Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

London, Am 7. 7. 2005

 

Nun ist „es“ passiert. - Gewiß: man hat damit gerechnet, daß es auch hier geschehen könnte. Mit unguten Gefühlen sind wir mit dem Zug unter dem Kanal hindurchgefahren. Aber dann, in London, dieser vielfältigen Stadt mit den vielfarbigen Menschen, hat man es einfach vergessen. Am Tag zuvor herrschte sogar eine ausgelassene Fröhlichkeit, als bekannt wurde, daß die Olympischen Spiele nach London und nicht nach Paris kommen, was bei einigen Kommentatoren die - mit dem deutschen Wort benannte - „Schadenfreude“ auslöste. Am Morgen waren die Schlagzeilen noch voll des Triumphes und dann, am Nachmittag, voller Entsetzen. Gleich der Peripetie in einer antiken Tragödie gab es den Umschlag aller Gefühle ins Gegenteil.

An diesem Tag sollte es nach Bath gehen. Am Vortag schon waren die Bahnkarten gekauft, und zu Fuß gingen wir durch die ruhigen Straßen von Bayswater nach Paddington. Der Tag war grau, aber nicht regnerisch. Wir hofften auf Beständigkeit. Die Menschen strömten in die City und gingen ihren Geschäften nach. Und an den Kreuzungen wurde man fürsorglich vor einem plötzlichen Tod bewahrt: „Look left“ und „Look right“ war auf die Übergänge gemalt - für diejenigen, die nicht mit dem Linksverkehr vertraut sind.

Während dieses Gangs zum Bahnhof, kurz vor zehn Uhr englischer Zeit, ist es passiert. Doch erst später kommen die Gesichter dazu, die Schicksale der Getöteten, und die der unverhofft Geretteten. Aber noch ist der Himmel grau, und vielleicht ist das Leben in Bath so, wie man es sich nach der Lektüre der Romane Jane Austens vorstellt.

Aber wie immer gibt es Zeichen, auch wenn man sie nicht gleich deuten kann. In Paddington angekommen, sehen wir eine lange Reihe roter Busse und schwarzer Taxis, die sich stauen. Irgendetwas blockiert ihren Weg zur Edgware Road. Wir gehen die Treppe hinunter, vorbei an Menschen, die auf ein Taxi warten; das tun sie zwar immer hier, aber diesmal windet sich die Schlange um mehrere Kurven. Gelassen warten die Fahrgäste, Männer wie Frauen, gekleidet in der Uniform dunkler Anzüge und Kostüme, die sie als Mitglieder einer Kaste auszeichnen, die in der City merkwürdigen Tätigkeiten nachgeht. Also ein Stau, aber warum an diesem Donnerstag und nicht am Montag, wenn sie aus ihrem Wochenende vom Flughafen Heathrow hier ankommen?

Im Bahnhof ist alles wie immer. Die Menschen stehen vor den Anzeigetafeln, die ihnen mitteilen, von welchen Bahnsteigen die Züge abfahren. Wir sind wieder einmal eine halbe Stunde zu früh da, um ja nicht den Zug zu verpassen. Auch wir suchen uns unsere Verbindung heraus. Doch plötzlich kippen auf einer der Tafeln die Buchstaben um und bilden ein neues Wort:„cancelled“. Als die Buchstaben fallen, wälzen sich einige Menschen schon in ihrem Blut, mit abgerissenen Armen und Beinen oder mit aufgerissenen Bäuchen aus denen die Eingeweide fließen. Aber noch wissen wir nicht, was wir später erst erfahren werden. Und die Zeit reicht noch, um sich eine Cola zu kaufen.

Nach ein paar Minuten sieht man drei, vier Polizisten mit ihren eierbecherartigen Helmen und den gelben fluoreszierenden Jacken über den blauen Uniformen. Wie aus dem Nichts sind sie aufgetaucht. Mit einem breiten Band sperren sie den Niedergang zur U-Bahn ab, so als müßten sie einen Tatort sichern. Seltsam… denkt man, noch können wir diese Zeichen nicht deuten. Wir schlendern durch die Bahnhofshalle und wieder fällt der Blick auf die Anzeigentafeln. - Doch was ist das? Über allen Zugverbindungen steht: „cancelled!“ - Irgendetwas ist passiert. Aber es gibt keine Durchsage. Also gehen wir zum Schalter, um die Fahrkarten umzutauschen. Den Ausflug wollen wir auf morgen verlegen, und vielleicht erfährt man etwas über den Grund. Doch der Schalterbeamte erwähnt nur das Wort „collision.“ Also ein Zusammenstoß zweier Züge; dergleichen kann passieren. Ein kurzer Ratschlag: was machen wir nun. Zunächst einmal gehen wir zurück in das nahe Hotel, um den Tag neu einzuteilen. Schließlich ist man gekommen, um was zu erleben. Draußen, auf der Straße, spüren wir: irgendetwas hat sich verändert. Überall hört man das klagende Heulen der Sirenen und in der Luft den zwitschernden Lärm der Hubschrauber, die über unseren Köpfen flattern. Alles kündet von einem größeren Unglück.

