Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Wer sind die Freunde des Fortschritts?

 

Am Rande einer unbedeutenden Galaxie des flimmernd auseinanderfliegenden Universums gibt es ein Gestirn auf dem - wie Nietzsche sagt - kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war - wie er weiter meint - die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte, aber angesichts der Ewigkeit des Universums eben nicht mehr als eine Minute. Als diese Tiere aus dem Schlamm der Urmeere an Land gekrochen kamen, erhoben sie als erstes ihr Haupt und schauten sich um, welche ihrer Mitgeschöpfe freßbar waren. Dies war ihr erster Schritt, den sie später euphemistisch als Fortschritt bezeichneten.

Allerdings war ihnen unerklärlich, warum gerade sie es geschafft hatten, zu fressen und nicht gefressen zu werden; und so erdachten sie sich eine geheimnisvolle Macht, der sie ihre Erwählung aus dem Dreck verdankten: diese Macht nannten sie Gott. Dieses - wie der wahnsinnig gewordene Nietzsche meint - erfundene Wesen befahl ihnen, sich ihr Gestirn untertan zu machen. Doch im überheblichen Selbstbewußtsein, nicht schlechter zu sein als die Schöpfung ihrer Phantasie, rebellierten sie bald gegen den allmächtigen Gebieter und aßen die verbotenen Früchte vom Baume der Erkenntnis.

Auf diese Weise schlau geworden, fanden sie heraus, daß dieser Gott, auch Vater genannt, noch einen Sohn haben müsse, dessen Leib und Blut sie ungestraft essen und trinken durften, um sich mit ihrer mißlichen Lage zu versöhnen. Denn ein großer Schrecken war über die klugen Tiere gekommen, als sie entdeckten, daß auch sie sterblich waren. Angesichts dieses unverzeihlichen Fehlers des Universums verlangten sie nach einer Berichtigung. Und bald beruhigten sie sich damit, daß sie nicht zu ewiger Dunkelheit verdammt seien, sondern daß ihre unvergängliche Seele eines fernen Tages mit dem auferstandenen Leib wieder vereint werden würde. - Wie der Sohn Gottes, der alle ihre Sünden auf sich nahm, es bereits erlebt hatte.

Derart mit ihrer vergänglichen Existenz versöhnt, machten sie es sich auf ihrem Planeten nach und nach gemütlich. Statt alles Freßbare zu rauben, lernten sie, daß es besser sei, es durch andere Tiere erzeugen zu lassen, um es an bestimmten Orten und zu gewissen Zeiten untereinander auszutauschen. Nachdem sie den Markt erfunden hatten, schritten sie fort zu weiteren Taten.

Denn einige dieser Tiere waren geschickter als andere und hatten in schwierigen Zeiten noch etwas zu fressen, während die anderen verhungerten. Aber auch hier schufen sie Abhilfe. Die klügsten Tiere verbündeten sich mit den weniger klugen, aber gewalttätigen Bestien, um sich vor der hungrigen Mehrheit zu schützen. Nachdem auch dies geregelt war, bekamen wenige Tiere die Macht, um über ihre Mittiere zu herrschen. Dies war die Geburt des Staates.

Allerdings bedurfte es noch immer einer Erklärung, warum die Welt so ist wie sie ist. Und so wurden einige, die man für die allerklügsten Tiere hielt, durch Teilhabe am Großen Fressen begünstigt. Zum einen mußten sie alles erklären, was die anderen nicht begreifen konnten, und zum anderen hatten sie die Mehrheit der widerspenstigen Tiere mit guten Worten zu besänftigen. - Und dies war die Sternstunde der Freunde des Fortschritts.

Wer aber sind nun die Freunde des Fortschritts? - Offensichtlich sind sie keine Freunde der Weisheit, gemeinhin auch Philosophen genannt. Denn die Freunde des Fortschritts sind angesichts dieser Entwicklungsgeschichte zu sehr ihren schlammigen Urgründen verhaftet. Sie erwiesen sich als die wahren Brüder der TUIs - wie Bertolt Brecht diese Tiere bezeichnete. Er meinte damit die Intellektuellen, die in den Zeiten der Waren und Märkte ihren Kopf vermieten, um als Ausredner, Kopflanger und Wortverdreher ihr Geld zu verdienen.

