Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Carlo Levi: „Christus kam nur bis Eboli“

 

Carlo Levis Roman handelt von einem „confinato politico“ der - wie Levi selbst - während des Faschismus an einen gottverlassenen Ort Süditaliens verbannt wurde. Eingeschränkt in seiner Freiheit wird er dort vom Bürgermeister und den Carabinieri überwacht. Trotzdem kommt man ihm mit Neugier entgegen. Die Honoratioren sehen in dem verbannten Arzt jemanden, der wie sie zu den besseren Leuten gehört, während die Bauern ihn zunächst allein wegen seiner ärztlichen Kunst aufsuchen. Das Leben der einfachen Leute ruft das Mitgefühl des Fremden hervor, und er hilft ihnen so gut er kann. Allmählich gewinnt er das Vertrauen der Bauern, zumal die ortsansässigen Ärzte nur Scharlatane sind.

Carlo Levis Buch ist in die Weltliteratur als dokumentarischer Roman eingegangen. Und in der Tat gibt es kaum eine Fiktion und kaum eine Fabel. – Was also macht die Besonderheit dieses Buches aus? Es sind die Figuren- und Landschaftsbeschreibungen, die den ganzen Kosmos des Südens entstehen lassen, und die den kargen Zauber dieses Landes beschwören. Der Autor, der zugleich auch Maler ist, versteht es, mit wenigen Pinselstrichen eine Figur zu porträtieren oder eine Landschaft zu skizzieren.

Die eigentlichen Helden seines Buches sind die kleinen Leute, die Bauern und Handwerker, die unter der Ausbeutung durch die Klein- und Großbürger zu leiden haben. Doch dieses Leid wird erstickt von einem Fatalismus, der nur durch gelegentliche Aufstände unterbrochen wird. Der Autor schildert in kurzen Skizzen die Schicksale seiner Figuren, die immer noch in archaischen Mythen leben, auch wenn sie es zeitweilig schafften, als Auswanderer bis nach Amerika zu entkommen. Zurückgekehrt, holt sie die „mal aria“, die krankmachende Luft des Südens, wieder ein. Ähnlich wie in Tommasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“ gibt es für die Menschen kein Entrinnen aus diesem drückenden Dasein.

Als Ethnologe legt Carlo Levi die heidnischen Wurzeln dieser Kultur bloß, die nur oberflächlich christianisiert wurde. Das Heilsversprechen des Christentums stößt in dieser unbarmherzigen Landschaft, in der noch Hexen und Dämonen über die Geschicke der Menschen herrschen, nur auf Unverständnis. Hier gibt es keine Erlösung: denn Christus kam nur bis Eboli.

Das eigentliche Thema dieses Romans aber ist die Ungleichzeitigkeit. Die zwei Kulturen Italiens, die bis heute das Land prägen, sind zugleich die Kulturen zweier verschiedener Zeiten. Die archaische, zyklische Zeit des Südens, mit ihren Mythen und Legenden, gerät dabei in Gegensatz zu der industriellen, linearen Zeit des Nordens, mit ihrer berechnenden Vernunft.

Der Autor ist daher nicht nur in eine andere Kultur verbannt, sondern auch in eine andere Zeit. Er selbst gerät immer mehr in den Bann des Südens, und es kommt ihm vor, “als hätte ich die Zeit verlassen und sei untergetaucht in ein Meer regloser Ewigkeit, aus dem ich mich nicht mehr losmachen konnte.“ In der lähmenden Hitze des Mezzogiorno scheint das Leben „noch langsamer als vorher abzurollen“ und der Erzähler glaubt, sich in dem „stumpfen Dahinfließen der Tage“ zu verlieren.

Gleichwohl schreibt der Autor - ein Ausgestoßener aus seiner eigenen Zeit - für eine fremde Zeit, die erst noch kommt. Und in dieser erlebten Ungleichzeitigkeit ist er der einzig wahre Zeitgenosse, da er immer über der Gegenwart steht und in ihr schon die Vergangenheit sieht. Als Arzt diagnostiziert Carlo Levi nüchtern und sachlich die Krankheiten des Südens, und als Maler stellt er sie stimmungsvoll dar. Dabei überwiegt jedoch der unbarmherzige Blick des Schriftstellers, der sich über alle archaischen und fortschrittlichen Beschränkungen des Geistes erhebt.

Obwohl Carlo Levi Sozialist ist, bleibt er vor allem Schriftsteller. Und dieser Blick des Schriftstellers ist frei von allen Vorurteilen der Vernunft, die die ganze Welt nur durch das Gefängnis ihrer Gesinnungen wahrnimmt. Und gerade darin liegt die Größe dieses Romans begründet: die Menschen so zu sehen, wie sie sind und nicht „durch die allgemeinen Beglückungstheorien einer bestimmten Partei oder Klasse oder wohl gar einer Rasse.“ 

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