Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Die schleichende Kulturrevolution

 

Zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse hielt der Außenminister Frank Walter Steinmeier eine vom Geist der Kritischen Theorie geprägte Rede, die - umgesetzt in die politische Praxis - jedoch einer schleichenden Kulturrevolution gleichkäme.

„Identität – ausdrücklich kulturelle Identität – ist kein unumstößliches Schicksal, daß sich an einigen wenigen Merkmalen festmachen ließe. Im Gegenteil: die Verkürzung der kulturellen Identität auf eines oder wenige Merkmale verhindert Wahl- und Identifikationsmöglichkeiten mit allen schrecklichen Folgen, die wir aus unserer eigenen Geschichte kennen.“

Angesichts dieser ‚schrecklichen Folgen’ der deutschen Geschichte ist nur zu verständlich, daß sich Steinmeier nicht auf ‚wenige Merkmale’ reduziert sehen will. Aber welche ‚kulturelle Identität’ soll hier gewählt werden? Etwa eine Kultur ohne Goethe und Schiller, schließlich enthalten deren Werke Merkmale, an denen sich seine Identifikation als Deutscher festmachen ließe, was seine Wahlmöglichkeiten als Weltbürger einschränken würde.

Kultur bedeutet für Steinmeier weiterhin „nicht ihr Zurückstutzen auf eine kulturelles Identifikationsmerkmal. Sondern die Erweiterung ihrer kulturellen Möglichkeiten, die zugleich das Identifikationspotential einer Gesellschaft stärkt.“ - Nun, da muß der ‚Faust’ wohl dran glauben, ist dieses Werk doch zu identitätsstiftend für die Deutschen und erweitert nicht einmal die ‚kulturellen Identifikationsmerkmale’ für unsere ausländischen Mitbürger.

Und da fragt man sich natürlich, dürfen in den Schulen überhaupt noch die Schriftsteller der Klassik und Romantik gelesen werden, die wie keine anderen die deutsche Identität begründet haben. Ist man ein ‚verkürzter’ Deutscher, wenn man sich mit seiner Nationalliteratur befaßt? Wie gefährlich ist die deutsche Literatur, wenn sie nicht von den Freunden des Fortschritts zensiert worden ist, so daß Chamisso (Franzose) oder Heine (Jude) gerade noch tragbar sind, obwohl auch sie auf deutsch geschrieben haben.

Da diesem Außenminister offensichtlich jede Bildung und Bindung fehlt, denn dergleichen empfindet man als diskriminierend, so dient ihm die Kultur nur zur politischen Instrumentalisierung seiner neudeutschen Gesinnungen. „Bücher können uns anleiten, durch den Wechsel der Perspektive und das Zusammendenken von Innen und Außen, von Eigenem und Fremden (…). Bücher sind damit so etwas wie die Außenpolitiker unter den Künsten.“ - Aber wer will so ein Buch lesen, das derart ideologisch verfaßt ist wie dieser Außenminister?

Nun, daß ihm seine deutsche Identität lästig ist, mag man ihm glauben, obwohl er doch das deutsche Volk vertritt. Aber durch das neue Staatsbürgerschaftsrecht hat man endlich einen Wechsel der Perspektiven geschaffen. Vielleicht wird aus dem Deutschen Volk (im Grundgesetz noch großgeschrieben) doch noch eine Bevölkerung, der man im Bundestag bereits seine Huldigungen darbringt. Denn: „Diese Vielfalt in der Einheit ist möglich. Weil wir in unseren Gesellschaften nicht zulassen, dass Menschen auf ihre kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit verkürzt werden.“

Wer genau hinhört, weiß, daß aus den Worten dieses Mannes noch ein anderer spricht: es ist der Homunkulus aus dem Laboratorium des Professor Habermas. Dieser Frankenstein hat sich offensichtlich der äußeren Gestalt des Außenministers bemächtigt und redet nun in einer Sprache zu uns, die aus der Retorte stammt. Es ist die Sprache des Verfassungspatrioten, der natürlich keine nationale Identität mehr kennt. - Wie schon zur Zeit des Nationalsozialismus, soll wieder einmal alles in einem großen Ganzen aufgehen; natürlich nicht mehr in einer nationalen, sondern diesmal in einer globalen Kultur.

Gewiß leben wir seit Goethes Zeiten im Bewußtsein der Weltliteratur. Auch in Weimar sah man die Nationalliteratur immer in diesem Zusammenhang; aber stets im Sinne der Aneignung des Fremden und niemals im Sinne der Abschaffung des Eigenen. Weltliteratur beruht auf einem Austausch, bei dem - wie Goethe sprach - „die Nationen die Verhältnisse aller gegen alle kennen lernen“, nicht darauf, daß sie ihre eigenen Verhältnisse verleugnen.

Aber da kein Mensch die Sprache des Verfassungspatrioten versteht, muß sie für das mentale Prekariat dieser Republik verdeutscht werden. Und als Dolmetscher des gegenwärtigen Schwachsinns dient - wie so oft - die taz.

So heißt es in diesem Blatt: Steinmeier erwähnt, „dass Kultur in Deutschland auch als Mittel der Ausgrenzung funktioniere. Ein schlichter, historisch unabweisbarer Gedanke.“ Es gibt, so muß man diese Rede weiter verstehen, „keine identifizierbare ‚deutsche’ Kultur. Insofern verbucht Steinmeier Migration ausdrücklich als ‚kulturellen Gewinn’, und als Ziel von Politik nennt er die ‚Erweiterung der kulturellen Möglichkeit.’“ - Nun, ‚schlicht’ sind die Artikel der taz schon lange, schade nur, daß die Welt so kompliziert ist.

Bezeichnenderweise steht dieser Artikel unter der Überschrift: Kultur muss losgelassen werden. - Also verabschieden wir uns von Goethes ‚Faust’ und Eichendorffs Gedichten, von Mozarts Symphonien, Schuberts Liedern und Bachs Kantaten. Zur ‚Erweiterung unserer kulturellen Möglichkeiten’ müssen wir sie loslassen, denn halten wir daran fest, könnte dies andere ausgrenzen oder gar deren religiöse Gefühle verletzen. Wir müssen uns selber fremd werden, um in der schönen neuen Welt der Verfassungspatrioten wiedergeboren zu werden.  Denn dieser Homunkulus darf kein Mensch mehr sein, identifizierbar aufgrund der Geschichte seines Landes, seines Volkes und seiner Kultur. Die deutsche Kultur, ja sogar die Sprache, wird überflüssig, da sie als unverwechselbarer Teil einer nationalen Identität unweigerlich die eingewanderten Völkerschaften diskriminiert.

 

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