Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Kapitel 1


Es war etwa dreißig Grad vor dem Mittagsgebet und Zakkarija al-Basri war noch nicht tot. Denn Gott, allmächtig und allwissend wie ein Geschichtenerzähler, hatte beschlossen, ihn nicht sterben zu lassen. - Zumindest nicht an diesem Tag. Und da das irdische Leben, wie der Prophet Mohammed lehrt, ohnehin nur ein Spiel ist, so erlaubte sich Gott obendrein noch einen Scherz: Zakkarija al-Basri erlebte seine eigene Geburt! - Was bei einem sechzigjährigen Mann gewiß etwas seltsam erscheinen mag.

Aber Zakkarija fühlte, wie er feucht, warm und schleimig in einer engen Röhre lag. Er empfand die Bewegungslosigkeit seiner Arme und Beine und diesen pressenden Druck. Finsternis umfing ihn, nur ganz weit hinten, leuchtete ein kleines Licht. Er wollte raus! Er spannte seinen Körper an, und er spürte dieses langsame glitschige Gleiten. Dann fiel grelles Licht auf seine geschlossenen Augenlider. Die Lungen füllten sich mit kalter stechender Luft. Er atmete. Es war geschafft!

Zakkarija schlug die Augen auf und erschrak. Was für ein Irrtum! Nicht dem Leben, dem Tode war er nahe! - Und welch ein übler Streich: er durfte sogar noch Zeuge seines eigenen Sterbens werden.

Er reckte den Kopf hoch und sah wie das dampfende Gedärm des Tieres aus dem aufgerissenen Bauch hervorquoll; ein schleimiges, mit blauen und roten Adern durchwachsenes Geschlinge, unter dem er zu ersticken drohte. Die Eingeweide liefen über sein Kinn, berührten seine Lippen und sickerten ihm in den Mund. Voller Ekel spuckte er aus.

Das Pferd hob einige Male den Hals und blickte angstvoll auf den Reiter, der unter ihm lag. Ein leises Wiehern war zu hören, fast wie ein flehentliches Bitten. Zakkarija versuchte, sich zu bewegen. Doch nur der rechte Fuß war frei. Sein linkes Bein steckte angewinkelt unter dem Gesäß, und der rechte Arm klemmte unter dem Rücken, als wolle er mit der Hand die Zehenspitzen berühren. Er verspürte keine Schmerzen. Es war also nichts gebrochen.

Aber wo war Dawud? Wild klopfte ihm das Herz im Halse. Wie konnte er nur an sich denken und seinen Sohn vergessen! Er hatte Safija versprochen, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Seine Frau würde es ihm nie verzeihen! Er mußte hier raus!

Mit dem freiliegenden Fuß drückte er gegen den Boden, um sich unter dem Pferd hervorzustemmen. Doch er fand keinen Halt. Der Körper des Tieres hielt ihn gefangen. Zakkarija ließ den Kopf auf das weiche Kissen der Eingeweide zurückfallen und überlegte. Er mußte ruhig bleiben... ganz ruhig bleiben... und nicht in Panik geraten! Unbeweglich lag er da und dachte nach. - Aber was war das? In der Nähe hörte er ein Ächzen, Stöhnen und Schnaufen.

Wenige Schritte von ihm entfernt kämpften zwei Männer. Ein schwarzbärtiger Hüne mit breiten Schultern und dicken Armen schwang eine langstielige Kriegssense durch die Luft und hackte auf einen schmächtigen Jungen ein, der leichtfüßig tänzelnd diesen Streichen auswich. Mit jedem Hieb stieß der Bärtige markerschütternde Schreie aus und machte klar, wem der Sieg gehören würde. Eine ganze Weile drehte sich das ungleiche Paar im tödlichen Reigen, bis der klotzige Kerl zu einem wuchtigen Schlag ausholte. In diesem Augenblick schnellte der Junge vor und stach mit dem Schwert zu, nicht tief, aber doch tief genug, um das lederne Wams seines Gegners zu durchdringen. Der krümmte sich vor Schmerz und ließ seine Waffe sinken. Mit beiden Händen umfaßte der Kleine nun das Schwert, hob es wie eine Axt und spaltete mit einem mächtigen Schlag den Eisenhelm des Mannes, der in den Beinen einknickte und zu Boden sackte.

Zakkarija sah sich nun selbst in Gefahr und rührte sich nicht. Doch der rothaarige, sommersprossige Junge nahm ihn nicht wahr. Er riß dem Toten die Kleider vom Leib, schulterte dessen Waffe und zog stolz davon.

