Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

DER MANN AUS STEIN

Hessische Elegie

Steil geht es den Berg hinauf. Durch stoppelige Felder
und gemähte Wiesen, die vom Sommer träumen.
Kartoffelfeuer brennen, Rauch schwelt
über dem Land. Der Herbst flammt in den Bäumen.

In einer Halle empfängt mich der Fürst. Aufrecht, aber
mit fehlenden Füßen. Und was ihm nicht gefällt:
grell beleuchtet, kann man ihn von allen Seiten
umgehen, den unbefugten Blicken hilflos ausgestellt.

Mit grimmigen Mund und zornigen Augen schaut er
schnauzbärtig herab. Kein respektvolles Raunen.
Die Blattkrone am Helm gleicht abstehenden Ohren,
ist eher zum Lachen als zum ehrfürchtigen Staunen.

Vor der Brust hält er ein Schild. Der Halsring funkelt
in goldener Pracht. Ein Krieger aus eiserner Zeit,
mit Panzerhemd, Schwert und Lanzen bewehrt.
Heute harmlos, einst gefürchtet als Mann der Macht.

Jetzt nur noch ein Mensch, der vor uns sterblich war.
Für Jahrtausende begraben mit einer Kanne Wein.
Ein barbarischer Kuros, ungelenk behauen,
sich selber nicht ähnlich und ewig gefangen im Stein.

Er mustert meine Augen, das blonde Haar und sagt:
solche Köpfe wie den meinen, besitzt er in Mengen.
Sie dienen ihm als Sklaven, und die nicht mehr leben,
die hat er als Trophäen über seiner Haustür hängen.

Was ich hier wolle? Ganz ohne Geschenke und Tribut?
Nur die Neugier hätte ich dabei! Ich sei auch
kein Gesandter? Da solle ich ihm besser nicht
zu nahe kommen. Und schon eilt ein Wärter herbei.

Sein Volk ist verschwunden, nur noch Vergangenheit.
Er aber fragt mich, wo seine Krieger sind. Was soll
ich ihm sagen? Leben sie in mir? Sicher ist nur,
mit dem Staub seiner Leute spielt draußen der Wind.

Ich kehre um und gehe wieder zurück in meine Welt.
Die Sonne versinkt im nebligen Dunst, da sehe ich
eine Herbstzeitlose. Ich muß lachen: zum Abschied
schenkt mir der große Fürst noch seine giftige Gunst.

Weimar

Hier weiß ich es zu finden. Die Geschichte
hält inne in ihrem Lauf. Aber
wo das politische
beginnt, hört das gelehrte Deutschland auf.

 

Beförderung der Humanität 

Ein Diener kam zu Frau Wetzel und sprach:
Für einen Botengang von ein paar Meilen
braucht sie der Geheime Rath Goethe.
und er meinte auch: Ihr solltet euch beeilen.

Also nahm Frau Wetzel ihre Kiepe, denn
mit Botengängen verdiente sie ihr Geld.
Sie ging zum Frauenplan und sagte:
Herr Rath, hier bin ich wie zuvor bestellt.

Gute Frau, entgegnete Goethe, dieser Brief
soll für Professor Schiller sein.
Und er packte in ihren Korb noch
einige Bücher und eine Flasche Frankenwein.

Frau Wetzel machte sich nun auf den Weg.
Sie kannte weder Rast noch Ruh.
Barfuß lief sie die Chaussee entlang,
es war Sommer, und sie besaß keine Schuh.

Bald glühte die Sonne vom Himmel herab,
und der Korb begann ein wenig zu drücken.
Die Vögel hörten zu singen auf,
und Frau Wetzel spürte nun ihren Rücken.

Besonders die Bücher wurden ihr zur Last.
Der Weg nach Jena war noch weit, und
schwer wog eine Schrift von Baruch Spinoza:
`Über den Menschen und seine Glückseligkeit.`

Was darin geschrieben stand, hätte vielleicht
auch Frau Wetzel interessiert.
Aber sie konnte nicht lesen, so ist nur gewiß:
Von dem Wein hätte sie gern einmal probiert.

Am Abend endlich erreichte sie ihr Ziel.
Übergab die Sachen, der Korb war nun leer.
Und auf dem Heimweg dachte Frau Wetzel:
Ohne Bücher wär `s Leben nur halb so schwer.

