Abschnurren des Seils verhinderst“, fuhr der Kaiser fort. „Nach den Gesetzen der Mechanik müßte es sich in rasender Geschwindigkeit abrollen.“

„Das Neue an dieser Uhr ist die Hemmung. Sie unterteilt die Bewegung in kleine Abschnitte. Eure Herrlichkeit haben sie gewiß schon bemerkt!“

„Du meinst diese Stange mit den zwei Klauen.“

„Ganz recht! Die Klauen dieser Spindel schwingen hin und her und greifen nacheinander in die Zacken des Kronrades, so daß die Umdrehung des Rades nur stückweise erfolgt.“

„Ich habe noch nie eine Uhr gesehen, die genau ging!“ warf Michael Scotus ein. „Entweder gehen sie zu schnell oder zu langsam!“ Ihm war anzusehen, daß er von diesem Plan nicht viel hielt. Vor allem gefiel ihm nicht die Aufmerksamkeit, die man diesem kleinen Sarazenen entgegenbrachte. Schließlich war er der erste Astronom am Hofe des Kaisers, und er wollte es auch bleiben.

„Die Geschwindigkeit dieser Uhr läßt sich regulieren! Seht hier, den Waagbalken, der auf der Spitze der Spindel steckt. An den Armen dieses Balkens hängt links und rechts ein Gewicht. Verschiebt man es nach innen, läuft die Uhr schneller, versetzt man es nach außen, läuft sie langsamer.“

„Gibt es schon eine solche Uhr?“

„Eure Uhr wird die erste sein. Sie wird Euren Ruhm über den ganzen Erdkreis verbreiten und gewiß viele Nachahmer finden!“

Friedrich der Zweite schaute spöttisch auf Zakkarija al-Basri herab und entgegnete: „Wie sollen Wir dir nur widerstehen können, wenn du Uns ewigen Ruhm versprichst!“

Zakkarija spürte, daß er vorsichtiger sein mußte. Es war besser, daß er seinen Anteil an der Uhr verringerte!

„Allein der Herrscher, der dieses Instrument baut, wird im Gedächtnis der Menschen bleiben!“

Friedrich der Zweite widmete sich wieder der Zeichnung: „Warum haben die Zahnräder eine unterschiedliche Größe?“

„Je größer das Rad, desto langsamer ist seine Umdrehung.“ Zakkarija wies mit dem Finger auf die Skizze und erläuterte: „Beim Walzenrad ist die Anzahl der Zähne so berechnet, daß…“ er konnte seinen Satz nicht beenden. Knarrend ging die Tür auf und alle wandten sich um. Für einen Augenblick hörte man wieder die anschwellende Musik. Eine junge Frau trat ein. Aber sie kam nicht allein. Über ihrem Kopf flatterte etwas hinweg, so daß alle erschraken. Doch es war nur al-Babbagha, der weiße Papagei, das Geschenk des Sultans von Babylon. Der Vogel landete flügelschlagend auf den Schultern des Kaisers und krächzte: „Faradrik, al-Imberatur, Fardarik, al-Imberatur!“

„Manna, bitte geh wieder zurück!“ sprach Berard von Palermo. Zakkarija wunderte sich über den vertraulichen Ton. Die zierliche Frau, die gerade dem Mädchenalter entwachsen war, trug ein enges Kleid aus rotgoldener Seide. Braune Locken umhüllten das ovale Gesicht.

„Laßt sie ruhig! Eure Nichte wird uns nicht stören!“ entgegnete Friedrich. Manna warf ihrem Onkel einen triumphierenden Blick zu und schmiegte sich zutraulich an den Arm des Kaisers. Aber auch dem Papagei schien diese Vertraulichkeit nicht zu gefallen. Im aufgeplusterten weißen Federkleid wetteiferte er um die Zuneigung seines Herrn. Er fächerte die blassgelben Federn seiner Kopfhaube auf, und begann mit seinem klobigen Schnabel auf der Nichte des Erzbischofs herumzuhacken. Doch der Kaiser kraulte mit dem Zeigefinger den Nacken des Vogels, so daß er seine Eifersucht vergaß.