In diesem Augenblick lief ein Zucken und Zittern durch das Pferd. Es strampelte noch einmal mit den Beinen. Die Hufe galoppierten wild durch die Luft, und Zakkarija hatte Angst, am Kopf getroffen zu werden. Aber er durfte noch nicht sterben, erst mußte er wissen, was mit Dawud geschehen war. Er mußte ihn wiederfinden, so oder so.

Der stete Strom der Eingeweide floß nun langsamer und Zakkarija schöpfte Hoffnung, nicht mehr darunter zu ersticken. Er versuchte sich zu konzentrieren, um klar zu denken. - Doch es wollte ihm nicht gelingen. Das Schreien und Brüllen hunderter Männer, das Splittern hölzerner Schilde und das metallische Klingen der Schwerter drang in seine Ohren. Er blickte kurz auf: nicht weit entfernt tobte die Schlacht.

Gerüstete Männer stachen, hackten und schlugen aufeinander ein. Mit Streitäxten, Dolchen und Speeren brachten sie einander um. Und wer seine Waffe verloren hatte, nahm die Hände zu Hilfe, packte den Gegner am Hals und erwürgte ihn. Über diesem Haufen verknäulter und verkeilter Körper bäumten sich die Rösser auf. Von oben herab hieben die Ritter auf die Fußknechte ein. Wer fiel, war verloren. Von Mensch und Tier in die Erde gestampft, gab es für die Verwundeten kein Entrinnen.

Zakkarija sah, wie am Rande des Getümmels ein Pferd zu Boden ging. Der Reiter kippte aus dem Sattel, überschlug sich und verlor sein Schwert. Das Tier, umhüllt mit einer bunten Wappendecke, mühte sich, wieder auf die verletzte Hinterhand zu kommen. Angsterfüllt wieherte es, im Unverständnis dessen, was ihm geschehen war. Daneben lag der Ritter im schweren Kettenhemd, mit Armen und Beinen rudernd wie eine auf den Rücken gefallene Schildkröte. Ein Söldner eilte herbei, hockte sich auf ihn und stach mit seinem Dolch durch die schmalen Schlitze des Helmvisiers. Aber die Schneide seiner Waffe war zu breit. Daraufhin stocherte er in den Achselhöhlen herum, um dort sein Glück zu versuchen.

Zakkarija ließ den Kopf wieder zurücksinken. Obwohl seine Lage alles andere als beruhigend war, spürte er eine gewisse Erleichterung: Dawud hatte er in diesem tödlichen Gewühl nicht entdeckt, auch nicht König Manfred.

Er fühlte, wie seine Glieder durch die unnatürliche Verrenkung abstarben. Doch es gelang ihm nicht, seinen Arm unter dem Rücken hervorzuziehen. Wieder hob er den Kopf. Neben ihm lag der Leichnam des schwarzbärtigen Mannes. Der Tote starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, als könne er es immer noch nicht fassen, daß er, der Kräftigere, von einem Jungen besiegt worden war. Er lag seitlich auf der Brust, mit verdrehten Beinen und mit entblößtem Geschlecht. Das schlaffe Glied schlummerte in den schwarzen Schamhaaren, wie ermattet nach dem Erguß. Geradezu lächerlich wirkte der Eisenhelm, den der Tote noch auf dem Kopf trug. Offensichtlich war er für den Sieger wertlos gewesen. Ein tiefer Riß klaffte im Metall und hellrotes Blut, vermischt mit weißem Hirn, sickerte daraus hervor. Zakkarija konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Unsinnigeres gesehen zu haben als diesen nackten, behelmten Mann. Er stemmte nochmals seinen Fuß gegen den Boden, um sich von dem Kadaver des Pferdes zu befreien. - Vergeblich; ohne fremde Hilfe kam er hier nicht heraus.

Die Geräusche der Schlacht schwollen manchmal an, klangen dann wieder ab, bis Zakkarija zuletzt nur noch das schmerzgepeinigte Jammern der Verwundeten und das klägliche Seufzen der Sterbenden vernahm. Allmählich verlor er jedes Gefühl für die Zeit.