 

 

Der Professor am See

In Starnberg, am See, da lebt ein Professor,
so ein ganz, ganz großer Denker. Doch
immer, wenn er sprach, dann nuschelte er,
und was er meinte, weiß allein der Henker!

Eines Tages stand er wieder am Wasser
und rief: Ihr lieben Fische, alle! Kommt herbei!
Und fürchtet euch nicht! - Vorsichtig kamen
sie näher, darunter auch eine verirrte Ralle.

Eine große Freude will ich euch verkünden.
Alle Fische werden Brüder! Ob groß, ob klein,
ob Waller oder Brachse! Was die Natur einst
streng geteilt, das bindet Euer Wille wieder!

Seid nicht länger Zander, Plötze, noch Forelle!
Streift ab eure schuppige Natur! Reicht friedlich
euch die Flossen! Seid nur noch Fische!
In unsrer neuen, postaquatischen Kultur!

Ich beschwöre euch: Laßt ab von euren alten
fischigen Nationen! In gemischten Schwärmen
soll der räuberische Hecht dem Karpfen
und der fette Karpfen dem Hecht beiwohnen!

Und eure Konflikte löst einträchtig, vernünftig
und deliberativ! - Wat hett he seggt? fragte eine
migrantische Flunder. Ist doch klar! erwiderte
ein kluger Aal: Die Libellen fliegen heute tief!

Besiegeln wir nun unsren Bund mit hehrem Wasser,
damit auf ewig er besteh! - Wohs hohd er gsagt?
fragte nun eine Rutte. Des woas i aa ned, meinte
eine andere. Aba i glaub, glei bieslt er in den See.

 

Tatsächlich: der Professor fingerte am Hoselatz
und rief: Bei diesem goldenen Wein: schließt
eure heiligen Reihen dichter! Und schwört
als Schwarmpatrioten euch ewig treu zu sein!

Mir wird es mir hier zu warm, sprach ein Hecht,
und schnappte sich eine Forelle. Erschreckt
stoben die übrigen Fische davon und
beendeten die Versammlung auf der Stelle.

Auch der Professor schied traurig vom See.
Wie undankbar ist doch diese Welt! Da will
man diesen indigenen Kreaturen helfen,
die aber leben weiter, wie es ihnen gefällt!

Dann ging er ins Wirtshaus, trank ein Bier und aß
in Butter gebratene Renken. Und weil niemand
auf ihn hören wollte, trank er noch mehr Bier
und begann, sich neue Welten auszudenken.

 

Seewärts  - Friesische Elegie

Tief neigen sich die Bäume vor seiner Majestät
dem Wind.
Vor dem Deich krönt er die Wellen mit Worten,
die nie geschrieben worden sind.

Die Häuser liegen wie Inseln im satten grünen
Land. Stumm halten sie
den Stürmen noch eine Weile stand. Am Abend
ziehen Wolken vorüber.

Der Himmel wird violett und schwer. Nun ist es
Zeit. Ich gehe.
Sprachlos ertrinkt das Land hinter mir im Meer.

 

Sanssouci

Morgens noch mit Voltaire über die Vorurteile
des Volkes korrespondiert.
Später eine Exekution. Ein Gemeiner, diese
Canaille, hatte gegen einen Offizier opponiert.


Der bunte Gott
 
 

In Bremen, da gibt es scheinheilige Pastoren,
die feiern zwar die Messe, doch haben sie
ihren Glauben an Gott und seinem
menschgewordenen Sohn längst verloren. 

Sie sagen: Mohammed sei wie Jesus ein Prophet!
Und die Religionen werden sich immer gleicher!
Abrahamitisch sei unser Ursprung und
die Muslime machen uns im Glauben reicher!

Die Religion des Friedens sei wohltätig und gut
Nie gab es Muslime, die Schuld auf sich luden.
Barmherzig sei auch der Gesandte Gottes,
denn in Medina bekehrte er sogar die Juden.

Nur einer wollte das nicht glauben und sprach:
Wieder fallt ihr herein auf Satans Listen,
früher braun und heute bunt, so seid ihr
nur die Wiedergänger der Deutschen Christen!