Michael Scotus trat nun einen Schritt vor und wies mit einer wegwerfenden Bewegung auf die Zeichnung. „Pläne, was sind schon Pläne! Es ist mehr als fraglich, ob das Ding überhaupt funktioniert!“

„Es wird funktionieren!“ entgegnete Zakkarija heftig: „Ich bürge dafür mit meinem Kopf!“

„Wir wünschen, daß du vorerst deinen Kopf behältst. Wer weiß, wozu Wir ihn noch gebrauchen können!“ erwiderte der Kaiser. „Aber kommen Wir zu dem, was allen sichtbar ist. Warum hast du das Zifferblatt in zwölf, anstatt in vierundzwanzig Stunden eingeteilt?“

„Die Uhr würde sonst zu unübersichtlich! Auch lassen sich zwölf Stundenschläge leichter zählen als vierundzwanzig. Und ob es gerade die Tages- oder die Nachtstunden sind, die geläutet werden, das weiß jeder, der hell und dunkel unterscheiden kann.

„Wir nehmen an, daß sich das Zifferblatt dreht, und ein feststehender Zeiger die Zeit anzeigt?“

„Es verhält sich gerade umgekehrt: nicht das Zifferblatt dreht sich, sondern der Zeiger!“ entgegnete Zakkarija kühn.

„Aber anders wäre es astronomisch richtig. Eine Drehung des Zifferblattes in vierundzwanzig Stunden wäre das vollkommene Symbol für den Umschwung des Himmelsgewölbes!“

„Eure Herrlichkeit haben vollkommen recht! Allerdings wäre dies nur eine Uhr für Astronomen. Die neue Zeit muß für die Menschen einfach sein. Auch wer keine Zahlen kennt, muß sehen, wie die Zeit vergeht. Und gerade der Gang des Zeigers macht dies deutlich, während die Ziffern auf einer kreisenden Scheibe nur schwer zu verfolgen sind. Aber trotzdem bleibt diese Uhr ein Abbild der Schöpfung Gottes, da sie dem Lauf der Sonne zu den Äquinoktien entspricht.“

Berard von Palermo konnte sich nun nicht länger zurückhalten. Sein mürrisches Gesicht zeigte, daß ihm das ganze Gespräch mißfiel. Dieser kleine ungläubige Astronom... wagt über Gott zu reden, als wäre er bei ihm in die Lehre gegangen!

„Diese Uhr ist nicht nur eine Anmaßung“, polterte Berard los, „sie ist auch eine Lästerung Gottes! Wie kann ein Mensch nur glauben, er dürfe dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen!“

„Mein lieber Berard! Diese Diskussion haben Wir neulich schon geführt! Ihr sagt Uns nichts Neues!“ entgegnete Friedrich unwillig und schnitt dem Erzbischofs das Wort ab.

„Warum hast du für die Uhr keine arabischen Ziffern verwendet?“ fragte der Kaiser weiter.

„Das Volk ist an die neuen Ziffern noch nicht gewöhnt. Darum habe ich die römischen gewählt. Sie vereinfachen das Ablesen der Uhr! Ebenso wie das Schlagwerk das Verständnis der Uhr erleichtert. Die Zahl der Stunden wird durch die Schläge einer Glocke angezeigt. Jeder wird hören, was die Stunde geschlagen hat!

„Sage Uns: Was kostet das Ganze?“

Zakkarija griff zu einem Blatt Papier. Es war eine Liste aller Materialien und Arbeiten, die er berechnet hatte. Die Kosten für Farbe, Eisen und Messing, waren darin ebenso enthalten wie der Lohn für den Schmied, den Maler und den Seiler. Der Kaiser warf einen Blick auf die Aufstellung.

„Bei Gott, diese Uhr kostet Uns mehr als zehn Unserer besten Pferde!“

„Diese Uhr wird von der Größe Eures Namens künden! Sie ist ein sichtbares Zeichen Eurer Macht!“

„Wir wollen Gott dabei nicht ganz vergessen!“ fuhr Berard dazwischen.

„Gewiß, Gott allein kennt die Stunde und den Tag des Gerichts. Aber bis es soweit ist...“ entgegnete Zakkarija.