Es mochte vielleicht fünfzehn Grad oder wie man neuerdings sagt, eine Stunde vor dem Nachmittagsgebet gewesen sein, als der Boden von einem dumpfen Getrappel widerhallte. In wilder Flucht und Verfolgung sprangen zwei Schatten über ihn hinweg. Hart schlugen die Hufe neben seinem Kopf auf, und kleine Erdklümpchen fielen auf sein Gesicht. Danach wurde es wieder ruhig.

Er konnte nicht sagen, wie lange er schon unter dem Pferd lag. Die bleiche Februarsonne zog tiefer und tiefer ihre Bahn. Er dachte an seinen Sohn und daran, daß er ihn niemals hätte mitnehmen dürfen. Dann wurde er müde... so unendlich müde... auf keinen Fall durfte er einschlafen! Er schaute in den gläsernen Himmel. Was für ein schöner Tag! Hoch über ihm glänzte das blaue Firmament. Wie in Schlachtreihen geordnet rollten die Wolken dahin, weiß leuchtend im Licht der Sonne und so niedrig, daß man sie hätte greifen können. Alles war in Bewegung - ein prächtiges Schauspiel der sinnlos verrinnenden Zeit!

Am frühen Abend kam eine Krähe herbeigeflattert. Sie setzte sich auf das hellbraune Fell des Pferdes und stolzierte mit gravitätischen Schritten auf und ab. Dann hüpfte sie in freudiger Erregung zum Schädel. Dort angelangt, würgte sie ein kehliges Krok Krok hervor und hackte mit dem klobigen Schnabel auf das Pferdeauge ein, um es gierig in sich hineinzuschlürfen. Zakkarija überfiel eine panische Angst: Was, wenn der Vogel sich über seine Augen hermachte? Er stieß einen rauhen Schrei aus, erschreckt flog die Krähe davon.

Der Vogel war nun fort und einstweilen blieb er von Menschen und Tieren unbehelligt. Er kämpfte gegen die Müdigkeit an... wie gerne wäre er eingeschlafen! Von Ferne hörte er Jubel. Sie sangen Psalmen zum Lobe des Herrn; also bestand kein Zweifel mehr, wem der Sieg gehörte. Da König Manfred vom Papst exkommuniziert worden war, hätte keiner in seinem Heer das Laudate Dominum angestimmt, auch nicht nach einer gewonnenen Schlacht. Zakkarija beobachtete die Sonne, die jetzt tief über dem Horizont stand. Noch sieben Grad, also eine halbe Stunde, und die Nacht würde hereinbrechen. Er war erschöpft. Der schwere Kadaver machte ihm das Atmen schwer.

Im Westen setzte die sinkende Sonne langsam den Himmel in Brand. Ihre Flammen entzündeten die Wolken, die sich erst hell, dann dunkel röteten, bis das Feuer schließlich verglomm und aschgraue Schatten zurückblieben.

Zakkarija dachte wieder an Dawud. Er hätte ihn zu Hause lassen sollen. Allerdings... sein Sohn war im Herbst letzten Jahres siebzehn geworden. Seine Freunde dienten bei den Bogenschützen, und Dawud brannte darauf, es ihnen gleichzutun. Nur mit einer scharfen Zurechtweisung hatte er ihn davon abhalten können. Aber nun war alles anders gekommen.

Er überließ sich seinen Gedanken und sann darüber nach, was er in seinem Leben hätte besser machen sollen, bis er plötzlich Stimmen wahrnahm; wahrscheinlich Plünderer, die das Schlachtfeld absuchten und sich an den Leichen der Gefallenen zu schaffen machten. Doch was noch schlimmer war: hin und wieder hörte er das leise Flehen eines Verwundeten, dem ein kurzer Aufschrei folgte.

Zakkarija hielt es für ratsam, sich tot zu stellen. Er atmete kaum noch und starrte mit leerem Blick gen Himmel. Jemand trat an ihn heran, um ihn zu betrachten. Aber das ekelhafte Bild eines vom Pferdegedärm begrabenen Menschen hielt den Fremden davon ab, diese Beute näher zu untersuchen.

Als Zakkarija sich wieder umsah, waren die Wolkenschatten verflogen und az-Zuhra, die Venus, leuchtete am dunkelblauen Firmament. Er bemerkte, daß seinem toten Nachbarn nun der Helm fehlte. Langsam kroch die Kälte in seinen Körper hinein. Erst jetzt fühlte er, daß ihn der Kadaver des Tieres noch einige Zeit gewärmt hatte.

