Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Auf der Suche nach Averroes

 

Die Geschichte des menschlichen Geistes geht manchmal seltsame Wege. Der Name von Abu l-Walid ibn Ruschd, geboren im Jahre 1126 in Cordoba, wurde latinisiert und ist uns seitdem als Averroes bekannt. Seine Bedeutung für das Abendland erhielt er durch die Übersetzungen der Werke des Aristoteles, die er ausführlich erläuterte, so daß er in der Nachwelt als der ‚Kommentator‘ dieses Philosophen galt.

In der christlichen Welt wurde Averroes begeistert, aber auch mißtrauisch aufgenommen. Im Streit zwischen Glauben und Vernunft, stieß Averroes bei den islamischen und christlichen Theologen gleichermaßen auf Ablehnung. Er ist ein Philosoph im ewigen Exil der Vernunft.

Ein Wendepunkt in der Geschichte des philosophischen Denkens ist dabei die Auseinandersetzung zwischen Averroes und al-Ghazali. Wobei man sich immer vergegenwärtigen muß, daß Philosoph im Griechischen nichts anderes heißt als ‚Freund der Weisheit‘. - Und die Weisheit ist untrennbar verbunden mit der Wahrheit.

Die Debatte um das Gesetz der Kausalität, also um die Frage nach dem Verhältnis von Ursache und Wirkung und der Erkennbarkeit dieses Zusammenhangs durch den menschlichen Verstand, hatte folgenreiche Auswirkungen.

Al-Ghazali ging es dabei um die Religion, die er durch die Philosophie gefährdet sah. Er warf den Philosophen Unglauben vor, da ihre Lehren mit der Offenbarung des Korans nicht mehr übereinstimmten. Allerdings argumentiert al-Ghazali selber mit philosophischen Begriffen. Bei seiner Kritik bezieht er sich auf das Induktionsproblem, das die Übertragung praktisch bewährter Erfahrungen in logisch beweisbare Gesetze in Frage stellt. Al-Ghazali greift dabei zu einem Beispiel. Wenn wir die Flamme einer Kerze an ein Büschel Stroh halten, gehen wir davon aus, daß das Stroh Feuer fängt und brennt. Die Erkenntnis scheint klar: Die Flamme ist die Ursache, ihre Wirkung ist das Verbrennen des Strohs. Allerdings wendet al-Ghazali nun ein, daß der Verstand uns irrtümlich einredet, daß das Stroh verbrennt, weil man eine Flamme daran hält. Diese Auffassung - sagt al-Ghazali - ist falsch. Richtig wäre es zu sagen: nachdem ich Feuer an das Stroh halte, beginnt es zu brennen. Wir unterliegen somit einer Täuschung. Aus einem zeitlichen Nacheinander folgern wir - bedingt durch die Gewohnheit unserer sinnlichen Erfahrung - ein kausales Wegeneinander. Die Gewohnheit verleitet uns zu einem kausalen Schluß, wo es nur eine zeitliche Folge gibt.

Natürlich weiß auch al-Ghazali, daß, wenn Stroh und Feuer zusammenkommen, das Stroh brennt, aber es geht ihm um etwas anderes: Es geht um die logische Richtigkeit des Kausalitätsgesetzes. Denn die Erkenntnis, daß Stroh brennt, weil es mit Feuer zusammenkommt, ist ein Trugschluß. Allein unsere sinnliche Wahrnehmung suggeriert ein Verhältnis der Kausalität, das genau genommen nicht existiert.

Doch diese Erkenntnis hat noch eine weitere Konsequenz: Dem Verstand - so sagt al-Ghazali - ist es nicht möglich, die Welt der Dinge außerhalb unserer Sinne zu erkennen. Wir unterliegen daher einer Selbsttäuschung; denn über das Ding an sich, das außerhalb unserer Sinnenwelt existiert, können wir nichts aussagen.

Doch worum geht es al-Ghazali wirklich? - Die Philosophen haben das Prinzip der Kausalität auch auf den Beweis Gottes angewandt. Mit der Logik des Aristoteles und mittels seiner Kategorien, haben sie Gott aus der Welt an den äußeren Rand des Himmels gedrängt. In einer unendlichen Kette von Ursache und Wirkung ist Gott für die falasifa, die Philosophen, letztlich nichts weiter als eine weit entfernte ‚erste Ursache‘ aller Ereignisse. Gott ist demnach nur der ‚erste Beweger‘, der einen Anstoß gab und dann die Welt sich selbst überließ, die sich nach den Gesetzen der Kausalität entfaltet. Auf diese Weise haben die Philosophen nicht nur den Willen Gottes eingeschränkt, sondern ihn sogar aus der Welt verdrängt.

