Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Die Liebe, der Hass und die Religionen

 

In der Aufzeichnung der Taten und Aussprüche des Propheten Mohammed gibt es in der Sammlung von al-Buchari eine anrührende Geschichte.

Eines Tages - so berichtet al-Buchari - kamen einige Juden zum Gesandten Gottes und erzählten ihm, daß ein Mann ihres Stammes Ehebruch begangen hätte. Der Prophet ließ sich daraufhin die Thora zeigen und begehrte zu wissen, welche Strafe dort vorgeschrieben sei. Die Juden waren milder gestimmt als der grimmige Prophet, und einer von ihnen verdeckte mit der Hand eine Versstelle. Statt dessen las er vor, daß nur die Auspeitschung am Pranger vorgesehen sei. Doch einer der Gefährten des Propheten wußte es besser. Er rief: ‚Nimm deine Hand da weg!‘ und zum Vorschein kam der Vers, der für Ehebruch die Steinigung vorsieht.

Daraufhin befahl der Gesandte Gottes die beiden Ehebrecher zu töten, ganz so, wie er es bereits in vergleichbaren Fällen getan hatte.

Ein Gefährte des Propheten war bei der Steinigung zugegen und berichtete, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. ‚Der Mann warf sich vor die Frau, um sie vor den Steinen zu schützen.’ - Welche große Liebe muß dieses Paar erfüllt haben, im Gegensatz zum Haß des Gesandten Gottes und seiner Gefährten!

Im Evangelium des Johannes gibt es eine ähnliche Geschichte, und wer sie liest, erkennt den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den sogenannten „abrahamitischen Religionen.“ Der Evangelist berichtet von einem Vorfall, als Jesus im Jerusalemer Tempel zum Volke predigte. „Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, im Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte. Sie sprachen: Meister, dieses Weib ist auf frischer Tat ergriffen worden. Moses aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen; was sagst du dazu?“

Eine gefährliche Frage, da eine falsche Antwort als Mißachtung der mosaischen Gesetze hätte gedeutet werden können. Denn Ketzerei wurde auch bei den Juden mit Steinigung bestraft, wie der Heilige Stephanus es später erfahren mußte. Jesus aber antwortete klug: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Als sie das hörten, gingen die Schriftgelehrten davon - und wie es im Evangelium heißt: „von ihrem Gewissen überführt.“ Gleichwohl verzichtet Jesus nicht darauf, die Sünderin zur Umkehr aufzurufen: Er fragte die Frau: „Wo sind deine Ankläger geblieben? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Da sprach Jesus: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Kann es eine schönere Antwort geben als diese? Spricht doch daraus der Glaube an die innere Kraft des Menschen, sich zum Besseren bekehren zu können - ohne daß es einer äußeren Macht bedarf, die ihm mit Todes- oder Körperstrafen droht.

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