Er hatte sich schon damit abgefunden, unentdeckt die Nacht auf dem Schlachtfeld zu verbringen, als er leise tappende Tritte und einen hechelnden Atem vernahm. Ein Hund näherte sich ihm. Wieder überfiel ihn maßlose Furcht. Zakkarija reckte den Kopf in die Höhe und rief: „Hau ab! Weg mit dir!“ Doch das Tier ließ sich nicht erschrecken. Der Hund ahnte, daß dieser Mensch ihm nicht gefährlich werden konnte. Knurrend zog er die Lefzen hoch und drohte mit den Zähnen. Dann schnupperte er an dem Toten, schleckte das Blut auf und entschied sich schließlich für die Innereien des Pferdes. Während er an den Eingeweiden zerrte, blickten die gelben Hundeaugen unverwandt auf diesen alten Mann, der im Zweifel schien, ob er nicht auch noch Bestandteil dieser Mahlzeit werden könnte.

Zakkarija kannte nicht das Jahr seiner Geburt, nicht den Tag und nicht die Stunde. Doch er wußte nun, welche Stellung die Gestirne damals eingenommen hatten. Es mußte das Sternbild des Löwen gewesen sein, als Jupiter in Opposition zum Mars stand. Heißt es doch, daß der unter diesem Zeichen Geborene nach seinem Tode unbestattet bliebe und wilde Tiere seinen Leichnam zerfleischten.

Aber nach einiger Zeit war klar, daß dieser Hund sich nicht dazu berufen fühlte, die Prophezeiung des Ptolemäus zu erfüllen. Als er gefressen hatte, knurrte er noch einmal und trollte sich davon.

Zakkarija beobachtete den Himmel. Langsam zogen die Fixsterne in ihrer kristallenen Sphäre dahin. Dem Stand des ad-Dabaran nach zu urteilen, mußte es jetzt dreißig Grad vor Mitternacht sein.

Zakkarija fror. Er krallte die Hand in den Boden und zerbröselte die Erdkrumen. Schon bald würde er das sein, was er zwischen den Fingerkuppen fühlte: Staub. Alles auf Erden geht dahin. Von der Zeit berührt, zerfallen die Körper. Und wer weiß, welche Tiere einst sein Leichnam nähren würde, welche Pflanzen aus ihm wuchsen. Nur droben, am Himmel, bleibt alles beim Alten, weil es nichts Neues gibt. Jenseits der Sphäre des Mondes beginnt die Welt des unveränderlichen Seins. Dort spult sich das Sternenwerk ab, bis in alle Ewigkeit!

Zum ersten Mal verspürte Zakkarija den Wunsch, an die Wiederauferstehung zu glauben. Was für ein wunderbares Gefühl! Wie sicher und ruhig man dabei wird! Aber dann meldete sich sein Verstand zurück. Ihm fiel ein, daß es nach der Auffassung des Averroes keine leibliche Auferstehung gibt. Wie unsinnig zu glauben, Gott führe die Seelen der Gläubigen wieder in ihre Leiber zurück und die Auferweckten wären dieselben wie die Verstorbenen.

Wozu dann dieses Leben, dieses mühevolle Suchen nach Wissen, wenn man wieder verlor, was man einst gefunden hatte… es sei denn… man faßt seine Gedanken in die Worte der Schrift! Er hätte ein Buch schreiben sollen, dann wäre vielleicht etwas geblieben… doch wie selbstgerecht… Dawud… schließlich ist da noch Dawud!

Zakkarija stöhnte auf. Wie es doch schmerzt, aus dem Leben zu gehen, ohne zu wissen, was mit denen geschieht, die man liebt. Er krallte wieder seine Finger in die Erde. Wie leicht könnte er dieses Leben loslassen und zu dem werden, was er in der Hand fühlte, wenn nicht... Er mußte wissen, was mit seinem Sohn geschehen war! Vorher durfte er nicht sterben!

Wieder streiften Leute über das Schlachtfeld! Flackernde Lichter drangen durch die Dunkelheit. Wahrscheinlich Bauern aus den umliegenden Dörfern, die nachsahen, ob auch für sie etwas übriggeblieben war. Ein paar Kleider vielleicht, eine Axt oder etwas Pferdefleisch.

Die Menschen kamen näher. Sie redeten im vertrauten Dialekt Kampaniens. Gewiß hatte er von diesen Bauern weniger zu befürchten als von den Kriegsknechten. Leise rief Zakkarija um Hilfe.

„Kommt mal her! Seht, was ich hier gefunden habe“, ertönte eine Stimme.