Im Foyer des Hotels dann mehrere Menschen, die gebannt auf einen Fernseher schauen. Man widersteht dem Drang, seine Neugier in der Masse zu befriedigen. Aber auf dem Zimmer schalten wir sofort den Fernseher ein, und nun hat man die Gewißheit: „es“ ist passiert. Noch wachsen die Gerüchte: fünf, sechs, sieben Anschläge werden gemeldet, doch sie gehen im Laufe des Tages zurück, nur die Zahl der Toten steigt. Gebannt sitzen wir vor dem Bildschirm, ungläubig, staunend, bestürzt. Wir lernen den Unterschied zwischen „fatalities“ und „casualties“ kennen. Und dann sehen wir diese Bilder der U-Bahn-Stationen. Doch eigentlich sieht man nichts, weil sich das Grauen unter der Erde abspielte. Aber langsam läßt der Schrecken nach. Man erinnert sich an die Bilder von New York und Madrid und ein Gefühl des „deja vu“ tritt ein. - Nur dieser rote Bus, aufgerollt wie eine Büchse Sardinen, geht einem nicht aus dem Sinn.

Zu den Bildern werden Untertitel eingeblendet: „Stay where you are!“ Keineswegs soll man nach London fahren. - Nun, wir sind schon hier. Dann werden die ersten Überlebenden befragt. Gezeichnet vom Ruß und vom Schrecken, ringen sie um Antwort. Unbarmherzig verlangt die Öffentlichkeit ihre Zeugenschaft und läßt nicht von ihnen ab, bis sie uns das Grauen nacherleben lassen.

Immer wieder werden die Stationen der Katastrophe gezeigt. Wir schauen auf den Plan der Londoner U-Bahn, diesem bunten Gewebe, das wie ein Adernetz den Körper der Stadt durchflicht, und wir vergleichen: Gestern die Elgin Marbles im Britischen Museum… um welche Uhrzeit waren wir dort… mit welcher Linie sind wir gefahren? Man wägt das Unwahrscheinliche ab und freut sich über das Wahrscheinliche. Zwei Menschen, die sich in der Masse der täglich drei Millionen Fahrgäste verstecken wie Sardinen in einem schützenden Schwarm. Und in diesem Fall sterben die anderen immer zuerst. Der Tod indessen scheint nicht wählerisch gewesen zu sein. Afrikaner, Inder, Pakistanis und Engländer, Muslime, Christen und Hindus sind unter den Opfern. Und wir fühlen: er hat uns alle getroffen, selbst wenn wir ihm entgangen sind.

Allmählich verdichten sich die Nachrichten, die Lage wird übersichtlich. Der Premierminister befindet sich gerade auf einem Gipfeltreffen mit den wichtigsten Staatsmännern der Welt in Schottland. Er unterbricht die Versammlung und hält eine Rede, so wie man es von einem Politiker erwartet. Es fallen Worte des Mitgefühls und schließlich die Aufforderung zur Standhaftigkeit, um sich nicht dem Terror zu beugen. Doch etwas fehlt, etwas, das nicht erwähnt wird: es ist dieser ferne Krieg im Irak, in dem täglich das stattfindet, was hier als Ausnahme erscheint. So als wäre Bagdad der prädestinierte Ort für den Terror, nicht aber London oder Madrid. Von Rom, Paris oder Berlin ganz zu schweigen.

Am Nachmittag dann ein Gang durch die Stadt. Die Bahnen und Busse stehen still. London, die große Maschine, ist auf stand-by geschaltet, aber sie scheint noch zu funktionieren. Das Klagegeheul der Sirenen liegt noch immer über der Stadt; doch das Leben geht weiter, und im wahrsten Sinne des Wortes geht es zu Fuß. Überall sind die Angestellten unterwegs, um in mehrstündiger Wanderschaft nach Hause zu gelangen.

Auch die Restaurants sind geöffnet, als wäre nichts geschehen. Wir gehen in eines hinein; hinter uns folgt eine junge Frau mit dunklen Haaren und großen Augen, wahrscheinlich indischer oder pakistanischer Herkunft. Es stellt sich heraus: sie arbeitet hier. Eine Kollegin umarmt sie. Und ihr Chef, gleichfalls von dunkler Hautfarbe, fragt: „Tell me: why are you still alife?“ Da ist sie wieder: diese spöttische Gelassenheit, die zum Wesen der Londoner gehört, gleich, ob sie Engländer oder Einwanderer sind. - Und die nur denjenigen fremd ist, die - mit dem Teufel im Leib - sich auf einen Gott berufen, der ihnen erlaubt, sein Ebenbild zu töten.

Juni 2005

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