Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Der Anschlag

„Ich habe ihn!“ Landwehr stand oben auf dem Altan der Nikolaikirche. Er hielt den abgerissenen Kopf an den Haaren und schwenkte ihn wie eine Trophäe hin und her. Es war gegen jede Regel, etwas anzufassen, bevor die Spurensicherung ihre Arbeit getan hatte.

Lazar schaute die Neue an. Eine Kollegin, die man ihm zugeteilt hatte. Blonder Pferdeschwanz, blaue Augen und gut gewachsen - wie alle Mädels, die von der Polizeischule kamen. Er suchte in ihrem Gesicht nach einer Schwäche. Aber sie hatte sich völlig unter Kontrolle. Schade, dachte Lazar. Die Neue wollte einfach nicht kotzen. Er mußte sie irgendwie loswerden. „Also gehen wir“, sagte er ein wenig enttäuscht.

In ihren weißen Overalls aus Plastik sahen sie aus wie Schneemänner. Sie vermieden, in die Pfützen voller Blut zu treten und gingen an einer brennenden Bude vorbei, in der das Frittierfett der Reibekuchen Feuer gefangen hatte. Vor ihnen lag die Nikolaikirche, die den Römerberg begrenzte. Ein Schatzkästlein, verziert mit gotischem Maßwerk. Nun besprenkelten roten Flecken den weißen Putz. In einer Ecke des Langhauses lag der Treppenturm. Durch eine kleine Pforte stapften sie nach oben. Dort säumte eine umlaufende Galerie das steile Kirchendach.

Lazar bemerkte einige umgestürzten Notenständer. Daneben lagen die Partituren. Der Wind las sinnlos in den Notenblättern. Eine fallengelassene Posaune zeigte, dass hier noch vor einer Stunde Weihnachtslieder gespielt wurden.

Lazar liebte diese vorweihnachtliche Stimmung, die hell erleuchteten Buden, das feierliche Geschiebe und Gedränge der Menschen. Den Geruch nach Glühwein, Bratwurst und Kräuterbonbons. Nun beleuchteten Scheinwerfer die blutige Szene mit grellem Licht. In einem Winkel des Römerbergs hatte man ein Zelt aufgestellt für die weiteren Untersuchungen. Er blickte hinüber zur Brauchbachstraße. Blaulicht blitzte durch die Dunkelheit und die Sirenen der Krankenwagen gellten durch die Nacht.

Unter der Kirche lagen noch die zerrissenen Körper derjenigen die dem Zentrum der Explosion am nächsten gestanden hatten. Zwischen der Nikolaikirche und dem Haus Wertheim, gab es eine Biegung und hier stauten sich jedes Mal die Menschen. Er erinnerte sich an diese Stockungen, wenn es nicht weiterging, und die Menge sich gegenseitig bedrängte.  

Unten sah er einen Arm, genauer den Ärmel eines Wintermantels aus dem eine Hand ragte, dazwischen undefinierbare Fleischklumpen und etwas weiter das Geschlinge des Gedärms, das aus einem aufgerissenen Bauch quoll. Die Schneemänner der Spurensicherung tapsten in ihren weißen Überziehschuhen umher und stellten die kleine Täfelchen mit Nummern auf. Dann fotografierten sie alles. Etwas weiter weg lagen einige Körper, die nicht zerrissen und zerfetzt worden waren. Und nun musste selbst Lazar schlucken… darunter ein Kind in einem blauen Mäntelchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt, bekleidet mit einem Mützchen und Handschüchen. Es lag da als sei es nur hingefallen und würde gleich wieder aufstehen.

Vor den Fachwerkhäusern drehte sich noch immer das Karussell mit schaukelnden Pferden und wippenden Wagen zu einer schauerlich klimpernden Musik. Warum stellt keiner dieses Ding ab…

„Verdammt! Kannst du deine Finger nicht von ihm lassen!“ Kästner von der Spurensicherung war wütend. „Du kannst dir nicht einfach den Kopf nehmen, bevor wir ihn nicht fotografiert haben.“

Die Wucht der Explosion hatte den Kopf vom Rumpf gerissen und im hohen Bogen auf das Kirchendach geschleudert, von wo er schließlich auf die Galerie hinuntergekullert war. Er gehörte, soweit man es feststellen konnte, zu einem jungen Mann mit dunklen Haaren und hellem Teint. Einige abgerissene Muskelfasern und Hautreste hingen an ihm herunter. Aus den Nasenlöchern liefen kleine Streifen Blut.

