Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 10


Berard von Palermo saß gerade beim Frühstück, als die Glocken des benachbarten Domes die Terz einläuteten. Der Erzbischof überlegte, ob er niederknien sollte, um das Chorgebet zu sprechen. Aber vor ihm stand ein Schälchen mit heißer Milch und daneben lag ein duftender, mit Rosinen gespickter Hefekringel. Und das Frühstücksei war auch noch nicht ganz ausgelöffelt. Also beschloß er, den Sünden seines Lebens eine weitere hinzuzufügen. Mit dem elfenbeinernen Löffel in der Hand, an dem noch das Gelbe des Eidotters klebte, schlug er hastig das Kreuzzeichen, um wenigstens äußerlich der Ehre Gottes Genüge zu tun.

Die morgendliche Sonne brannte noch nicht in ihrer vollen Glut. Der Tag war noch frisch und alles war offen. Berard hatte schon die knöchellange weiße Albe angezogen, über die er eine purpurrote Tunika trug. Hinter ihm, auf einem hölzernen Kleiderständer, hing die schwere violette Dalmatika, eingefaßt mit goldenen Borten und bestickt mit schwarzen Kreuzen. Berard wußte, daß er heute unter den Pontifikalien mächtig schwitzen würde, und darum genoß er diesen Morgen mehr als sonst.

Durch das Fenster drangen die Geräusche der unruhigen Stadt. Deutlich waren von fern die singenden Rufe der Marktverkäufer und Eseltreiber zu hören: „Melooonen..., Melanzaaani...“ und dazwischen: „Aus dem Weg! - Fahr zur Hölle, du Hurensohn!“ Dann wieder beruhigend: „Melooonen...“ Draußen lärmte das wilde, ungezügelte Leben, und Berard dachte an die Vergeblichkeit, die unbändigen Leidenschaften der Palermitaner jemals durch die Botschaft Gottes mäßigen zu können.

Eine Spur des Mißmuts überzog sein Gesicht, und die sonst lebhaften Augen stierten verdrießlich vor sich hin. Aber es waren nicht die Rufe der Marktschreier, die ihn launisch machten. Ihn bedrückten die Pflichten des vor ihm liegenden Tages.

Zunächst mußte er die alljährliche Seelenmesse für König Roger den Zweiten lesen, dem Großvater des jetzigen Kaisers. Vor etwa zwanzig Jahren hatte Berard dessen Gebeine aus dem Dom von Cefalù nach Palermo überführen lassen. Auch den prächtigen Sarkophag aus rotbraunem Porphyr hatte er mitgenommen, um ihn in seinem Dom aufzustellen. - Seitdem haßte ihn der Erzbischof Aldoin von Cefalù, der seine Kirche vom Glanz der königlichen Grablege beraubt sah.

Nach der Seelenmesse galt es, die Speisung von hundert Armen zu veranlassen. Und dann war da noch dieser Brief, den er diktieren mußte. Berard ließ das Kinn auf die Brust sacken, wobei die Wangen zu runden Wülsten aufquollen, die das fleischige Gesicht umrahmten. Mißgelaunt stülpte er die Lippen vor. Eine schwierige Sache, dieser Brief... Wenn er es nicht schlau genug einfädelte, könnte er beim Kaiser oder beim Papst in Ungnade fallen. Aber er mußte diesen Brief schreiben! ...Dieses Experiment mit der Zeit... was für ein gefährlicher Einfall! Er mußte Schlimmeres verhindern!

Berard blickte grübelnd ins Leere. Den Eierlöffel am Stielende haltend, wippte er ihn auf und ab. Dann fiel ihm wieder Aldoin von Cefalù ein. Er reckte das Kinn vor und ein Lächeln überflog sein Gesicht.

Aldoin von Cefalù... man muß ihn benutzen... Der Heilige Vater muß ihn derart zurechtweisen, daß sich noch ein anderer davon betroffen fühlt... ganz so, wie man den Sack schlägt, aber den Esel meint. Und vielleicht würde es auch reichen, um Aldoin endlich vom Bischofsstuhl zu stoßen... man muß es nur geschickt genug anstellen!

