Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Tatata Taa

Tatsächlich! Ein innerer Monolog! Wer hätte je gedacht, daß so etwas Literatur werden würde. Joyce! - Kannten wir doch gar nicht, statt dessen nur Will Vesper und Agnes Miegel! Mal schauen, was Fussler da ausgebrütet hat, mal sehen... das gibt es doch nicht... das kann doch nicht wahr sein: alles mit Bleistift geschrieben! Ist ja rührend... diese kleine Schrift... Wie ein wirklicher Dichter! ...Nehmen wir mal ein Blatt aus der Mitte... schauen wir mal nach. Was? Was hat er da gesehen? Eine Leiche... im Fluß? Ach, nur einen Kinderschuh... obwohl, mit einer Socke drin? - Ach so, das Wasser war zu trüb und die Phantasie des Lesers zu klar, so hat er das gemeint! Genial... und diese Sprache, einfach genial! Da! Nein! Wun-der-bar! Da sind sie ja wieder, die berühmten Fusslerschen Komposita!

Und am Ufer, neben Strauch, Busch und Baum, sah ich auf den Fluß, den kalkiggrüneiligen, der mich an die alpenländischen Wässer meiner Kindheit erinnerte, als ich noch ein Dorfbub war, und ich dachte und denke es noch, und fühle es wieder, selbst hier, unweit des Tevere, nun an meinem Schreibtisch, dem kastanienrothölzernen: was weiß man über diesen Schuh, der damals, vielleicht zu auffällig, in der Drina, der trügerischen, trieb? - War es der Schuh eines serbischstämmigen muselmanischen Kindes oder einfach nur ein Kinderschuh? - Ja, die Weltreporterhorde mit ihren Brennweitenblicken, den empörerischen, die wüßte genau, was als Weltgewissen in ihren Gewißwelten zu gelten hätte.

Wunderbar! Wie macht er das bloß? Das ist Literatur! Das merkt man doch gleich! ...Ich versteh die Kritiker nicht... Schon zu beneiden, dieser Fussler. Lebt in Rom, und ich... muß zusehen, wie ich sein Zeug unter die Leute bringe. Irgendwie ungerecht... naja: Schicksal! ...Nun hab ich doch vergessen... wollte doch auf dem Petersplatz... der Brunnen... wie war das gleich? Ach ja: zwei Becken, eins das andere übersteigend aus einem runden alten Marmorrand und aus dem oberen Wasser leis sich neigend... leis sich neigend... richtig: zum Wasser, welches unten wartend stand… muß mal wieder zur Vorsorgeuntersuchung ...Aber auch unverschämt! Packt mir einfach sein Manuskript in eine Plastiktüte und behauptet, er hätte keine Kopie gemacht. Und ich trüge vor Gott und der deutschen Literatur die ganze Verantwortung. Was soll ich davon halten? Was will er damit erreichen? ...Muß unbedingt Breslauer anrufen! ...Muß mir eine Rezension über den neuen Fussler schreiben! Obwohl... er verachtet Fussler. Was mach ich nur? Wie krieg ich ihn rum? Was biete ich ihm an? Vielleicht die Herausgabe einer neuen Reihe? Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts! Da kann er seinen geliebten Thomas Mann drin unterbringen. Oder ist das zu durchsichtig? Wenn er merkt, daß ich etwas von ihm will, wird er schwierig und sagt noch nein. Dieser große Unbestechliche! Was mach ich nur? Breslauer... unbestechlich, aber eitel! Das ist es! Das ist seine Währung! ...Muß mir angewöhnen, ihm ungezwungener gegenübertreten ...hat beim letzten Mal sicher gemerkt, wie befangen ich war. - Egal, schließlich habe ich ihn nicht ins Lager gesteckt! ...Kann doch nichts dafür, daß ich damals diese Uniform tragen mußte ...bin doch nicht freiwillig zur Wehrmacht gegangen! Schluß mit den Schuldgefühlen! Hab ich doch gar nicht nötig! Ich doch nicht! ...Am besten, er bespricht den neuen Fussler noch vor der Auslieferung. Die Stewardeß... ob ich mir ein Glas Wasser? Besser nicht... sonst muß ich dauernd... ach ja, die Vorsorgeuntersuchung nicht vergessen! ...Wie ging das weiter? Zum Wasser leis sich neigend, welches unten stand, dem leise redenden entgegenschweigend und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand, ihm den Himmel und die Wolken zeigend wie einen unbekannten Gegenstand. Schade, daß man Lyrik nicht verkaufen kann. Obwohl… mit Breslauer als Herausgeber müßte auch das gehen. Muß unbedingt mit ihm darüber reden. Aber erst einmal Fussler! Am besten, ich lobe ihn über den grünen Klee und sage: Mein lieber Breslauer, hier hab ich etwas für Sie: Einen wortgewaltigen Sprachkünstler, einer der größten deutschen Dichter unserer Gegenwart, könnte es nicht sein, daß Sie ihn völlig zu Unrecht verkennen? Das wird ihn ärgern! Das macht ihn wütend! Dann wird er schreiben! Einen schönen Verriß brauch‘ ich... sonst nichts! Hauptsache, es wird darüber geredet! Ich rufe ihn gleich an, Lad‘ ihn für morgen zum Essen ein. Wo ist denn nur mein Handy... wo hab ich denn? Ach da! So, nullsechsneun... Was ist denn nun los? ...Was passiert ... warum ist... das Flugzeug... oh mein Gott!

