Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Thomas Mann: „Der Zauberberg“

„Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.“ - So beginnt Thomas Manns Roman Der Zauberberg. Hans Castorp, so der Name des Protagonisten, besucht in der Schweiz seinen Vetter, der sich in einem Lungensanatorium aufhält. Das Sanatorium liegt auf einem Berg und gleicht einer verzauberten, dem wirklichen Leben entrückten Welt. Doch aus der kurzen Reise wird ein dauernder Aufenthalt, da Hans Castorp selber erkrankt und der Besucher sich in einen Patienten verwandelt.

Die Gesellschaft dieses Sanatoriums bevölkert Thomas Mann mit Figuren, die alle der internationalen, großbürgerlichen Welt der Jahre um 1900 angehören. Doch diese Welt ist eine sterbenskranke Welt, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endgültig in die Grube fährt.

Wie in jedem Roman wird auch hier eine Geschichte erzählt. Doch diese Geschichte, obgleich mit Haupt- und Nebenfiguren versehen, kennt kaum Nebenhandlungen. Hans Castorp, die Mittelpunktsfigur, dominiert das Geschehen und der Leser nimmt Anteil an seinen Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen.

Und da jeder Roman seine eigene Zeit hat, die entweder diachronisch vom Anfang bis zum Ende oder anachronisch vom Ende bis zum Anfang erzählt wird, so weist auch Der Zauberberg eine entsprechende Struktur auf. Doch wird die Geschichte, von einigen Rückblenden abgesehen, eher chronologisch erzählt. Überhaupt versichert sich der Autor dabei traditioneller erzählerischer Mittel. Der Verfasser rekurriert immer wieder auf eine auktoriale Erzählsituation, die ihm zahlreiche Eingriffe und Kommentare erlauben.

Des weiteren fällt auf, daß, neben der dominierenden narrativen Struktur, der Roman kaum lyrische und dramatische Elemente enthält - ganz im Gegensatz zu den früher geschriebenen Buddenbrooks. Das lyrische Element, das für die Stimmung zuständig ist, fehlt ebenso wie das dramatische Element, das die Spannung erzeugt.

Durch das Fehlen dieser Elemente wird der Roman recht langatmig. Und der Autor scheint dies zu ahnen, wenn er im Vorwort über die Fabel schreibt: „Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich - denn wann wäre je Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem Odium der Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das Gründliche wahrhaft unterhaltend sei.“ Indes ist die Frage nicht unberechtigt, ob der Roman - etwas weniger ‚ausführlich‘ erzählt - nicht ‚gründlicher‘ gewesen wäre. Obgleich eine derartige Anmerkung immer anmaßend ist, unterstellt sie doch, der Kritiker könne das Werk des Autors verbessern.

Das Fehlen der lyrischen und dramatischen Elemente seines Romans glaubt Thomas Mann ausgleichen zu können durch zahlreiche essayistische Elemente. - Allerdings ist diese Wahl nicht unbedenklich, da der Essay Gedanken entwickelt, während der Roman Handlung erfordert. Thomas Mann erweist sich jedoch als äußerst erfinderisch. Die Gespräche seiner Figuren werden durch zahlreiche Sentenzen und Sottisen geschmückt, wobei die Figur des Settembrini ihr Bestes gibt. Und dort, wo die Reflexion überhand nimmt, baut Thomas Mann geschickt einen Subtext ein. Als der Arzt Dr. Krokowski einen psychoanalytischen Vortrag über die Liebe hält, wird dieser Diskurs unterlaufen durch Hans Castorps verstohlene Blicke auf die schöne Madame Chauchat, die sich wie alle Frauen kleidet, „um die Männer neugierig auf ihren Körper zu machen.“ Der Leser, schon bereit mit aufgerissenem Mund zu gähnen, stutzt und muß lachen, eingedenk dieser überraschenden Einsicht.