Berard hatte seine alte Laune wiedergefunden. Frohgemut schleckte er den Löffel ab und widmete sich dem warmen Hefegebäck. Er brach den Kringel entzwei, hob ihn unter seine Nase und sog den süßen Duft ein. Dann tunkte er das Gebäck in die heiße Milch, und führte es zum Mund.

Ein Räuspern war zu hören. In der Tür stand Bruder Bartolomeo, ein alter Mönch mit grauen Haaren und einem müden Gesicht. Er diente dem Erzbischof als Pförtner und manchmal auch als Bote, obwohl er das linke Bein ein wenig nachzog. Er räusperte sich nochmals, nunmehr als Aufforderung, angesprochen zu werden.

„Was gibt ‘s?“

„Der Diakon ist eingetroffen.“

„Laß ihn herein.“

„Hat euch das Hefegebäck geschmeckt, mit dem ihr heute die Armen speisen wollt?“

„Es sind zuviel Rosinen drin. Richte in der Küche aus, sie sollen nur halb soviel nehmen. Die Armenspeisung muß nicht gleich in Völlerei ausarten. Und sieh zu, daß sich unsere Mildtätigkeit herumspricht. Jeder, der ein Stück erhält, soll zuvor ein Gebet für den seligen König Roger sprechen!“

Wortlos schlurfte der Mönch wieder fort. Draußen vor der Tür, ruckte er kurz mit dem Kopf; für den Besucher ein Zeichen, daß er eintreten durfte.

Elias von Girgent betrat den holzgetäfelten Raum. An den Wänden liefen Bänke entlang, auf denen weiche Kissen, aber auch mehrere aufgeschlagene Folianten lagen. In der Ecke stand ein kleiner Tisch mit einem schrägen Pultaufsatz. Darauf lagen Schreibfedern, ein Tintenhörnchen und Bögen unbeschriebenen Papiers. Durch die halbgeöffneten Fensterläden fiel die Sonne in breiten Strahlen herein und ließ die wuchtige Gestalt des Erzbischofs im hellen Licht erstrahlen. Auf einem hölzernen Scherenstuhl sitzend, machte er einen ehrfurchtgebietenden Eindruck, der durch die bischöfliche Garderobe, die auf dem Kleiderständer hing, noch gesteigert wurde.

Mit der linken Hand führte Berard erneut den Hefekringel zum Mund, während er die rechte wortlos dem Besucher entgegenstreckte. Elias kniete nieder und küßte den Siegelring des Erzbischofs. Dann erhob er sich und trat einige Schritte zurück. Aber Berard ließ sich nicht stören; behaglich tunkte er den Rest des Gebäcks in sein Schälchen und saugte schlürfend die triefende Speise in sich hinein. Ein weißer Milchfaden lief ihm über das Kinn.

Kauend betrachtete er diesen kleinen Mönch. Da war er also wieder... dieser beschnittene Christ... Man hatte ihn im Lager des Emirs Ibn Abbad gefunden. Damals, im Jahre 1222, als Friedrich der Zweite die Sarazenen niederwarf, die mit ihren Raubzügen die Insel beunruhigten.

Den rebellischen Emir hatte Friedrich aufhängen lassen, während man die Gefangenen nach Lucera deportierte. Schwierig war es jedoch mit den geraubten Kindern. Viele sprachen nur noch arabisch und konnten sich an nichts mehr erinnern. Nach dem, was sie erlebt hatten, waren manche vollkommen eingeschüchtert, andere gänzlich verroht. Aber Elias hatte Glück gehabt. Er wußte noch seinen Namen, und konnte das Avemaria aufsagen, so daß man ihn wiedererkannte. Sein Vater war der Verwalter eines Klostergutes gewesen, das zur Diözese des Erzbistums Palermo gehörte. Berard hatte sich der Waise angenommen und ihn zu den Benediktinern gegeben, da sein eigener Orden, die Zisterzienser, keine Kinder aufnahm.

