Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Günter Grass - Der verspätete Antifaschist

 

Jeder Staat – gleich ob Diktatur oder Demokratie – bildet eine ihm eigentümliche Ideologie heraus. Die vornehmsten Vertreter dieser Ideologien sind die Staatsschriftsteller. In einer Demokratie wird von dieser Spezies eine hohe Kunst verlangt: sie sollen die herrschenden Verhältnisse kritisieren, ohne das Verhalten der Herrschenden ernsthaft zu invalidieren. In diesem Sinne darf man Günter Grass als den größten deutschen Schriftsteller bezeichnen – auch wenn er in seinem ganzen Leben nur anderthalb gute Bücher geschrieben hat. Denn kaum ein Autor reproduziert die Stereotypen der neuen deutschen Ideologie so gekonnt wie Günter Grass.

Im Grunde bewegen sich alle diese Klischees zwischen den Extremen des "immer noch" und "schon wieder" der deutschen Geschichte, mit denen Grass versucht, seine Vergangenheit, von der er nicht loskommt, unserer Gegenwart aufzudrängen. Exemplarisch für diese Haltung ist die Laudatio, die Grass hielt, als dem türkischen Schriftsteller Yasar Kemal der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde.

Wie erinnerlich, nutzte Grass seinen Auftritt, um den Waffenhandel mit der Türkei und die Praxis des deutschen Asylrechts zu kritisieren. Doch diese Kritik allein schien Grass nicht zu genügen. "Ich schäme mich" - rief der Autor - "meines zum bloßen Wirtschaftsstandortes verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert."

Auf die Ausbeutung des deutschen Schuld- und Schamkomplexes versteht sich Günter Grass wie kaum ein anderer - schließlich verdankt er ihr seine Karriere. Gewiß kritisiert Grass zurecht, daß die Bundesregierung Waffen in die Türkei exportiert, wobei es allerdings nicht einer gewissen Ironie entbehrt, daß die Weizsäckers und Süssmuths bei der diesjährigen Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche dem Laudator Beifall klatschten. Denn auch ihnen ist die Ausrufung des mea culpa nicht fremd, da sie selbst nach diesem Ritus ihre Messen zelebrieren. Und so übertönte der Applaus wohl auch die Frage, warum sie damals - als im Kabinett und im Parlament über die Waffenexporte entschieden wurde - nicht selber das gesagt hatten, was sie nun beifällig beklatschten.

Doch lohnt es sich, die Motive dieser Schuldnergemeinschaft einmal näher anzusehen. Denn die öffentliche Schamkultur entspringt dem schlechten Gewissen, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus verpaßt zu haben. Gewiß ist es - wie im Falle Weizsäcker - nicht angenehm, einen in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher zum Vater zu haben. Weshalb wohl einige Deutsche meinen, derartige Mängel durch einen lautstarken Moralismus kompensieren zu müssen. Und manch einer glaubt sogar, das Wiedergutmachen des Vergangenen mit dem Schlechtmachen des Gegenwärtigen erreichen zu können. Je dämonischer sie diese biedere Republik zeichnen, desto heroischer wird ihr Kampf.

Aber ob als Hitlerjunge oder als Schriftsteller: es ist noch immer derselbe Eifer, den diese Vertreter der Flakhelfergeneration so fragwürdig erscheinen läßt, selbst wenn sie mal etwas Richtiges sagen. Denn es ist leichter die Uniform zu wechseln, als die Art und Weise wie man sie trägt. Im Falle Grass kann man sich daher des Eindrucks nicht erwehren, daß sich hier einer rückwirkend durch die Anklage anderer entlasten möchte. Zugleich offenbart diese Haltung das neue deutsche Gesellschaftsspiel, sich selbst als Verfolgter zu imaginieren, um - wenn auch um ein halbes Jahrhundert zu spät - endlich einmal auf der „richtigen“ Seite der deutschen Geschichte zu stehen.