„Tschuldigung“ sagte Landwehr. und legte den Kopf wieder den Boden zurück. „Aber ich kenne den!“

„Bist du sicher?“ fragte Lazar. Sie duzten sich seit diesem Vorfall damals, der Landwehr im Amt eine Art Freibrief verschafft hatte, wegen gelegentlicher Phasen verminderter Zurechnungsfähigkeit.

„Ich habe ihn schon mal gesehen. Weißt du was, wir nehmen ihn gleich mit! Ich bin sicher, ich habe ihn in meiner Video-Datei. Haste mal ne Tüte?“

Lazar tauchte mit dem Arm unter seinen Overall und kramte in der Jackentasche herum. Er holte eine Plastiktüte hervor mit dem Aufdruck „Schöner shoppen in der Stadt.“ Eigentlich hatte er vorgehabt, noch in der Kleinmarkthalle einzukaufen. Seine Frau hatte sich Grünkohl gewünscht, ein norddeutsches Winteressen, das man mit einer fetten Wurst aß, die man seltsamerweise Pinkel nannte. Es machte ihm nichts aus, Schweinefleisch zu essen, doch er bestand darauf, nach dieser Mahlzeit einige Schnäpse zu trinken, und es mußte Raki sein. Wacholder war ihm zu bitter.

Er war noch in seinem Büro gewesen als Landwehr in sein Zimmer stürzte und die Nachricht überbrachte. Sie hatten sich sofort in den Wagen geworfen, um nach Frankfurt zu fahren. Nun war es also passiert. Alle hatten damit gerechnet, daß es passieren würde, sie wußten nur nicht wo und nicht wann … Aber nun war es geschehen.

Morgen war der dritte Advent und heute gab es zwei oder drei dutzend Tote, von den Verletzten ganz zu schweigen. Was für ein Advent… Adventus… Ankunft, fiel ihm ein. Aber die erwartungsfreudige Stimmung dieser Tage war dahin. Der Anschlag hatte alles zerstört. Trotzdem spürte Lazar so etwas wie eine Erleichterung. Das Warten hatte nun ein Ende. Die Jagd begann.

Unter dem lauten Gezeter von Kästner, der mit Konsequenzen drohte, stopfte Landwehr den Kopf in die Tüte.

„Mensch, ich bring dir den dazugehörigen Namen! Was willst du denn noch mehr?“ Lazar fühlte sich unbehaglich. Was wird das für einen Ärger geben, wenn es Landwehr nicht gelingt, den Kopf zu identifizieren! Er warf einen Blick auf die Neue. Marie… Marie… richtig, wie die Würstchen: Marie Regensburger.

Sie gingen die Wendeltreppe hinunter und passierten die Budengassen des Weihnachtsmarktes. Einige Verkäufer hatte ihre Läden noch schnell heruntergeklappt, andere waren Hals über Kopf geflohen. In den Auslagen lag der übliche Weihnachtsklimbim, bunte Kugeln, Kerzenhalter und Lametta. In einem Stand mit Lebekuchenherzen, lagen Kräuterbonbons und Tüten mit gebrannten Mandeln. Es duftete verführerisch. Lazar bückte sich über die gläserne Trennscheibe und nahm eine Tüte.

Die Neue hatte sich gut gehalten. Das muß man ihr lassen! Er öffnete die Tüte und bot ihr einige Mandeln an. Mit einem vorwurfsvollen Blick, der noch einen ungebrochenen Glauben an Recht und Gesetz verriet, lehnte sie ab.

Auf der gesperrten Braubachstraße kamen sie an einem Zelt vorbei. Ärzte und Sanitäter kümmerten sich hier um die Leichtverletzten, etwas weiter entfernt lagen in weißen Leichensäcken die Körper derjenigen die heute Morgen nichtsahnend aus dem Haus gegangen waren. Für sie gab es keinen Abend mehr. Ein Rettungshubschrauber war mitten auf der Straße gelandet und ständig kamen neue Krankenwagen herbei. Lazar hob das rotweiße Flatterband hoch und sie entledigten sich ihrer Overalls und Überziehschuhe, die sie in eine Tonne warfen.

Als sie den Wagen erreicht hatten legte Landwehr die Tüte mit dem Kopf auf den Rücksitz. Er zündete sich eine Zigarette an und die Neue fragte, „Kann ich auch eine haben?“

Landwehr startete den Wagen und die Neue hielt die Tüte fest, damit der Kopf nicht vom Sitz fiel, denn Landwehr fuhr als gäbe es keine Straßenverkehrsordnung.

