Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Martin Walser: „Ehen in Philippsburg“

Man nehme eine kleine deutsche Stadt, eine Gruppe von Frauen und Männer, ferner eine Prise Gefühle wie Liebe, Haß und Ehrgeiz, fülle alles in ein Buch und rühre es recht kräftig durch. Bei einer guten Wahl der Zutaten und ausreichender Garzeit ergibt dies einen Roman, der eine historische Epoche mit den ihr entsprechenden Typen fixiert.

Walser besitzt ein scharfes Messer, um die Gesellschaft der 50er Jahre zu tranchieren. Doch leider verfügt er nur über wenige Schnittmuster. Vorwiegend bedient er sich der erlebten Rede, um das Bewußtsein seiner Figuren zu entwickeln, das er dann mit ihrem widersprüchlichen Verhalten konfrontiert. Mit dieser Struktur der Konfrontation bzw. der Inkongruenz zwischen Denken, Fühlen und Handeln erzeugt er die wirkungsvollen Effekte der dramatischen Ironie. Durch sie gewinnt sein Buch an Gewicht.

Die Perspektiven der Figuren - zumeist in erlebter Rede ausgeführt, die manchmal auch als zitierte Rede fungiert - reichert der Autor mit seinen scharfsinnigen Beschreibungen und Bemerkungen an, so daß eine hellsichtige Satire der Gesellschaft entsteht. In seiner feinfühligen Sprache und den ureigenen Sätzen liegt Walsers Talent begründet. - Was ihn eigentlich zum Essayisten prädestiniert.

Und hier liegt das Problem. Sein Roman kennt kaum eine Fabel; statt Aktionen dominieren Situationen, in die der Autor seine Figuren manövriert, um sie mit seinen Reflexionen aufzufüllen. Diese ausgiebigen Reflexionen mit ihren geistvollen Sentenzen sind natürlich das Beste, was in der deutschen Literatur dieser Zeit zu finden ist. Sie machen die Stärke des Schriftstellers Martin Walser aus - und zugleich seine Schwäche. Denn der Leser ist an die Beschreibungen des Autors gebunden; er selber kann nichts entdecken, weil der Autor alles für ihn aufdeckt. Nichts bleibt unausgesprochen, obgleich alles, was gesagt wird, ungeheuerer gescheit ist. Und darin liegt das eigentliche Problem verborgen: für einen Romancier ist Martin Walser einfach viel zu klug.

 

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