Der Erzbischof wischte sich mit einem Tuch über den Mund und winkte Elias herbei. Schweigend musterte er den jungen Diakon. Die kleine Gestalt mit den runden Schultern sah in der schwarzen Kutte ein wenig verloren aus. Die schwarzen Haare saßen wie ein runder Kranz auf dem länglichen Kopf, während in der Schädelmitte die nackte Haut der Tonsur wie eine Kappe herausragte. Lange schwarze Wimpern hoben die Blässe des Gesichts hervor. Und unter den niedergeschlagenen Augen lagen dunkle Schatten; die Folgen mangelnden Schlafes.

Der Erzbischof beschloß, die demütige Haltung des jungen Mönchs ein wenig zu erschüttern: „Wenn du der Teufel wärst, wo auf Erden würdest du dich niederlassen?“

Elias von Girgent erschrak. Seine nachtschwarzen Augen weiteten sich zu staunendem Entsetzen, bis er begriff, daß er sich nicht verhört hatte.

„Auf dem... heiligen Stuhl?“ entgegnete er zögernd.

Berard von Palermo warf den Kopf in den Nacken und lachte mit dröhnender Stimme, bis er sich hustend verschluckte. Als er sich wieder beruhigt hatte, erwiderte er: „Nun, wir wollen es nicht übertreiben. Die Nähe des Heiligen Vaters reicht vollkommen aus. Und dort werde ich dich hinschicken!“

Elias blickte erstaunt auf und stammelte: „Zum Teufel... verzeiht... nach Rom wollt ihr mich schicken?“

„Du hast richtig gehört. Du wirst dort einen Brief übergeben und mir vom Heiligen Vater eine Antwort bringen! Und was den Teufel betrifft... in der Umgebung des Heiligen Vaters sind viele gefallene Engel, unwürdige Diener in Christi Namen. Darum laß dich nicht täuschen! Nicht durch den Hut eines Kardinals, nicht durch die Mitra eines Bischofs und...“, Berard machte eine gewichtige Pause, „...auch nicht durch die Tiara des Papstes! Aber vor allem“, nun erhob er fast drohend seine Stimme, „laß dich nicht täuschen durch dich selbst! Gib acht, daß der Teufel nicht Gewalt über dich gewinnt! Denn zumeist bedient er sich der Leidenschaften des Ehrgeizes, der Geltungssucht und des Neides. Ich schicke dich auch nach Rom zur Prüfung, ob du gegen diese Verlockungen gefeit bist. Wenn du die Sache gut erledigst... nun, einen tüchtigen Kanoniker kann ich für mein Domkapitel immer gebrauchen.“

Elias zog die Augenbrauen hoch; besonders der letzte Satz hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Alle Demut war von ihm gewichen zugunsten einer gespannten Neugier. Aber dann ließ er den Kopf wieder hängen und entgegnete kleinmütig:

„Ich habe gehört, daß neulich ein Mann aus Caserta ins Gefängnis geworfen worden ist, nur weil er seinem Bischof einen Brief des Heiligen Vaters überbracht hatte. Dabei war es bloß eine Empfehlung gewesen, seinen Sohn ins Kloster aufzunehmen.“

„Siehst du, gerade darum habe ich dich ausgewählt. Denn du bist mir am ehesten entbehrlich!“ antwortete Berard knapp.

Elias von Girgent strich verlegen mit den Händen über seine Kutte, trat von einem Bein aufs andere und blickte verstohlen zur Tür, durch die er wohl gerne wieder hinausgegangen wäre.

Bei diesem Anblick erinnerte sich Berard wieder an den kleinen Jungen, den er damals verwahrlost aufgefunden hatte und ein Gefühl der Rührung überfiel ihn.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dir Reisepapiere aus der kaiserlichen Kanzlei besorgen. Außerdem werden wir dort eine Abschrift unseres Briefes hinterlegen. Wir haben keine Geheimnisse zu verbergen!“

Der junge Diakon atmete auf und faltete seine Hände über dem Bauch zusammen.