Im Schein der Fackeln blickte Zakkarija in die Gesichter, die sich über ihn beugten. Ein Glatzkopf mit kleinen Schweinsäuglein und einer Narbe, die das Gesicht gräßlich entstellte, schaute ihn eindringlich an. Zakkarija bereute, sich bemerkbar gemacht zu haben. Aber jetzt war es zu spät.

„Zieht das Pferd von ihm herunter!“ befahl der Glatzkopf seinen Leuten.

„Woll‘n mal sehen, was wir da für einen Fang gemacht haben!“

Trotz des beklemmenden Gefühls, spürte Zakkarija die ungeheure Erleichterung, als er vom schweren Kadaver des Tieres befreit wurde. Mit gierigen Zügen sog er die Nachtluft ein.

„Los, steh auf!“ befahl ihm der Anführer.

Zakkarija erhob sich, seine Glieder waren wie abgestorben. Er verhedderte sich im Gedärm des Pferdes, strauchelte und fiel wieder hin.

„Seht euch diesen alten Esel an!“ spottete jemand.

Zakkarija trug einen schwarzen Burnus und war froh, seinen Turban verloren zu haben, der ihn ohne Zweifel verraten hätte. Der Glatzkopf hielt ihm eine Fackel vors Gesicht, daß es ihm fast die Augenbrauen versengte. Ein älteres runzeliges Männchen mit einem zahnlosen Mund betrachtete ihn aufmerksam und rief:

„Ich kenne dich!“

„Woher sollten wir uns kennen?“ erwiderte Zakkarija.

„Ich kenne dich! Ich habe dich schon einmal gesehen!“

„Ich bin nur ein alter Mann am Ende seiner Tage.“

„Was du bist, das sehen wir selber!“ sprach der Anführer. „Aber wir wollen wissen, wer du bist.“

„Natürlich! Jetzt erkenne ich ihn wieder! Es ist der Uhrmacher! Dieser Sarazene, der damals alle Leute verrückt gemacht hat mit seinem tickenden Teufelswerk!“ rief das faltige Männlein.

„Ein Heide bist du also! Hast du Geld dabei?“

Zakkarija verneinte.

„Kein Geld und dann noch Sarazene! Nun mein Freund, ich glaube, ich kann nichts mehr für dich tun!“ Die anderen lachten.

„Ich fürchte sogar: dein Leben ist in großer Gefahr!“ Der Glatzkopf schaute auf seine Leute, um sich der Wirkung seiner Worte zu vergewissern.

„Laßt ihn uns in Stücke schneiden!“ rief eine Gestalt mit wirren struppigen Haaren und weißen Augäpfeln, die irrlichternd im unruhigen Schein der Fackel glänzten. „Seine Vorhaut hat er schon dem Propheten geopfert, machen wir dort weiter, wo sie damals aufgehört haben!“ Die Bande brach in wildes Gelächter aus.

Zakkarija al-Basri sah, daß er sich nun nicht mehr zu verbergen brauchte. Er dachte an seinen Sohn, und daran, daß es ihm nicht mehr vergönnt sei, ihn in dieser Welt noch einmal wiederzusehen. Also beschloß er, sein Leben würdig zu beenden.

Zakkarija schaute auf die Sterne, um die Himmelsrichtung festzustellen. Dann fiel er auf die Knie, hockte sich auf seine Fersen und wandte sich gen Mekka. Er beugte sich vor, berührte mit der Stirn den Boden, richtete sich wieder auf und rezitierte die Fatiha, die erste Sure des Korans:

„Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes…“

„Hört euch diesen alten Heiden an!“ höhnte das Gesindel. Der Führer der Gruppe gab ihm einen Fußtritt in die Seite.

„Machen wir dieser Gotteslästerung ein Ende! Zur Hölle mit ihm! Schicken wir ihn zu seinem Propheten!“

Der Glatzkopf überreichte einem seiner Männer die Fackel und griff sich eine langstielige Axt. Spielerisch schwang er das Beil in den behaarten Pranken hin und her, um Maß zu nehmen. Dann holte er mit aller Kraft aus.

Zakkarija al-Basri schaute in den Himmel und suchte den Aldebaran, der stets den Plejaden nachhinkt. - Man sagt: wenn am Tage des Gerichts ein Licht nach dem anderen verglimmt, dann wäre dies der letzte Stern, der am Himmel noch zu sehen sei.

 

 

 

 

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