„...so lange meinst du, könnten Wir Gott auf Erden vertreten!“ unterbrach ihn der Kaiser lachend. „Nun: in Rom sitzt noch jemand, der glaubt, er sei der Stellvertreter Gottes!“

„Auch der Kalif in Rom wird sich mit der neuen Zeit abfinden müssen! Ist sie erst einmal da, kann sich ihr keiner entziehen. Es ist, als hättet Ihr ein neues Gesetz erlassen!“

„Ihr vergeßt, wer ihr seid!“ entgegnete Berard von Palermo wütend. „Ihr könnt den Papst nicht mit eurem Kalifen vergleichen! Eine solche Herabsetzung des Heiligen Vaters steht euch nicht zu!“

„Siehst du, deine Uhr wird Uns nichts als Ärger bringen! Aber wir werden darüber nachdenken!“ sprach Friedrich der Zweite. Dann wandte er sich an seine Begleiter. „Wir wollen Unsere Dame nicht um ihr Vergnügen bringen! Kehren wir zum Fest zurück!“

Auch al-Babbagha schien sich zu langweilen, er knabberte zärtlich an den rotblonden Haaren des Kaisers, die unter dem Kronreifen hervorlugten, ja die Krone selbst schien nicht mehr sicher vor ihm zu sein. Die Tür öffnete sich und wieder erklang das Lachen und Lärmen der Menge. Alle Instrumente hatten sich nun versammelt und eilten ihrem Höhepunkt entgegen. Tamburin und Trommel wetteiferten im Stakkato, überschlugen sich und brachen dann mit einem Schlag ab.

Der Papagei spreizte voller Wohlbehagen einen Flügel und reckte stolz den Hals hervor. Noch immer auf der Schulter des Kaisers sitzend, krächzte er wieder: „Faradrik, al-Imberatur, Fardarik, al-Imberatur“ - als wäre er ein Herold, der kopfnickend allen kundtat, mit wem sie es zu tun hatten.

Eine Wache geleitete Zakkarija aus dem Palast hinaus. Draußen im Hof schaute er in den Himmel. Der Große Wagen drehte sich zuverlässig um al-Rukkaba, den Polarstern. Es war etwa dreißig Grad also zwei Stunden bis Mitternacht! - Er hätte sich eigentlich freuen müssen. Zwar hatte der Kaiser noch immer nicht über den Bau seiner Uhr entschieden, aber es beschäftigte ihn! Und gewiß würde es bald zu einer Entscheidung kommen! Doch als Zakkarija in seiner Kammer war, tauchte Safijas Bild wieder auf, und die mühsam unterdrückten Gefühle kehrten zurück. Er sah ihr Lächeln, hörte ihre Stimme, und ihm wurde klar, daß er sie nie mehr wieder sehen würde. Und diese Vorstellung schmerzte ihn wie eine Wunde, die nicht verheilen will. Er spürte, daß alle erstrebenswerten Dinge dieser Welt, ja, daß selbst seine Uhr völlig wertlos waren. Was allein zählte, war sie. Und sie hatte er verloren.

Zwei Tage später erhielt Zakkarija die Aufforderung, sich am Mittag, wenn die grauen Mönche des Klosters San Giovanni degli Erimiti den Angelus läuteten, zur Audienz in der Cappella Palatina einzufinden. Zakkarija betrat die Kapelle, und es verschlug ihm den Atem. Ihm schien, als hätte er ein goldenes Schatzkästlein betreten. Die Wände der Kapelle, die auch als Aula regia diente, waren über und über mit Gold verkleidet. Leichtfüßige Säulen trugen spitze Bögen, auf denen die Decke des Mittelschiffs ruhte. Und diese hölzerne Decke war ein ganz besonderes Wunder. Sie bestand aus vergoldetem Schnitzwerk. Kufische Buchstabenbänder liefen um achteckige Sterne, zwischen denen sich hölzerne Auswuchtungen befanden, die wie zusammengeballte Wolken an der Decke hingen. Unzählige gemalte Figuren versteckten sich in diesem hölzernen Himmel, der nur ein Ziel hatte, jeden rechten Winkel zu vermeiden.

Aber auch die Wände waren mit Figuren bevölkert. Auf goldenem Grund hatten sich die Propheten, Apostel und Evangelisten des Alten und Neuen Bundes versammelt. Bärtige Heilige in faltenreichen Gewändern schauten mit segnender Hand auf den Betrachter herab.

Ein scheues Gemurmel und Geraune erfüllte den Raum. Vor der Westwand der langgestreckten Halle stand unter einem blauseidenen Baldachin der leere Thronsessel.