Da rannten sie, mit Beffchen und Talar, zum Dom
und gaben wütend ihren neuen Glauben kund.
Mit Teufelszungen schrien sie die Leute an:
Die Vielfalt sollt ihr lieben! Unser Gott ist bunt!

Ach, ihr armen, armen bunten Bremer Pfaffen!
Im Heiligen Koran nennt euch der Prophet
beim wahren Namen. Dort steht: Ungläubige
seid ihr, nur Götzendiener, Schweine und Affen.

 

DIE DREI RINGE

Ein Mann hatte drei Söhne, die er liebte
und einen Ring mit einem kostbaren Stein.
Als es ans Sterben ging, fragte er sich:
wer von meinen Söhnen soll der Erbe sein?

Er liebte alle gleich. So ließ er heimlich zwei
Kopien machen. Er glaubte, das sei gerecht.
Dann starb der Vater. Und jeder Sohn
bekam einen Ring. - Aber nur einer war echt!

Die Brüder fühlten sich betrogen und jeder
wähnte, er besäße den wahren Ring allein.
Denn dieser Ring verlieh die Wunderkraft,
vor allen Menschen angenehm zu sein.

Sie aber zankten und beschimpften sich
und bemühten schließlich einen Schlichter.
Der sprach: für euch kann ich nichts tun.
Hier hilft nur Gott als allerhöchster Richter.

Da rief der jüngere Bruder: Unser Vater liebte
mich allein! Also habe ich den wahren Ring!
Und wer ‘s nicht glaubt, dem schlage ich den
Schädel ein! Daraufhin jeder seines Weges ging.

Die Älteren wußten nun: Der Ring des Jüngeren
konnte nicht der richtige sein. Aber sie schwiegen!
Sie fürchteten die Wut ihres Bruders. Und so
gelang es der Gewalt, die Vernunft zu besiegen.

Das Lumpenlied

(nach der Melodie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“)

Brüder, zum Gelde, zur Freiheit,
Brüder zum Staate empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchten die Stellen hervor.

Seht, wie das Geld der Millionen
endlos die Staatskasse füllt,
bis unser Sehnsucht Verlangen
ein Amt unsre Gier endlich stillt.

Brüder, in eins nun die Hände,
Brüder, die Arbeit verlacht!
Ewig, der Armut ein Ende,
bis in ein Amt wir`s gebracht!

Berlin

Willy-Brandt-Haus. Über die Einwanderung zu reden,
gilt hier als Fehler! Denn wir,
das Pack, wir sollen es nicht wissen: wer heute
noch ein Flüchtling ist, ist morgen schon ihr Wähler!

Berlin

Adenauerhaus. Hier sitzt die Partei der absurden
Metamorphosen. Zum Gefallen ihrer Domina
tragen die schwer gepeitschten Knechte unter
den Anzügen rote Socken und grüne Unterhosen.

Berlin

Reichstag. Die Regierung hat sich ein neues Volk
erwählt. Das deutsche haben sie verraten.
Das neue heißt nun: Bevölkerung. - Und mit
einem Denkmal rühmt sich die Bande ihrer Taten.

Darmstadt

Unbestechlich ist nur, wer sich teuer bezahlen läßt!
Braucht es dafür einen Beweis? - Wer
Büchners Worte beherzigt,
der bekommt hier den nach ihm benannten Preis.

 

Der Erfinder

Die Menschheit kommt nicht recht vom Fleck
rief Baron von Drais im Wilden Mann.
Drum zeig ich euch zu diesem Zweck
wie man den Fortschritt fördern kann.

Herr Wirt, bringt mir Papier und eine Feder
und eine Flasche Wein aus Bernkastel.
Dann malte er einen Sitz aus Leder
zwei Räder und dazwischen ein Gestell.

Doch einer rief: Es fehlen noch die Pferde
und zweifelte an des Barons Errungenschaft.
Die brauch ich nicht. Denn auf dieser Erde
bewegt der Mensch sich fort aus eigner Kraft.

Mit beiden Beinen stößt er sich vom Boden ab
und das Rad wird sich dann drehn.
Die Hügel rollt man geschwind hinab
und nur die Berge rauf gibt's ein Problem.