Und dabei soll Gott nicht einmal mehr die Individuen, sondern nur noch die Universalien kennen. Die Einzeldinge sind Gott unbekannt. Der erste Beweger ist uninteressiert am Schicksal des Einzelnen. Aber wenn Gott nur die Universalien kennt und nicht mehr die Individuen, so ist auch die Auferstehung des Leibes fraglich. Die Unsterblichkeit der Seele kann nicht mehr für das einzelne Individuum gelten, sondern nur noch als Unsterblichkeit des Geistes schlechthin. Nach Averroes ist also das, was aufersteht, nicht identisch mit dem, was vergangen ist.

Auch die Welt existiert nicht zeitlich befristet, sondern von Ewigkeit an. Dies allerdings steht im Gegensatz zu den Lehren der Bibel und des Koran. Beide Schriften kennen Anfang und Ende der Welt. Schöpfung und Jüngstes Gericht markieren die Vergänglichkeit der Welt.

Keine Frage, daß die aristotelischen Philosophen angesichts solcher Auffassungen ihre Gebete vernachlässigen und sogar über die Lehren der Religion spotten. Ihr Wissen, so meinen sie, gestatte es ihnen, sich über den Glauben der Massen zu erheben. Für das ungebildete Volk indessen mögen die Religionsgesetze notwendig sein - im Sinne einer Polizeiverordnung, die unter Strafandrohung dem gewöhnlichen Pöbel ein tugendhaftes Leben aufzwingt.

Diese Folgerungen der falasifa, der Philosophen, sind für al-Ghazali nichts weiter als ein Abfall vom Glauben. Die Vorstellung, daß gerade das Wirken Gottes mittels kausaler Gesetze das Wunderbare sein könnte, liegt ihm fern. Näher liegen ihm die Wunder, die Gott kraft seiner Allmacht jederzeit ausüben kann. So kann Gott jederzeit ein Wunder tun, indem er sich über die Gesetze der Kausalität hinwegsetzt. Auch die Gesetze der Natur sind demnach nichts weiter als eine Gewohnheit Gottes, aus deren Wiederholung niemals geschlossen werden darf, daß sie für ihn bindend seien. Die ganze Welt ist der Willkür des Allmächtigen unterworfen, der seine Gewohnheiten jederzeit ändern kann. Die Abläufe in der Welt sind somit letztlich nur auf das wiederholte Eingreifen Gottes bei jeder Gelegenheit zurückzuführen. Wobei Gott dies auch durch Vermittlung der Engel vollbringen kann. Daher existiert keine Ursache außer Gott.

Al-Ghazali führt dazu ein Beispiel an und beruft sich auf den Koran. In der 21. Sure überliefert der Prophet Mohammed, daß Abraham, nachdem er die Götzenbilder zerschlagen hat, von den empörten Heiden ins Feuer geworfen wurde. Aber Gott errettete ihn, indem er sprach: „O Feuer sei kalt und Frieden sei auf Abraham!“

Die Ansicht al-Ghazalis ist also klar: Eine Beweisbarkeit mit dem kausalen Schließen des Verstandes ist nicht möglich, zumal die Übereinstimmung des kausalen Denken mit den Dingen der Außenwelt nicht belegbar ist. Sind also schon die Beweise der Philosophen zweifelhaft, soweit sie sinnlich wahrnehmbare Dinge betreffen, so erst recht die übersinnlichen Dinge wie die Frage nach dem wunderbaren Wirken Gottes.

Averroes hingegen geht es um die Sicherung des rationalen Denkens. Dies allein war ihm eine Garantie für die Zukunft, um frei von allen Glaubenslehren die Gesetze der Natur und der Menschen zu ergründen. Die Philosophie, damals synonym mit Wissenschaft, ist nur unabhängig von den Doktrinen der Religion zu betreiben. Daher entgegnete Averroes in seiner Schrift ‚Die Widerlegung des Ghazali‘: Wer die Kausalität leugnet, kann nicht mehr erkennen, daß jedes Wirken eine Ursache haben muß. Zwar gibt es Wirkungen, deren Ursachen nicht wahrnehmbar sind und uns unbekannt bleiben, aber gerade darum müssen sie untersucht werden. Das Verstehen ist nichts anderes als das Erfassen der Dinge nach ihren Ursachen. Und wer die Ursachen leugnet, muß auch den Verstand leugnen. Aber dieses Leugnen vernichtet das Wissen. Daraus ergibt sich, daß in der Welt kein Ding in seinem eigentlichen Wissen mehr erkannt werden kann. Und wer behauptet, es existiert kein Wissen, muß zugeben, daß auch seine eigenen Behauptungen fragwürdig sind. Alle Dinge in der Welt beruhten dann nur auf Mutmaßungen.