Auf einem Balkon, der den Priestern auch als Kanzel diente, hatten sich bereits die Musikanten versammelt. Die Bläser hielten ihre langstieligen Posaunen schräg wie Lanzen, die Schalltrichter auf die Oberschenkel gestützt, während die Trommler ihre Schlegel erhoben hatten, als trügen sie beidhändig Kerzen. Plötzlich wirbelten die Trommelstöcke nieder, und die Trompeten triumphierten mit einer Fanfare. Zwei weißgekleidete äthiopische Lanzenträger rissen die Tür auf, und ein Herold trat herein. Mit einem Prunkstab, auf dessen Spitze ein vergoldeter Adler hockte, klopfte er dreimal auf den Boden und rief: „Der gefürchtete Caesar, der Imperator Roms, Friedrich, durch Gottes Gnade immer erhabener König von Deutschland, der Lombardei und der Toskana, König von Italien, Langobardien, Kalabrien, Sizilien und von Jerusalem. Stütze des Priesters von Rom und Helfer der Religion des Messias!“ Wieder erklangen die Trommeln und Trompeten, begleitet von schallenden Becken und jubilierenden Flöten. Und herein kam er: Seine Herrlichkeit, Friedrich der Zweite. Der Kaiser trug eine weiße Dalmatika und darüber einen purpurnen Mantel mit golddurchwirkter Stickerei. Sie zeigte zwei goldene Löwen mit erhobenem Schweif, die mit ihren mächtigen Pranken zwei Kamele zu Boden schlugen. Eine kufische Schrift am Saum versprach dem Träger dieses Mantels ununterbrochene Freuden am Tage und in der Nacht.

Mit erhabener Gleichgültigkeit blickte der Kaiser über die Menge hinweg. Nur die heruntergezogenen Augenbrauen und der zusammengepreßte Mund verrieten sein Mißtrauen. Ehrfurchtsvoll wichen die Menschen zurück, bildeten eine Gasse und fielen nieder, sobald er an ihnen vorüberschritt. Er schaute nicht nach links, nicht nach rechts und sah doch jeden. - Kniete dort nicht Jakob de Morra, der Oberjustitiar? Friedrichs Vater, Heinrich der Sechste, hatte dem Schwiegervater des Justitiars eine weißglühende Krone aufs Haupt nageln lassen… und da drüben, war das nicht der junge Thomas von Acerra? Dessen Onkel hatte Friedrichs Vater von Pferden durch die Straßen Capuas schleifen lassen, um ihn dann an den Füßen aufzuhängen.

Fast jeder hier im Saal hatte Verwandte oder Freunde verloren, die erhängt, verbrannt oder ertränkt worden waren. - Diesen Hinrichtungen waren zahlreiche Aufstände vorausgegangen, die Heinrich der Sechste in ebenso zahlreichen Blutbädern erstickt hatte. Aber nun fielen die Barone und Grafen Siziliens vor seinem Sohn auf die Knie. Aber nichts war vergessen. Tief in ihrem Inneren glomm der Funken des Hasses, bereit, am Tag der Rache als wilde Flamme hervorzuschießen. Demütig senkten sie ihr Haupt vor dem Kaiser. Wie alle Sizilianer haßten sie auf vollkommene Weise: wenn es sein muß, mit einem Lächeln auf den Lippen, aber unbeirrbar und mit großer Geduld.

Gelassen schritt Friedrich durch die Menge und ließ sie spüren, daß er, der damals als Knabe unbeachtet durch die Gassen Palermos streifte, nun ihr Herr war. Er genoß es, sie am Boden zu sehen. Gewiß, in einem Augenblick der Schwäche würden sie über ihn herfallen; aber sein Mißtrauen war seine Stärke und noch furchtbarer war sein Zorn.

Gleichmäßigen Schrittes strebte der Kaiser dem Thronsessel zu, flankiert von vier Leibwächtern. Zwei schwarze Knaben gingen hinterdrein, und wedelten ihm mit Fächern aus langen Straußenfedern frische Luft zu. Ihnen folgten paarweise die Ratgeber, darunter Petrus von Vinea und Michael Scotus. Alles Leute, auf die man sich verlassen konnte, obgleich... dieser Michael Scotus war lange in römischen Diensten gewesen, bevor er nach Sizilien kam, und dieser Landulf von Aquin hat einen ungehorsamen Sohn... nur Berard ist wirklich treu… und… kaum zu glauben: er ist noch nüchtern, wenn das kein Wunder ist!

