Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Im Palast der höchsten Harmonie

 

Im zwölften Jahr der Herrschaft des Kaisers Tschungdschen kam eines Tages ein berittener Bote vor das Tor am Platz des Himmlischen Friedens und begehrte Einlaß in die Verbotene Stadt. Er kam von weit her, von der Großen Mauer, die das Reich der Ming von den Barbaren trennt. Auf einem mehrwöchigen Ritt hatte er Wüsten durchquert, Flüsse durchschwommen und etliche Pferde zuschanden geritten. Sein Gewand war zerschlissen; verdreckt, unrasiert und übernächtigt trieb ihn nur ein Ziel vorwärts: die Botschaft, die er in seiner Briefbüchse verwahrte, dem Kaiser zu überbringen.

Der Torwächter wollte ihn zuerst abweisen, aber der Bote bestand darauf, vor den wachhabenden Offizier geführt zu werden. Der Hauptmann der Palastgarde blickte ihn angewidert an. Dann befahl er ihm, ein Bad zu nehmen und sich ein neues Gewand anzulegen.

Erst am nächsten Morgen führte man ihn in den Palast der Höchsten Harmonie. Vor dem Thron des Kaisers fiel er auf Knie, berührte dreimal mit der Stirn den Boden und wagte kaum aufzusehen. Mit seinen Händen bot er demütig die Briefbüchse dar. Der Oberste Eunuch nahm sie entgegen, öffnete sie und legte den Brief auf ein gelbes Kissen. Mehrmals sich verbeugend, trug er es zum Kanzler hinüber.

Der Kanzler entrollte das Papier, wandte sich ebenfalls verbeugend zum Kaiser und sprach: „Eine Botschaft vom Befehlshaber der Provinz Gansu!“

„Was kann denn so wichtig sein, um den Sohn des Himmels zu belästigten?“ fragte der Kaiser.

Der Kanzler räusperte sich und las laut vor, damit auch alle übrigen Hofbeamten die Nachricht verstanden.

„Ehrerbietig melde ich in fliegender Hast, daß am siebten Tag des fünften Monates die Barbaren die Große Mauer überwanden. Eingeschlossen hinter den Mauern der Stadt Dschangye bereiten wir uns auf die Verteidigung vor. Doch wir sind zu wenige, um dem Feind länger standzuhalten. Darum bittet Euch Euer ergebener Diener demütig, entsendet eine Armee zu unserer Entlastung. Ehrfurchtsvoll knie ich nieder in Richtung des kaiserlichen Palastes und berühre mit der Stirn den Boden. Verzeiht Eurem unwürdigen Diener die ungeziemende Form dieser Botschaft.“

Nach kurzem Schweigen fragte der Kaiser: „Was sollen wir tun?“

Der General der Palastgarde erwiderte. „Eure Kaiserliche Hoheit müssen sofort eine Armee aufstellen und die Barbaren dorthin zurücktreiben, wo sie hergekommen sind!“

Der Kanzler, ein durchtriebener Günstling, antwortete entrüstet: „Aber das bedeutet Krieg! Wir wären gezwungen neue Steuern zu erheben, und es könnte zu Unruhen im Volk kommen.

„Nur Soldaten können das Volk vor den Barbaren schützen!“ erwiderte der General.

„Ich habe einen besseren Vorschlag“, entgegnete der Kanzler. „Das Reich der Mitte ist so groß, wer weiß schon genau, was an seinen Rändern geschieht. Und überhaupt: wie zuverlässig ist die Nachricht dieses Boten! Vielleicht streifen die Barbaren nur ein wenig in den nördlichen Provinzen umher und ziehen sich bald zurück.“

„Oder sie marschieren auf die Hauptstadt und stehen in einigen Monaten vor den Toren der Verbotenen Stadt!“

Ein Raunen ging durch die Menge. Wie konnte der General es wagen, in Gegenwart des Kaisers so unverblümt zu sprechen!

Der Kanzler ergriff wieder das Wort: „Um das zu verhindern, schlage ich vor: wir sollten mit ihnen Verhandlungen aufnehmen. Vielleicht begnügen sich mit einer Provinz.“

„Wenn sie erst einmal innerhalb unserer Grenzen siedeln und ihre Weiber und Kinder nachholen, dann zerbricht die Einheit des Reiches. Sie werden einen Staat in unserem Staate gründen!“, entgegnete der General.

„Ich sehe die Sache anders! Wir sollten ihnen vielleicht sogar Tribut zahlen, und sie so Untertanen Seiner Kaiserlichen Majestät machen. Das wäre auch billiger als wenn wir Krieg führten! Wir beteiligen sie sozusagen an der Verwaltung des Reiches, indem wir ihnen eine Provinz überlassen. Irgendwann werden sie uns gleich werden, und dann verlangen wir Tribut von ihnen.“

Der Sohn des Himmels wandte zaghaft ein. „Und wenn sie sich nicht damit zufrieden geben und doch auf die Hauptstadt marschieren?“

„Nun, das kann Jahre dauern! Wahrscheinlich werden die Barbaren über die Beute in Streit geraten und sich untereinander bekriegen. Bis dahin haben wir Zeit gewonnen, um uns besser vorzubereiten!“

Der General wurde wütend. „Ihr Beamten plündert die Kassen des Staates und seid ihr nicht einmal bereit, das Reich zu schützen! Gleichgültig seid ihr gegenüber dem Wohl des Volkes, das ihr mit Steuern bedrückt und verachtet! Aber ich weiß warum! Insgeheim rechnet ihr schon damit, den neuen Herren zu dienen!“

Nun entstand ein Tumult unter den Eunuchen. Sie stürzten sich auf den General und warfen ihn aus dem Palast.

Der Bote kniete noch immer vor dem Himmelsthron. Er war verwirrt und wußte nicht recht, was er von diesem Streit halten sollte.

Der Kanzler bemerkte ihn und sprach: „Du kannst jetzt gehen. Wir brauchen dich nicht mehr!“

Auch die anderen Eunuchen wurden entlassen und der Kanzler blieb mit dem Sohn des Himmels allein zurück. Als alle fort waren, schaute sich der Kanzler vorsichtig um und flüsterte: „Natürlich gibt es noch ein Problem!“

„Welches?“

„Der Bote! Er weiß zuviel. Wenn er erst einmal in den Teestuben sitzt und redet, wird das Volk unruhig werden!“

„Droht ihm mit dem Holzkragen, falls er nicht schweigt!“

„Das wird ihn nicht erschrecken. Schließlich dient er bei den Grenztruppen!“

„Was schlagt ihr dann vor?“

„Der Bote muß verschwinden und mit ihm die schlechte Nachricht!“

„Also tut, was ihr tun müßt!“

Noch am Abend wurde der Bote verhaftet. Man warf ihm vor, mit böswilligen Gerüchten das Volk aufzuhetzen und den allgemeinen Frieden zu stören. Er wurde ins Gefängnis geworfen und am nächsten Morgen enthauptet.

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