„Ich bin sehr zufrieden mit dir!“ sprach der Erzbischof, ein neues Thema anschlagend. „Bei dieser Disputation neulich, vor dem Kaiser, hast du die Sache der Kirche gut verteidigt, obwohl ich dir noch sagen muß: mäßige dich zukünftig beim Genuß des Weins. Wenn ich mich recht entsinne, warst du nicht mehr ganz Herr deiner Sinne. Das ist dem geistlichen Gewand, das du trägst, nicht würdig!“

Elias wollte empört widersprechen, doch dann besann er sich auf seine Demut und überging diese Bemerkung: „Ich weiß nicht, ob unsere Ermahnungen eine Läuterung der Seelen bewirkt haben! - Wie man hört, sollen die Pläne für den Bau der neuen Uhr bereits vorliegen.“

„Dahinter steckt nur dieser Sarazene!“ erwiderte Berard von Palermo. „Aber niemand steht hinter ihm. Auch ein Mann wie Michael Scotus ist nicht von dieser Uhr überzeugt. Daher ist noch nichts entschieden. Und selbst wenn es dazu kommt: einen Entschluß kann man immer wieder rückgängig machen!“

„Und wenn es nicht gelingt“, wandte Elias zögernd ein, „wird es dann diese neue Zeit geben?“

„Du irrst dich“, korrigierte der Erzbischof seinen Diakon, „es wird zunächst zwei Zeiten geben, die alte und die neue, die der Welt und die der Kirche!“

„Daraus kann nur Verwirrung entstehen. Nach welcher Zeit sollen sich die Menschen richten? Nach den Stunden der Kirche oder denen des Kaisers?“

„Das ist die Frage! Aber was meinst du: was würde weiter geschehen?“

Elias wrang die ineinander verschränkten Hände, als wolle er etwas aus ihnen herauspressen. Suchend ließ er den Blick zur Zimmerdecke schweifen, bis er eine Antwort gefunden hatte:

„Zuletzt wird man sich für eine Zeit entscheiden müssen!“

„Du sagst es! Es ist eine große Torheit, mit der Zeit zu spielen, nur um ihre Wirkung auf die Menschen zu erproben - ganz so als wäre man Gott gleich. Auch in Rom wird man dich nach dieser neuen Uhr fragen. Aber antworte nur dem Vizekanzler Sinibald Fiesco. Er soll diesen Brief empfangen, um ihn an den Heiligen Vater weiterzuleiten.“

„Und wenn man mich nicht danach fragt?“

Der Erzbischof sah erstaunt auf: Der junge Diakon hatte wirklich Verstand.

„Dann sorge dafür, daß sich der Vizekanzler danach erkundigt! Aber sieh zu, daß es eher beiläufig geschieht. Wir brauchen einen Brief des Heiligen Vaters, der die kirchlichen Stunden als die allein gültige Zeit bestätigt, nach der sich die Bewohner des Erdkreises zu richten haben!“

Berard beobachtete, wie Elias über diese Worte nachgrübelte. Es war nicht zweckmäßig, ihm allzuviel zu sagen, aber es durfte auch nicht zuwenig sein, gerade soviel, daß er den Sinn seiner Mission verstehen konnte.

Elias schien begriffen zu haben, worum es ging. Vorsichtig fragte er:

„Ihr wünscht also ein Schreiben vom Heiligen Vater, mit dem ihr den Kaiser beeinflussen wollt, diese Uhr nicht zu bauen?“

„Die Person, die wir meinen, ist zu hoch gestellt, als daß es uns erlaubt wäre, über sie zu reden. Mit Bedacht müssen wir daher unsere Worte wählen. Es ist wie mit dem Wein, den wir beim Abendmahl ausschenken. Während der Messe verwandelt er sich in Christi Blut und das ungesäuerte Brot wird zum Leib des Herrn. Ähnlich ergeht es uns mit den Worten. Wir können über einen Geringeren reden, aber einen Höheren meinen. Du verstehst, was ich sage?“

Elias von Girgent nickte mit dem Kopf.