Den Schluß dieser Prozession bildeten die Tierwärter. Ein Falkner trug auf seinem Lederhandschuh einen weißen Gerfalken, ihm folgten zwei Diener, die jeweils einen Jagdleoparden an silbernen Ketten führten. Die Augen der Tiere waren mit Lederkappen abgedeckt, um sie ruhig zu halten. Doch die Leoparden rochen die Menschen, und rissen an den Ketten, bis ihre Wärter die Fesseln kürzer faßten und sie mit dem würgenden Halsband wieder in ihre Gewalt zurückzwangen.

Friedrich schritt die Stufen des Treppenabsatzes hoch, auf dem sein Thronsessel stand. Auf der obersten angelangt, wandte er sich jäh um, als gälte es, eine geheime Verschwörung hinter seinem Rücken aufzudecken.

An den vier Ecken seines Thrones nahmen die Wachen Aufstellung und der Kaiser setzte sich. Noch immer kniete die Menge. Die Männer seines engeren Gefolges küßten ihm die rechte Hand, die in einem perlenbesetzten Handschuh steckte. Dann erlöste Friedrich seine Untertanen mit einem kurzen Wink aus ihrer Niederwerfung. Die Musik brach ab, und man hörte das Rascheln der Kleider, das Scharren der Schuhe und hier und da auch das Ächzen eines älteren Adeligen, dem die Mühsal des Hofdienstes zu schaffen machte. Alle standen nun auf und blickten zum erhöhten Thron.

Aber was sie dort sahen, ließ nicht wenigen das Blut erstarren. Denn die Gestalt des Imperators hatte sich verdoppelt. Auf einem goldgrundierten Mosaik erhob sich über dem Sitz des Kaisers der Thron des Erlösers. Jesus Christus, der Weltenherrscher, saß gleich dem Kaiser auf einem Sessel, die Füße auf einem Kissen gebettet. In der linken Hand hielt er die Bibel, und die rechte hatte er zum Segen erhoben. Aber diese segnende Hand mit der nach außen gekehrten Fläche lag einzig und allein über dem Haupt des erhabenen Imperators, während sie den ferner Stehenden Abstand gebot. Der irdischen Welt weit entrückt, thronte der überlebensgroße Erlöser in einem faltenreichen Gewand über den Anwesenden. Ein Heiligenschein umgab das schönlockige Haupt. Und je länger man hinsah, desto stärker verschmolzen beide, Christus und Kaiser, zu einem einzigen Bild. - Obwohl es im Saal kühl war, lastete die Furcht auf allen und machte das Atmen schwer. Nun war es still. Nur die Leoparden fauchten und rissen an ihren silbernen Ketten.

Petrus von Vinea, der Logothet, trat nun hervor und begann mit der Verlesung der erteilten Privilegien. Es ging um Stadt-, Zoll und Brückenrechte, um Markt-, Straßen-, und Flussregale und um die Besetzung wichtiger Ämter. Nach dem Verlesen der Ämter, traten die neu ernannten Würdenträger hervor, knieten nieder und beeideten ihre Treue. Dann kamen zwei Diener herbei, ein zusammengefaltetes Kleidungsstück tragend. Es waren die Ehrengewänder aus dem Tiraz, der königlichen Weberei. Der Logothet ließ vor aller Augen das Gewand entfalten, damit sich die Anwesenden von der Prächtigkeit der gold- und silberbestickten Stoffe überzeugen konnten - und von der Großzügigkeit des Kaisers.

Mit Spannung erwartete Zakkarija die Entscheidung über seine Angelegenheit. Er war fest davon überzeugt, daß sich Friedrich für den Bau seiner Uhr entschieden hatte, wäre er doch sonst kaum eingeladen worden. Auch der mißgünstige Blick, mit dem ihn Michael Scotus empfangen hatte, schien darauf zu schließen, daß er heute nicht umsonst gekommen war. Dann wurde sein Name aufgerufen. Zakkarija trat hervor und warf sich ehrerbietig nieder. Auf dem Boden liegend, hörte er die Stimme des Logotheten, der einen Brief verlas:

„Friedrich, durch Gottes Gnade immer erhabener Kaiser der Römer, König von Jerusalem und Sizilien, entbietet dem Podestà Unserer Stadt Amalfi, Anselmo Monticelli, seinen Gruß:

Wisse, es ist Unser Wille, eine Uhr zu bauen, und sie am Glockenturm des Domes von Amalfi gut sichtbar anzubringen. Nicht länger soll die Sonne in ihrem Lauf, einem launischen Tyrannen gleich, das Leben der Menschen beherrschen. Daher haben Wir zur Erhöhung Unserer Herrlichkeit die Einwohner der Stadt Amalfi auserwählt, von Unserer Uhr die Zeit abzulesen.