Dennoch werden in dem Roman zu viele Themen einfach nur „abgehandelt“, indem der Autor die Figuren zu bloßen Sprachrohren seiner Gedanken macht. Und nicht immer ist es ein Vergnügen, an den Lesefrüchten des Autors teilzuhaben. Zumal Thomas Mann dem Leser viele Themen mit dem Anspruch eines kolossalen Tiefsinns vorträgt. So ist ein Thema dieses Romans - wenn nicht gar das Thema schlechthin - die Zeit. Allerdings klingt vieles so, als hätte sich der Autor sein Wissen nur zusammengelesen und mit eigenen Erfahrungen vermischt.

Zwar wird über Zeit und Raum reflektiert, aber die grundlegenden Gedanken des Aristoteles oder Augustinus erfährt der Leser nicht. Man muß sogar vermuten, daß der Autor sie nicht einmal kennt. Obgleich der Autor explizit fragt: „Kann man die Zeit erzählen?“ Gewiß: die Zeit erzählen kann Thomas Mann, aber er kann sie uns nicht zeigen. Die Zeit ist bei ihm nur Objekt der Erzählung, niemals Subjekt des Erzählens wie bei James Joyce. Im Ulysses leben die Figuren in der Zeit, ohne daß - wie im Zauberberg - stets ein allwissender Erzähler über ihnen schwebt. Und selbst in einem traditionellen Roman wie Joseph Roths Radetzkymarsch ist die Zeit dem Leser allgegenwärtig. Denn der Erzähler reflektiert hier nicht philosophisch über die Zeit, er demonstriert wie die Zeit narrativ in den Figuren lebt und mit ihnen vergeht.

Thomas Mann jedoch erzählt viel und zeigt wenig. Berichte dominieren die Szenen, wobei die auktoriale Präsenz des Autors sich dem Leser geradezu aufdrängt. Häufig wird das Stilmittel der indirekt zitierten Rede angewandt. Dabei läßt der Autor seine Figuren zitieren, was diese oder jene Figur gesagt hat, statt die Figuren selber sprechen zu lassen. Doch die indirekt zitierte Rede kann niemals die Unmittelbarkeit und Spontaneität der direkten Rede ersetzen. Statt dessen erzeugt sie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langatmigkeit, die sich auf den ganzen Roman erstreckt.

So hat man manchmal den Eindruck, die Kreativität Thomas Manns habe sich mit den Buddenbrooks erschöpft. - Natürlich ist auch der Zauberberg ein großer Roman der deutschen Literatur - groß, nicht nur aufgrund seiner Länge. Vor allem aber ist es ein sehr deutscher Roman. Es wird viel geredet, manchmal geschwätzt, und der Autor erfindet Figuren, damit sie dem Leser alles berichten, worüber sich der Verfasser Gedanken gemacht hat. Doch oft entsteht der Eindruck, der Autor habe nur einige Artikel aus Meyers Konversations-Lexikon aufbereitet, so wie man aus Teebeuteln einen zweiten Aufgruß macht.

Allerdings kann Thomas Mann diese Schwächen durch sein großes Talent wieder ausgleichen. Wie kaum ein Autor versteht er sich auf das Metier der Figurenbeschreibung. Immer gewinnt er seinen Figuren überraschende Einsichten ab, die dem Leser das Gefühl geben, ihnen schon einmal begegnet zu sein - obwohl es sich um Figuren einer vergangenen Epoche handelt.

Ist der Roman langweilig? - Nun, spannend im traditionellen Sinne ist er nicht! Aber was ist schon spannend? Der Zauberberg setzt einen Leser voraus, der sich an anderen Dingen erfreuen kann als an bloßer Spannung (für solche Leute ist schließlich der Kriminalromane erfunden worden)! Der Zauberberg verlangt einen Leser, der an den Problemen einer untergegangenen Epoche interessiert ist, an Figuren, die wie Insekten im Bernstein der Erzählungen bewahrt werden und an Themen, die gleichsam selber schwindsüchtig geworden sind und uns heute noch infizieren. Denn was anderes ist die Literatur als eine schöne Krankheit, die uns verzaubert - bis zum Tode.

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