Mehr denn je glauben die Freunde des Fortschritts heute, ihr Bewußtsein sei die vollkommene Spiegelung des universellen Seins, und mit ihrer Existenz sei die Geschichte der Menschheit endlich zur Vernunft gekommen. Zwar hat die gegenwärtige Generation dieser Spezies früher noch Polizisten verprügelt, um dem Fortschritt auf die Sprünge zu helfen. Aber dann traten sie den langen Marsch durch die Institutionen an und folgten dabei - wie ihre Vorgänger - dem Geruch des Großen Fleischtopfes. In dem Maße, wie ihre Anzüge teurer, ihre Häuser größer und ihre Frauen jünger wurden, kamen auch sie endlich zur Ruhe.

Vor ihrer langen Krötenwanderung, bei sie sich einander Huckepack zur Macht trugen, hatten sie noch die Technik des „Hinterfragens“ geübt. Aber selbst zur Macht gekommen, verboten sie jegliches Fragen, da sie sich allein im Besitz der richtigen Antworten wähnen.

Oft blicken die Freunde des Fortschritts voller Rührung auf die unruhigen Jahre ihrer Anfänge zurück. Manchmal nicht ohne Wehmut. Denn statt die Menschen mit der Diktatur des Proletariats zu beglücken, mußten sie sich mit dem Dosenpfand begnügen. Doch man kann nicht immer alles haben. Sie glauben fest daran, daß ohne ihr Wirken dieser Planet zum Untergang verurteilt sei. Denn sie vertreten das schlechthin Gute. Jemand, der sie kritisiert, kann daher nur ein Freund des Rückschritts sein; ein böses Untier, das den aufrechten Gang dieser tapferen Schlammspringer wieder rückgängig machen will.

Diese Aura macht die Freunde des Fortschritts fast unangreifbar, und so hocken sie wie Kröten in den trüben Tümpeln ihrer veröffentlichten Meinungen und warten darauf, daß ahnungslose Opfer in ihre offenen Mäuler fliegen. Natürlich fordern die Freunde des Fortschritts, daß die Menschen nachdenken sollen - allerdings nur über das, was sie bereits vorgedacht haben. Das nennen sie dann ‚kritisches‘ Bewußtsein.

Da der Intellekt ihnen nur als Mittel zur Erhaltung ihrer Existenz dient, so entfaltet er - wie Nietzsche schreibt - seine ganze Kraft in der Verstellung, durch die sich die schwächeren Tiere gegenüber den stärkeren behaupten. Lügen und Betrügen, das Aneignen fremder Leistungen als eigene, sind dabei die gängigen Mittel, um sich selbst zu bereichern und andere zu täuschen. Denn die Freunde des Fortschritts haben es geschafft, ihre Gedanken in die Köpfe anderer hineinzugaukeln, so daß die Mehrheit glaubt, sie hätte eine eigene Meinung und handelte in der Freiheit ihres eigenen Willens.

Die Grundlage ihrer Herrschaft ist dabei weniger ein gekrümmtes Rückrat - obwohl auch dies ein Fortkommen erleichtert - sondern eher ein verbogenes Bewußtsein. Dabei bedienen sich die Freunde des Fortschritts eines eigentümlichen Phänomens: der scheinbaren Geradlinigkeit ihres Denkens. Ganz wie das Licht ferner Sterne uns auf direktem Wege zu erreichen scheint, so sind alle ihre Gesinnungen richtig, sachlich und vernünftig. Allerdings wie Raum und Zeit durch die Materie gekrümmt werden, so gelangen auch ihre Erleuchtungen nur auf gewundenen Wegen zu uns. Die Dinge, die sie behaupten, sind daher nicht so wie sie wirklich sind, und manche existieren schon gar nicht mehr. Aber zu jeder ihrer richtigen Meinungen haben sie das passend falsche Wissen.

So leben die Freunde des Fortschritts in einem ptolemäischen System ihres Bewußtseins. In ihrem phosphoreszierenden Denken lassen sie das ganze Universum erstrahlen. Und im Reflex dieser Strahlen können sie sich dann jeden Abend im Fernsehen wiedererkennen - wie die gefesselten Höhlenbewohner Platons, die glauben, daß alles, was sie sehen, wirklich ist.

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