 

Was will dieser Kerl wieder von mir? Warum lädt Brachfeld mich ein? Sagt, er kommt gerade aus Rom... es ist bestimmt wegen diesem Fussler! Er weiß doch, was ich von dem halte! ...Will mir jedesmal einreden, er hätte den bedeutendsten deutschen Autor in seinem Verlag! Ausgerechnet Fussler! Dieser Pseudopoet… der kann ja nicht mal Auto fahren! - Warum blinken denn alle... Muß ja doll was los sein, wo ich gerade herkomme. Tatata Taaa... Verleger! Ha! Das ich nicht lache! Alles Lügner und Betrüger! ...Nicht schlecht, nicht schlecht, dieser Harnoncourt ...trotzdem, sein Beethoven gestern... die Vierte ging ja noch, aber die Fünfte! Tatata Taaa... so geht das nicht, mein lieber Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt... Originalklang hin, Originalklang her! ...Tatata Taa Taa Ta... Außerdem waren die Flöten zu schrill! Flöten von Friedrich dem Großen! Von wem hat er die bloß? Wie kommt man an so etwas ran? Aber sympathisch, der Mann... während dieser Karajan damals... entsetzlich, dieser eitle Mystagoge mit seiner schwülstigen Inbrunst und doppelten NSdAP-Mitgliedschaft! ...Das Ende der Kunst als der Anfang ihrer Interpretation... interessanter Gedanke, sollte mal drüber schreiben... wenn nur nicht dieser Fussler wäre! Kann nicht einmal Autofahren! Und dann noch Brachfeld, dieser Schwindler! Ein Verleger kann kein anständiger Mensch sein. Nie und nimmer! Hat lauter Kitsch im Sortiment... und will es nicht wahrhaben, weil es sich so gut verkaufen läßt! Tatata Taa... Ob ich seine Einladung wieder absage? Ist immer irgendwie peinlich... alles so gezwungen... sein schlechtes Gewissen und dieser verspätete Antifaschismus... und dann dieser Drang nach... nach... Wiedergutmachung! Immer will er mir das Essen bezahlen... als hätte er mir persönlich etwas angetan! Aber auch raffiniert, jedesmal will er was von mir. Wie war das nochmal... richtig: die Existenz eines Verlegers liegt darin begründet, daß die Klappentexte seiner Bücher mehr versprechen als sie halten können. Wer hat das gesagt? Habe ich... Nicht schlecht, muß ich mir merken! Nur Pech für die Leser, daß sie seine Bücher erst kaufen müssen, bevor sie den Schwindel merken. Sonst wär‘ Brachfeld schon längst erledigt. Tatata Taa Ta Ta... Wie hieß das gleich... Tauschcharakter, nein ...das war es nicht ...richtig: Tauschwertversprechen... naja, die Zeiten sind auch vorbei... statt dessen: Fussler! Entsetzlich, diese stockenden Wurmfortsätze mit den großväterlichen Verben! "...ich speiste bei den gastgütigen Dorfbauerneltern meines Gefährten, die, nachdem sie ihren verloren geglaubten Sohn umarmt hatten, ja, auch mich, den ihnen Unbekannten, zu Tische luden, und ich war ergriffen von der Kargheit des Mahls, doch das dunkeltrübschäumende Eigenbraubier mundete vorzüglich..." Grauenhaft! Tatata Taaa! Musikkritiker hätte ich werden sollen, das wär‘ was gewesen! ...Warum blinken die denn mit den Scheinwerfern? ...Und alle kommen mir entgegen! Merkwürdig! Sollte ich... bei der letzen Auffahrt vielleicht... Was ist denn das... Ein Lastwagen! ...Oh… nein!

