Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Deutsche in Italien

 

Äußerlich gesehen kann man sie nicht mehr von Briten oder Amerikanern unterscheiden. Die internationale Uniform der Touristen macht alle gleich: Shorts, Sweatshirts, Turnschuhe oder Sandalen, wenn letztere, dann aber auf jeden Fall mit Socken. In diesem Sommer tragen sie auch helle Strohhüte, die Lässigkeit versprechen sollen, schließlich ist man in Italien. - Obgleich die Deutschen immer ein wenig damit aussehen wie Erich Honecker in der Sommerfrische.

Allein das Verhalten ist noch auffällig und muß anderen Nationen seltsam vorkommen. Da stehen sie dann an der Bushaltstelle nach Amalfi und warten auf den blauen Pullman. Jeden, der an ihrer Schlange vorbeigeht, und von dem sie annehmen, er würde sich vordrängeln, raunzen sie im gebrochenen Englisch an. Daß es Landsleute sein könnten, scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen.

Köstlich ist es, zu sehen, wenn bei einem dieser Exemplare die Disziplin zusammenbricht. So fährt der Bus ein wenig weiter vor als berechnet, und in der Befürchtung, nicht mehr einen der begehrten Fensterplätze zu bekommen, von denen man in die grausigen Abgründe der amalfitanischen Küste hinunterschauen kann, rennt ein Individuum diese Gattung plötzlich los, flitzt um den ganzen Bus herum, um vom Ende zum Anfang der Schlange zu gelangen - als gelte es, das letzte Flugzeug aus Stalingrad zu erwischen. Im Gewühl und Gedränge stößt es sich durch die Menge, um als Erster in den Bus zu steigen. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und den Rucksack als Rammbock vor sich herschiebend, rast dieses Menschenwesen den Gang entlang, um schließlich aufatmend am Fensterplatz niederzusacken, nicht jedoch, ohne zuvor den Nebenplatz blockiert zu haben.

Zwei Tage später eine Wiederbegegnung. Diesmal auf Capri. Zwei Bänke stehen in einem kleinen Park, und wir wählen den schöneren Platz. Da kommt dieses Exemplar des furor teutonicus wieder herangestürmt, von weitem die noch freie Bank erspähend. Seine Brut hinter sich lassend, überholt er die anderen Spaziergänger und wirft erneut seinen Rucksack auf die Bank. Aufrecht stehend und mit vorgestreckter Brust, läßt er seine Arme in der Luft kreisen, als müsse er auf einem Rollfeld Flugzeuge einwinken. „Hierher! Hier isch no a Plätzle!“

Atemlos kommt die kleine Familie, Mutter, Sohn und Tochter herangekeucht. Aber nicht jeder setzt sich dorthin, wo er möchte. Der Vater, im Beruf vielleicht ein Projekt- oder Gruppenleiter, gibt Anweisungen, wer sich wo hinzusetzen hat. Doch die Brut quengelt. Sie hat Hunger und Durst. In abgemessenen Schlucken trinken sie aus einer Flasche acqua minerale. Vor der Bank sind große Kabeltrommeln aufgereiht, die ihnen die Sicht auf das Meer verstellen. Aber sie üben sich in Gelassenheit, nicht ohne gelegentlich zu uns hinüberzuschielen, ob wir ihnen nicht endlich Platz machen wollen. Aber wir denken nicht daran und bleiben sitzen. - Also mampfen sie friedlich ihre mitgebrachten Brötchen, und wie ich nicht ohne Genugtuung feststelle, tun sie dies im Angesicht eines großen Haufens Hundescheiße.

Nun mag diese Schadenfreude nicht weniger deutsch sein, als die beobachteten Verhaltensweisen. Denn typisch ist noch immer, den anderen etwas voraushaben zu wollen. Auch das „Bestimmenwollen“ ist uns nicht fremd. Insbesondere geben wir gerne Anweisungen, um unsere Auffassungen von Organisation und Ordnung durchzusetzen. Gerade das Aufzwingen unserer Vorstellungen anderen gegenüber ist etwas, das durch alle Lebensbereiche geht und noch als „typisch“ deutsch gelten kann. Es fehlt die gelassene Würde des Einzelnen, die den anderen in seiner eigenen Sphäre gelten lassen kann. Statt dessen erlebt man oft den Kampf, dem anderen etwas aufzuzwingen, was er im Grunde gar nicht will. Es fehlt das „arrangiarsi“, das „Sicharrangieren“, das wir an den Italienern so sehr lieben, aber bei uns selber gar nicht schätzen.

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