Mit neuen Stunden wollen Wir eine neue Zeit beginnen, und sie der Ordnung Unseres Reiches dienstbar machen.

Nicht länger soll Euch der Ruf der Hähne wecken! Hat Gott den Menschen doch geschaffen nach seinem Bilde, hoch über den Tieren stehend und nur ein wenig unter den Engeln. Allein der Zeiger Unserer Uhr soll Euch ein Zeichen sein, und die Glocke soll Euch sagen, was die Stunde geschlagen hat.

Daher befehlen Wir Deiner Treue, daß Du, Anselmo Monticelli, über Unseren Willen wachen sollst: Gleich, ob Winter oder Sommer: die Arbeiter in den Arsenalen sollen mit dem siebten Schlag der Glocke am Morgen ihr Tagewerk beginnen und es am Abend mit dem sechsten Schlag beenden. Deutet der Zeiger Unserer Uhr auf die sechste Stunde am Morgen, sollen die Händler ihre Läden öffnen und sie am Abend zur sechsten Stunde wieder schließen.

Und wisse, für die Kosten Unserer Uhr ist bei den steuerpflichtigen Bürgern je nach Maße ihres Vermögens eine Kollekte zu erheben.

Ferner befehlen Wir Dir, Unseren Diener Zakkarija al-Basri, den Erbauer Unserer Uhr, in seinem Werk zu unterstützen. Alle Kosten sollst Du ihm erstatten. Auch sollst Du ihm Kleidung, Nahrung und Wohnung geben und ein Pferd, auf dem er reiten kann.

Auf Gefahr des Verlustes Unserer Gnade, ist es also Deine Sache, darüber zu wachen, daß die Einwohner Unserer Stadt Amalfi die Regeln Unserer neuen Zeit befolgen.

Gegeben zu Palermo im Jahre 1233 der Menschwerdung des Herrn, am 19. Tag des Monats Februar, in der 6. Indiktion, im 13. Jahr Unserer Herrschaft als römischer Kaiser und allzeit Mehrer des Reiches, König von Jerusalem und Sizilien.“

Zakkarija hatte sich gerade erhoben, als er sah, daß wieder zwei Diener herbeitraten. Er war völlig überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet! Auch ihm wurde ein Ehrengewand überreicht. Als Petrus von Vinea das Gewand aufschlagen ließ, ging ein Staunen und Raunen durch die Menge. Auch Zakkarija konnte es nicht glauben. Es war ein Mantel von ungeheurer Pracht. Der blaue Seidendamast war mit unzähligen silbernen Sternchen bedeckt, während der Mantelsaum mit den Symbolen der Planeten und Tierkreiszeichen bestickt war. Über dem Mantel verteilten sich mehrere Medaillons, die Sternbilder wie die der Jungfrau, des Schützen und des Skorpions zeigten. Auf dem Mantelrücken jedoch prangte eine goldene Sonne, die ihre Strahlen nach allen Seiten ausstreckte. Zakkarija konnte es nicht fassen: es war ein Mantel für einen Astronomen. In diesem Augenblick wußte er, daß am Hofe Friedrich des Zweiten sein Glück machen würde.

Glück… auf dem Heimweg hatte es sich schon wieder verflüchtigt. Zakkarija konnte sich nicht mehr freuen. Die große Erhöhung, die er erfahren hatte, machte ihn seltsamerweise nicht froh. Zwar hatte er die Gunst des Kaisers gewonnen, aber der Mantel bedeutet ihm nichts. Gewiß: er würde ihn bei passender Gelegenheit tragen, als sichtbares Zeichen des kaiserlichen Wohlwollens. - Aber er war erstaunt darüber, wie wenig ihm Sachen bedeuteten. Er hatte Safija verloren, und das schmälerte den Wert aller Dinge.

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