Wenn al-Ghazali den Philosophen vorwirft, sie leugneten das Wunder Abrahams, der ins Feuer geworfen wurde und dabei nicht verbrannte, so erwidert Averroes darauf, daß den Philosophen eine Diskussion über die Prinzipien der Religion nicht gestattet ist. Denn auch Averroes glaubt an Gott, eben nur auf seine Weise. Auch auf al-Ghazalis Spiel mit dem Feuer geht Averroes ein: Kein Philosoph zweifelt an der Wirkursache des Feuers. Doch die Ursachen der Wunder - wie im Beispiel Abrahams - sind uns unbekannt. Über die Wunder muß man daher folgendes lehren. Sie sind göttliche Dinge, die die Fassungskraft des menschlichen Geistes übersteigen. Man muß sie bekennen, auch wenn man ihre Ursachen nicht kennt. Daher diskutiert kein Philosoph über Wunder; sie sind etwas für die Ungebildeten.

Sicher ist allein das Wissen über die Dinge so wie sie sind. Und das von Gott in uns erschaffene Wissen besagt, daß ein Ding für genau das gehalten werden kann, was es in Wirklichkeit ist. Wenn wir in unserem Geist ein Wissen über die Dinge haben, so entspricht dieses Wissen dem Zustand der Dinge in der Außenwelt. Die Dinge verhalten sich so, wie wir sie uns denken. Wenn die Dinge sich ohne eine Gesetzmäßigkeit verhielten, wie die Theologen behaupten, dann kann Gott in uns nicht ein Wissen erschaffen, daß uns sagt, die Dinge verhalten sich gesetzmäßig. Gerade durch die Erkenntnis der göttlichen Weisheit wird der Verstand im Menschen zum erkennenden Denken. Gott will, daß wir wissen. Und gerade der Umstand, daß diese Weisheit in dem ewigen Geist Gottes existiert, ist die Ursache dafür, daß sie sich in den Weltdingen verwirklicht.

Doch die Kritik al-Ghazalis war von vernichtender Wirkung. Al-Ghazali hatte den schwachen Punkt der Philosophen erkannt. Der aus der Erfahrung gewonnene Glaube, daß die Gesetze von gestern auch morgen noch gelten, ist logisch nicht zu begründen. - Obgleich ohne eine Annahme dieser Gesetzmäßigkeiten jedes zukünftige menschliche Handeln undenkbar wäre.

In diesem Widerstreit zwischen theoretischer und praktischer Vernunft konnte Averroes die logische Wahrheit nicht für sich beanspruchen, wohl aber die hypothetische Wahrheit. Und letztere ist im Sinne einer Wahrscheinlichkeit solange dienlich, bis die von ihr behaupteten Tatsachen widerlegt worden sind.

Aber auch die historischen Umstände sprachen gegen Averroes. Das von ihm wenig geschätzte Volk verlangte in den schwierigen Zeiten der Reconquista nach einer einfachen Wahrheit, nämlich die, zu glauben und nicht zu denken. Averroes ‚doppelte Wahrheit‘, die besagt, daß die Theologie nur die eine Art sei, um die Welt zu begreifen, und die Philosophie eine andere, ließ sich nicht länger aufrecht erhalten. Der historische Kompromiß von Philosophie und Theologie, den Averroes anstrebte, wurde durch die Politik beendet. Die Schriften des Averroes wurden im Jahre 1195 in Cordoba verbrannt, er selbst wurde zur Verspottung der Gläubigen vor der Moschee ausgestellt und mußte ins Exil gehen.

Diese Niederlage der Philosophie sollte bis in unsere Gegenwart die Geschichte der islamischen Welt entscheidend prägen. Allein den kafirun, den Ungläubigen, blieb es überlassen, mit ihrer satanischen Rationalität die Welt des Geistes und der Natur zu erobern.

Die christlichen Welt verankerte das Kausalitätsprinzip in ihrem Denken, und begann damit die Welt zu erklären - und zu beherrschen. Die islamische Welt indessen ergab sich ihrem Schicksal und verharrte dadurch bis in unsere Gegenwart in einem geistigen Mittelalter. Die Verneinung der Kausalität und die allmächtige Anwesenheit Gottes in jedem Augenblick läßt die Fragen nach den natürlichen Ursachen verstummen. Was bleibt, ist die bedingungslose Anerkennung der Göttlichen Offenbarung, bila kaif, ohne zu fragen, warum.

In dieser Weltanschauung mag für einen Europäer die irritierende Faszination des Orients begründet liegen. Und in einer Zeit, als die Welt noch räumlich getrennt war, mochte dies noch erträglich sein. Doch in einer Zeit, in der die Kulturen beweglich geworden sind und aufeinanderstoßen, wird diese Haltung gefährlich. Vor allem wenn gläubige, aber unvernünftige Menschen die Mittel zur Vernichtung ganzer Zivilisationen in ihren Händen halten.

Aber vielleicht ist die Suche nach Averroes nur für einige Jahrhunderte unterbrochen worden. Und wer ihn findet, kann die Schätze einer vergessenen Kultur bergen, um durch diesen Gewinn vergangene Verluste auszugleichen. In diesem Sinne wäre die Rückkehr in die Vergangenheit ein Schritt in die Zukunft.

 

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