Es ging über den Alleenring durch die Stadt. Überall standen Wahlplakate, auf denen lächelnde Politiker etwas versprachen, was sie nicht einhalten konnten. In diesem Jahr hatten alle das Wort „Sicherheit“ entdeckt.

Sie ließen den Fernsehturm links liegen und kamen auf die Autobahn. Vorbei ging es an den Bürotürmen von Eschborn. Rechts begleitete sie dunkeldrohend der Schatten des Taunus. Wie die Perlen einer Lichterkette leuchteten darin die Städte und Dörfer, während sich links die Rheinebene öffnete. Dort gleißte der Frankfurter Flughafen mit seinen Lichtern. In der Luft hingen schwerelose Flugzeuge, die mit eingeschalteten Scheinwerfern zum Start oder zur Landung ansetzten.

Sie näherten sich Wiesbaden. Ein unübersehbares Zeichen verhieß ihre baldige Ankunft. Ein überlebensgroßes Porträt, zierte das Gebäude der Sektkellerei Henkell. Ein älterer Galan mit ergrautem Haar, gepflegtem Schnauzbärtchen und in eleganter Abendgarderobe erhob seinen Sektkelch und prostete den Autofahrern zu.

Landwehr parkte den Wagen im Hof und über den Fahrstuhl gelangten sie in den dritten Stock. Das Großraumbüro war tagsüber vom Lärm der ratternden Drucker und halblauten Telefongespräche erfüllt. Nun lag es im Dunkel, nur erhellt durch das Licht einiger Bildschirme und schwacher Schreibtischlampen.

Landwehr ging zu seinem Schreibtisch, der mit Papieren übersäht war. Eine halbvolle Kaffeetasse und ein angebissenes Brot verrieten den hastigen Aufbruch. Er nahm das Brot und warf es in den Papierkorb. Mit dem Ellbogen schob er den ganzen Krempel in eine Ecke, dann stapelte er einige Aktenordern übereinander. Aus den Tiefen seines Schreibtisches holte eine Rolle Küchenkrepp hervor, riß einige Blätter ab und faltete sie sorgfältig zusammen. Gib mir mal den Kopf, Lazar zog ihn aus der Tüte hervor und lehnte ihn schräg gegen einen Aktenordner. Es war er junger Kerl, ganz offensichtlich europäischer Herkunft, milchige Haut und helle Haare. Er sah sogar ganz nett aus, die grauen Augen weit aufgerissen. Nur Haut und Haare am Hinterkopf waren rotschwarz verschmort. Offensichtlich hatte er die Bombe in einem Rucksack getragen. Die Nase schien beim Aufprall des Kopfes gebrochen zu sein. Und das Schädeldach war ein wenig eingedellt.

Das weiße Küchenpapier sog sich voll mit Blut und dann klappte der Unterkiefer herunter. „Einen Moment, das haben wir gleich!“ Landwehr kramte ein Buch aus der Schublade seines Schreibtisches hervor und rammte es unter das Kinn, um den Mund zu schließen. Lazar blickte auf den Umschlag. Den Namen des Autors konnte er nicht ganz lesen. Irgendein Heinrich der deutschen Literatur hatte es verfaßt und es ging, dem Titel nach zu urteilen, um „Die verlorene Ehre …“ irgendeiner Figur.

Landwehr riß noch einige Lagen Küchenpapier ab und befeuchtete es mit einer halbvollen Flasche Mineralwasser. Fast zärtlich tupfte er die Blutflecken aus dem Gesicht. „Nun sieht er doch schon besser aus.“

Aus der Schublade holte er eine Digicam heraus und fotografiert das Gesicht frontal und von der Seite. Sein PC lief noch, so wie er verlassen hatte. Er rüttelte an der Maus um den Bildschirmschoner zum Verschwinden zu bringen. Dann scannte er das Bild ein. Es dauerte eine Weile bis es biometrisch vermessen war. „Na sehen wir mal, wen wir da haben. Wegen der kaputten Nase wird es vielleicht etwas schwierig!“ Landwehr sollte recht behalten. Der Abgleich mit seinen Dateien brachte kein Ergebnis. „Ich weiß, daß ich ihn in meinen Dateien habe, beharrte er trotzig. Lazar kamen nun leichte Zweifel und er dachte an den Ärger den sie kriegen würden, weil sie einfach den Kopf eingepackt hatten. Landwehr klickte wieder eine Datei an. „Ich weiß, daß ich ihn hier irgendwo habe!“

Lazar sagte nichts, Nach der Art des Anschlags zu urteilen, fiele der Fall eher in sein Ressort, warum sollte gerade Landwehr von der Abteilung Rechtsextremismus, damit zu tun haben. Das schien ihm nicht ganz schlüssig zu sein. Nach allen bisherigen Anschlägen, wäre es eher ein Fall für die Abteilung Islamismus gewesen. Aber er kannte Landwehr zu gut, um nicht die Möglichkeit einzuräumen, dass er recht hatte.