„Sprechen wir also über einen Geringeren, der uns sehr nützlich sein kann“, fuhr der Erzbischof fort, „einen Geringeren, über den man reden muß, wenn man das Wohl der Kirche im Auge hat. - Was weißt du über Aldoin von Cefalù?“

Berard warf Elias einen forschenden Blick zu. Je abgeschlossener ein Kloster war, desto geschwätziger waren die Mönche. Sie wußten einfach alles. Der junge Diakon wurde wieder verlegen und schwankte unruhig hin und her. Eine Eigenart, die man ihm trotz aller klösterlichen Strenge nicht hatte austreiben können.

„Sprich ganz offen, du brauchst keine Rücksicht zu nehmen!“

„Man sagt“, begann Elias zögernd, „der Teufel, der uns mit fleischlichen Begierden peinigt, habe auch den Erzbischof von Cefalù nicht verschont. Obwohl Gott ihn erhöht hat, ist er nur ein Mensch wie alle anderen Menschen und daher verzeihlich schwach.“

„Wir werden sehen, ob die Schwäche dieses Menschen verzeihlich ist!“ erwiderte der Erzbischof heftig.

Berard von Palermo stützte sich mit beiden Handflächen auf den Tisch und erhob sich ächzend von seinem Stuhl.

„Laß uns diesen Brief schreiben!“ sprach er und wies auf das Tischpult, wo Feder, Tinte und Papier bereitlagen.

„Schreiben wir nicht auf Pergament?“ fragte Elias.

Der Erzbischof lächelte; nur ungern benutzten die Mönche Papier; oft blieb die Feder an den Fasern hängen, und nicht selten gab es Tintenflecke.

„Es würde unnötigerweise das Mißtrauen der kaiserlichen Kanzlei erwecken, denn auf Pergament könnten wir die Worte mit einem Messer leicht wieder ausradieren, nachdem unser Schreiben beglaubigt worden ist.“

Berard ging zum Fenster, klappte die Holzläden auf und lehnte sich hinaus. Links erstreckte sich der Dom, den man damals anstelle der Großen Moschee errichtet hatte. Einige Säulen, die man für den Bau wiederverwendete, zierten noch arabische Inschriften. Vor dem Portal kauerten die Bettler. Ihre Krücken hatten sie an die Kirchenwand gelehnt und mit vorgestreckten Händen baten sie um eine Gabe.

Kinder lärmten auf dem Domplatz. Die Mädchen hatten Kästchen aufs Pflaster gemalt und hüpften von einem Quadrat zum anderen. Dazwischen rannten die Buben umher. Einige hatten ihre Gefährten Huckepack genommen, die nun versuchten, als wilde Reiter ihre Gegner vom Rücken der anderen zu ziehen. Weiter hinten, auf den noch kühlen Steinen, lag ein schwarzer Hund und döste in beneidenswerter Ruhe vor sich hin... wie gut er es hat, dachte Berard. Er blickte zum Cassaro hinüber, der Straße, die zur rechten Seite den Platz begrenzte.

Er sah den jungen Mägden nach, die zum morgendlichen Markt eilten. Auf ihren Köpfen trugen sie Körbe voller Feigen, Trauben und Pfirsiche. Manche stützten mit hochgewinkelten Armen ihre Last. Dabei spannten sich ihre Brüste unter den Kleidern und ließen die Formen ihrer Körper erahnen. Kleine und große, schlanke und rundliche Frauen bewegten sich in anmutiger Prozession die Straße hinunter.

Auf dem Platz verfolgte ein grauer Täuberich seine Angebetete. Mit ruckendem Kopf trippelte er hinter ihr her. Sie wich ihm aus, er wurde hitziger. Schließlich duckte sie sich willig nieder. Flügelschlagend flatterte er ihr von hinten auf.

Berard schaute wieder den Mägden nach. Die kleine da hinten... mit dem rundlichen Hintern... wie sie sich in den Hüften wiegt! Seufzend schloß er den Fensterladen, bevor er sich noch weiter in Gedanken versündigte.