Durch diese Verschiebung soll etwas, dessen man sich schuldig fühlt, wiedergutgemacht werden. Dies mag verständlich sein, wenn sich die Ankläger in diesem Prozeß nicht zu Kronzeugen aufgeschwungen hätten, die nun ihrerseits andere belasten. Allein um diesen Preis hoffen sie, für sich nachträglich einen Freispruch erwirken zu können.

Aber einen Schriftsteller, der mit seinem „j' accuse“ die Welt erzittern lassen will, darf es nicht stören, wenn es gerade keinen Dreyfuß gibt, den er zur Affäre machen kann. In diesem Fall schafft er sich seine Teufelsinsel selbst. Und für Günter Grass heißt dieses öde Eiland Deutschland und seine Opfer sind ihm die asylsuchenden Einwanderer: "Spricht nicht der in Deutschland latente Fremdenhaß bürokratisch verklausuliert aus der Abschiebepraxis des gegenwärtigen Innenministers, dessen Härte bei rechtsradikalen Schlägerkolonnen ihr Echo findet?"

Die liberalkonservative Bundesregierung vereint im Fremdenhaß mit rechtsradikalen Brandstiftern! - In dieser ‚verklausulierten’ Wahnvorstellung des Günter Grass muß die Berliner Republik zwangsläufig den Weg der Weimarer gehen. Denn diese Citoyens trauen sich selber nicht und schon gar nicht ihrer Republik.

Sie begreifen nicht, daß die Begrenzung der Einwanderung, sogar die Abschiebung von Asylbewerbern - nach juristischer und humanitärer Prüfung - durchaus das legitime Recht eines demokratischen Staates sein kann. Auch wenn Günter Grass behauptet: "Es ist wohl so, daß wir alle untätige Zeugen einer abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei sind."

Doch eher ist es wohl so, daß Grass ein Ewiggestriger ist, der, in der engstirnigen Parteilichkeit der siebziger Jahre verhaftet, stets die Ewigvorgestrigen benötigt. Grass ist immer noch derselbe Eiferer, der sich während eines Hegemoniewechsels an eine aufsteigende Partei gehängt hat, ohne die seine Karriere als Beckmesser und Kannegießer nicht denkbar gewesen wäre. Der linksliberalen Hegemonie verdankte er seinen Aufstieg, dem Denken in politischen Lagern seinen Niedergang. Denn das Denken in den Schranken einer Parteilichkeit macht dumm, und daß der Generalsekretär der CDU auf die Äußerungen des Schriftstellers nur zu antworten wußte, "daß sich Grass nun endgültig aus den Kreis ernstzunehmender Literaten verabschiedet habe", macht uns alle nicht klüger.

Auch der Hinweis, daß kein anderes europäisches Land soviel Flüchtlinge aufgenommen hat wie Deutschland, kann für Leute wie Grass nicht zählen. Denn nicht die Gegenwart, nur die Vergangenheit ist ihm die Richtschnur für die Zukunft, an der er die ermordeten Juden wie die abgelehnten Asylbewerber gleichermaßen auffädelt.

Auf diese Weise entsteht ein schleichender Verlust der Realität, der dazu führt, daß die Wirklichkeit nicht mehr in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, sondern nur noch partiell wahrgenommen wird. Und so funktioniert alles wieder nach den bewährten ideologischen Mechanismen des Verschweigens, Verleugnens und des Verkehrens der Realität ins Gegenteil.

"Keine Kultur" - schreibt Grass - "kann auf Dauer von eigener Substanz leben.“ Da hat er recht, denn von der Substanz dieses Autors kann die deutsche Kultur nicht lange leben - und die deutsche Wirklichkeit noch weniger.

Oktober 1997

 

 

Nachtrag: Der mittlerweile zum Nobelpreisträger avancierte Schriftsteller ist natürlich nicht identisch mit dem Individuum namens Günter GraSS.

 

August 2006

 

EMail:Info@literatur-der-anderen.de