Die anderen hatten ihre Arbeit unterbrochen und ein Dutzend Leute umstanden nun den Schreibtisch. Der Bildschirm warf ein schwaches Licht auf ihre Gesichter. Aber auf einmal kam Bewegung in die Gruppe. Respektvoll machte sie einem Mann Platz. Der Chef war gekommen. Irgend jemand mußte ihn informiert haben. Aber Hagemann sagte nichts, er hielt nur die Arme vor der Brust verschränkt.

Der Kopf auf Landwehrs Schreibtisch schien die meisten nicht zu überraschen. Zwar hätte er in die Rechtsmedizin gehört. Aber Landwehr war für manche Überraschungen gut. Er gehörte zu den dienstältesten Kollegen des Amtes, was ihm, vor allem seit diesem Vorfall damals, einige Freiheiten erlaubte. Deutlich sah man noch die Narbe an seinem Schädel, in der die Kugel eingedrungen war.

„Ich nehme an, es war Wunsiedel… Ihr wisst das alljährliche Festival am Grabe von Rudolf Hess!“ Auf dem Bildschirm lief ein Film ab mit jungen Kerlen in schwarzen Kaputzenjacken, schwarzweißrote Fahnen schwenkend. Ein Polizist hatte die Teilnehmer dieser Demonstration abgelichtet. „Da! Das könnte er sein…!“ Landwehr hielt das Bild an.

„Ich glaube eher nicht“, sagte die Neue, und brachte alle zum Staunen. „Der Mund ist anders geformt!“ „Ich denke schon, daß er es ist!“ entgegnete Lazar unwillig. Was mischt sie sich hier ein, kaum einen Tag bei der Truppe und führt schon das große Wort. Und eingebildet ist sie auch, hat nicht einmal meine Mandeln angenommen.“ Sie hat recht!“ erwiderte Landwehr enttäuscht und ließ den Film weiterlaufen. Die Neue lächelte.

„Aber da! Das ist er! Jetzt hab ich ihn!“  Landwehr zoomte das Gesicht heran und verlangsamte den Lauf des Films. Ruckartig dreht sich der Kopf herum und schaute in die Kamera des Polizisten. Landwehr wandte sich nun dem Schädel zu und drehte ihn gleichfalls herum um das Profil zu bekommen. Die Ähnlichkeit war nicht zu bestreiten, trotz der Deformierungen des Kopfes: es war derselbe Mann.

Nun schauen wir mal mit wem wir es zu tun haben. Ein Doppelklick und eine neue Datei öffnet sich. Sie gab den ganzen Lebenslauf des Mannes preis, zumindest das, was erfaßt worden war. Er hieß Mark Diefenbach, geboren in einem kleinen Ort in der Wetterau. Hauptschulabschluß. Lehre als Automechatroniker, beschäftigt in einer Werkstatt in Frankfurt. Irgendwann hatte er wohl die falschen Freunde gefunden. Und es folgte das Übliche: Schlägereien, Körperverletzungen, Zeigen nationalsozialistischer Symbole und Mitgliedschaft in einer Freien Kameradschaft …  

Kein Zweifel! Das war der Täter! Obwohl… irgendetwas stimmt hier nicht, dachte Lazar. Eigentlich paßt dieser Anschlag nicht ins rechtsextreme Muster. Aber er wollte Landwehrs Triumph nicht stören. Und wer weiß… damals… der Anschlag beim München Oktoberfest…  Idioten gibt es schließlich überall!

In der Gruppe der Umstehenden entstand ein leises Murmeln. Wer hätte das gedacht, so schnell den Täter zu identifizieren! „Gute Arbeit“ sagte einer halblaut. Landwehr drehte sich auf dem Bürostuhl um, lächelt zufrieden und genoß die Aufmerksamkeit.

Der Chef allerdings schwieg. Er verlor nicht einmal ein Wort der Anerkennung. Wortlos drehte er sich um und ging davon. Jeder wußte: gleich telefoniert er mit dem Innenminister, um ihm den Namen des Täters mitzuteilen, bevor der es aus den Medien erfuhr.

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