Entsagungsvoll wandte er sich Elias von Girgent zu und diktierte ihm den Brief. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ging er auf und ab, und man hörte nichts weiter als die wohlüberlegten Worte, die Schritte auf den knarrenden Holzdielen und das kratzende Geräusch der dahineilenden Feder. Als Berard mit dem Diktat fertig war, nahm er den Bogen in die Hand und überflog das Schreiben:

„Dem ehrwürdigen und heiligen Vater Gregor, Papst von Gottes Gnaden, entbietet Berard von Palermo, Erzbischof durch Erbarmen Gottes, Gruß und Gehorsam:

Heiliger Vater, eine große Beunruhigung hat die Gemeinde Eurer Diener erfaßt. Die Regel des heiligen Benedikt findet nicht mehr die gebührende Beachtung. Im Domkapitel meines christlichen Bruders Aldoin von Cefalù werden die vorgeschriebenen Zeiten des Gebetes nicht mehr eingehalten! Das Nachtgebet hat man um eine Stunde verschoben, damit sich die Brüder der Sünde des ungezügelten Schlafes hingeben können. Es wird sogar daran gedacht, in aller Heimlichkeit die geistlichen durch die weltlichen, gleich langen, Stunden zu ersetzen.

Aber wozu läßt Gott den Aufgang der Sonne jeden Tag früher oder später geschehen, so daß sich der Kreis erst nach Ablauf eines Jahres wieder schließt? Gewiß nicht, damit seine Diener Ihm in aller Bequemlichkeit ihre Verehrung darbringen!

Ferne liegt mir, meinen geliebten Bruder, den Erzbischof Aldoin von Cefalù, zu verurteilen. Aber seine Lebensführung gereicht nicht zur Ehre Gottes!

Wisset: aus den Gütern der Kirche unterhält er zwei Geliebte, mit denen er drei Söhne und eine Tochter gezeugt hat. Vor aller Augen gibt er sich den Begierden des Fleisches hin, frönt der Unzucht und verschleudert das Gut der Kirche an seine Verwandten.

Zwar spricht der Herr: ‚Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!‘ Aber steht nicht auch geschrieben, daß der gute Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und sagt man nicht auch: es ist besser ein räudiges Schaf als die ganze Herde zu verlieren!

Heiliger Vater, allein die Sorge um das Wohl der christlichen Gemeinde drängt mich, Euch um Unterweisung zu bitten. Was sollen wir tun, damit sich die katholische Kirche wieder des ungeteilten Gehorsams ihrer Diener erfreue?

Gegeben zu Palermo im Jahre 1233 der Fleischwerdung des Herrn, fünf Tage nach der Stuhlfeier Petri.“

Der Erzbischof nickte zufrieden, als er den Brief durchgelesen hatte. Er fand Gefallen an der klaren Handschrift des Diakons. Dann rief er den Bruder Bartolomeo herbei. Er trug ihm auf, die Reisepapiere für Elias von Girgent zu besorgen und den Brief zur Kaiserlichen Kanzlei zu bringen. Denn jedes Schreiben außerhalb des Reiches mußte auf seinen unverdächtigen Inhalt hin geprüft und beglaubigt werden. Erst danach wurde es gesiegelt.

Nachdem er seine Anweisungen gegeben hatte, blickte Berard seufzend auf den Kleiderständer. Er streckte die Arme aus und ließ sich von Elias dabei helfen, die schwere Dalmatika überzuziehen. Dann nahm er die Mitra entgegen, rückte sie auf seinem Haupt zurecht und seufzte nochmals. Die Sonne war höher gestiegen und ihre unbarmherzige Hitze hatte die morgendliche Frische verzehrt. Er würde heute mächtig schwitzen. Sein Blick fiel auf den jungen Diakon, der offensichtlich noch etwas vorbringen wollte. Auffordernd nickte er ihm zu.

„Ich habe nichts davon gehört“, bemerkte Elias vorsichtig, „daß im Domkapitel von Cefalù die weltlichen Stunden eingeführt werden sollen.“

Mit spöttischem Blick betrachtete Berard den jungen Mönch. ‚Ich auch nicht‘, dachte er und lachte still in sich hinein.

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