Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Das Vorurteil über Vorurteile

 

Eines der wichtigsten Glaubensgrundsätze, das die Freunde des Fortschritts als Elftes Gebot im Volksbewußtsein verankert haben, ist die Behauptung: Du darfst keine Vorurteile haben! Selbst Kleinkindern im Vorschulalter wird dieses Gebot schon gepredigt. Erwachsene, befragt, ob sie dergleichen hätten, müssen dies mit Empörung weit von sich weisen, um nicht der sozialen Ächtung zu verfallen. Doch gerade dieses Verhalten offenbart eines der am weitesten verbreiteten Vorurteile, nämlich, daß man kein Vorurteil haben darf.

Denn genau besehen ist das Vorurteil ein Urteil, das einer Erfahrung entstammt, die andere bereits gemacht haben. Gewiß: erst nach eigenem Erleben sollte man sich ein eigenes Urteil erlauben. - Aber was ist, wenn diese Erfahrungen von der Art sind, die man sich besser erspart hätte. Darf man sich erst - durch Schaden klug geworden - ein Urteil erlauben?

Wohl kaum! Denn die eigentliche Bedeutung der Vorurteile kann auch darin bestehen, die Erfahrungen anderer verarbeitet zu haben. In diesem Fall ist das Vorurteil ein hilfreiches Signal, vorsichtig zu sein, es gibt mir Schutz vor unerwarteten Ereignissen und bewahrt mich vielleicht vor Schaden.

Es mag ein Vorurteil sein, gut auf sein Portemonnaie acht zugeben, wenn man nach Rom fährt. Es mag schon rassistisch sein, wenn zwei dunkelhäutige Frauen in bunten Kleidern - die eine mit einem Kind auf dem Arm - auf mich zukommen, mich am Ärmel zupfen, mit Zeitungen wedeln und mich verwirren. „Was wollen diese Zigeuner von mir“, denke ich unwillkürlich. Und dann fällt einem ein, daß man so etwas gar nicht denken und schon gar nicht sagen darf. Und gleich hält man inne, als hätte man sich bei einem unerhörten Vergehen erwischt. Denn nach deutscher Gegenwartsmoral sind es Sinti oder Roma oder wie es neudeutsch heißt: eine Sintezza und noch eine, wobei für beide zusammen schon der entsprechende Plural fehlt. Sie geben vor, mir eine Zeitung verkaufen zu wollen, während sich unter dem Papier flinke Hände an meinen Taschen zu schaffen machen.

Hinterher wird man alles mit dem gemischten Gefühl zwischen Belustigung und Verärgerung betrachten. Dennoch hat das spontane Vorurteil: "Zigeuner, wahrscheinlich aus Rumänien...", mir eine unangenehme Erfahrungen erspart. - Zumindest vor dem Problem wie ich später meine Hotelrechnung bezahlen soll.

Interessant ist jedoch die Reaktion, bzw. die Analyse des eigenen Gefühls. Der deutsche Gutmensch der Gegenwart will keineswegs mit den deutschen Schlechtmenschen der Vergangenheit identifiziert werden. Was natürlich ganz verständlich ist. - Insbesondere wenn er dabei andere und sich selbst wissen lassen kann, wie weit er es in seiner Gutheit schon gebracht hat. Das mag die Zurückgebliebenen anspornen, es ihm gleich zu tun. Und so sind in den letzten Jahren aus Zigeuner „Sinti“ bzw. „Roma“ geworden, aus Einwanderung „Migration“ und aus dem Vielvöl-kergemisch die berühmte „Multikulturalität“.

Verklärt durch Fremdworte werden in der neuen deutschen Ideologie die tatsächlichen Erfahrungen der Wirklichkeit entrückt. Statt dessen wird ein Relativismus installiert. - Eine zunächst unbewusste Denkstruktur, die mittlerweile fast alle Deutschen verinnerlicht haben. Und dieses kulturre-lativistische Denken sagt einem - bevor es andere tun - ein Zigeuner oder „Sinto“ kann genauso gut ein Dieb sein wie jeder Deutsche auch. Denn gerade „die“ Deutschen müssen - aufgrund ihrer Geschichte - aufpassen, was sie denken oder sagen. Sind sie doch sonst verurteilt, ihre Geschichte zu wiederholen. Und wer will diese fürchterliche Schuld schon auf sich laden.

Allerdings zeigt sich im Alltag, daß Vorurteile ausgesprochen nützlich sein können. Das größte Vorurteil besteht gerade in der Verurteilung der Vorurteile. Jedem Vor-Urteil geht ein Urteil voraus. Vorurteile sind also nicht zwangsläufig falsch - natürlich müssen sie von Zeit zu Zeit überprüft werden.

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