So machte der Baron den Fortschritt schneller.
Dann rief er: Herr Wirt, ich möchte zahlen!
Denn der Wein war alle, draußen wurd`s heller
und so vergaß er zuletzt noch die Pedalen.

 

Eisenach

Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret! Auferstanden
aus Ruinen ist so manches schöne Stück. Und
in der Georgenkirche gab es zu Ostern
Bachs Kantaten: das fünfte Evangelium als Musik.

 

Frankfurt

Am Bahnhof die Nutten und ihre Freier im Handel
um Gier und Geld. - Selbst die Banken recken
gläsern ihre Glieder und schwängern einen
Himmel, der blau verspricht, was er nicht hält.

 

Mainz

In den Buchläden lagen einige Lügen aus.
Manche in Leinen gebunden. - Aber wer
keine Bücher liest, für den wird
die Wahrheit auf dem Lerchenberg erfunden.

 

Land des Wechsels - Lippische Elegie

Die Berge wuchsen wie Rücken blauer Karpfen
aus einem trockenen Sommerteich.
Und in der Täler sanften Brandung
lagen die Häuser geborstenen Schiffen gleich.

Die Schwalben kamen Jahr für Jahr zurück,
tauchten unter in den Wolken und
besprachen abends auf den Drähten ihr kurzes,
fliegenreiches Glück.

Die Sonne schlug sich an der Erde wund
und schenkte Untergänge wie gewohnt.
Auf den Höfen bellten dann die Hunde zu ihrem
kettenlosen Gott, dem Mond.

Ein Käuzchen tat die Toten kund, klamm kroch
die Nacht durchs Fenster rein. Bis,
am Morgen voller Lerchen, die
Ähren auf den Halmen läuteten den Sonntag ein.

 

Würzburg

Under der linden, dâ mugt ir vinden mîn grap.
Wol ûf: ich wil iuch noch sagen daz
wie man zer welte solte leben:
mit minne voler wünne und vrouwelîn im gras
.

 

Nürnberg

Nun wieder Christkindl und Männleinlaufen,
Adam Kraft drückt`s Sakramentenhaus.
Hiob schaut auf sein Geschlecht und braun
sehen hier nur noch die Würstchen aus.

 

Worms

Hier stehe ich! - Ich kann nicht anders, rief Luther.
Und der Kaiser verhängte die Acht. Frau Käßmann
wurde Bischöfin. Und später klagte Karl V.: Ach,
hätt’ ich diesen Mönch doch nur gleich umgebracht!

 


Rothenburg

 Einer von euch wird mich verraten, spricht Jesus
 und schaut auf Judas im Heiligblutaltar.
 Er reicht ihm einen Bissen Brot,
 wissend, daß Judas sein treuester Jünger war.

 

DAS SPITZELLIED

(nach der Melodie "Die Gedanken sind frei")

Die Gedanken sind frei
Ich kann sie erraten
Als Spitzel stets dabei
Hab ich manchen verraten

Für Kaffee, Schnaps und Kuchen
Mußt ich nach ihnen suchen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Die Staaten vergehen
Es wechseln die Minister
Doch wir Guten uns verstehen
Wir sind wie Geschwister

Zwar nicht jeder mir gefällt
Wie Dscherschinski, mein Held
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Wir sind die Gerechten
Die über euch wachen
Und ihr seid die Schlechten
Die über uns lachen

Doch werden wir euch hetzen
Nicht nur mit Gesetzen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei.

Die Gedanken sind frei
Ich kann sie erraten
Als Spitzel stets dabei
werde ich euch verraten

Für Geld nun statt für Kuchen
Muß ich nach euch suchen
Noch ist es nicht vorbei
Wieder bin ich dabei
.


 

 


Rüsselsheim

Einst warfen sie ihre Bomben, dann stürzten sie ab
und wurden erschlagen. In jener Zeit.
Nun werden die Flieger geehrt.
Es heißt: die ermordeten Mörder hätten uns befreit
.


Dresden

Altmarkt. Wie Holzscheite gestapelt, verbrannten
sie die Leichen - nach jener Nacht.
In Treblinka hatten
sie zuvor geprobt, wie man das am besten macht.


 

 

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