 

Na da schau einer her: die Kulturtrottel von der Presse sind auch schon alle da! Warum sitzen Kritiker eigentlich immer auf den vorderen Plätzen? Na wartet, ihr kriegt nachher was von mir zu hören! Ich kenn‘ euch! Ich weiß genau, was ihr nach der Lesung sagen werdet: Ich, Fussler, wär‘ im falschen Land gewesen... hätt‘ nicht richtig hing‘schaut! Aber ihr werdet mir nicht vorschreiben, was ich hätt‘ tun sollen und was nicht... nur weil ihr das Wort Massaker im Munde führt, glaubt ihr, ihr seid die Gerechten... ihr Idioten! Und dann kommt ihr mir mit eurer Moral, daß ein Schriftsteller, gerade ein deutscher, so etwas niemals hätt‘ schreiben dürfen! Aber ich scheiß darauf, ob ich ein Dichter bin oder nicht. Ich bin nämlich ein sprachempfindlicher Mensch, ihr Arschlöcher!

Aber ruhig bleiben, keine Aufregung! Nur keine Aufregung, nicht vor der Lesung! Was erzählt Brachfeld da? Kein einfacher Reisebericht... sondern das Sinnbild einer übermächtigen sprachlichen Schöpfung... mein‘twegen! Trotzdem... ich werd‘ ihn nachher zur Rede stellen! Unverantwortlich, mein Manuskript in das Flugzeug mitzunehmen, wo die Maschine fast abgestürzt wäre. Nicht auszudenken! Was für ein unersetzlicher Verlust! Und dann noch diese Sache mit Breslauer nach dem Autounfall... gleich muß er ins Hospital rennen, um ihm eine Rezension abzuschwatzen! ...und was kam dabei raus: diese hundsgemeine, hinterfotzige und niederträchtige Kritik! Wie kann er mit meinem größten Feind verkehren! Aber ich kenn‘ seine Ausreden... er wollte ihn nur günstig stimmen... er hätt’ alles für mich versucht... hätt’ getan, was er für keinen anderen seiner Autoren tun würde! Alles Geschwätz... ich kenn‘ euch! Ihr macht mir nichts vor! Verräter! Ihr verdient nicht, daß ich mich mühe und plage, um die Welt für euch schön zu machen! ...Was hat er gesagt? ...Er bittet um mein Wort? Na also...

Nein, ich klage nicht an, daß eine Zeitung, die mir die allerliebste war, noch bis vor kurzem, ihren Haß ausschüttete über das fleißige Serbenvolk! Ich hingegen, blickte mit wehmütiger Rückschau und ergriffener Rührung auf meinen langjährigen Wegbegleiter, den knitterfaltenreichen Wanderrucksack, der in der Ecke lag, ein zusammengesackter, stummer Zeuge meiner Reisen, und beschloß aufzubrechen, wenn auch erst jetzt, um selbst zu spüren, zu sehen und zu künden vom wirklichen Geschehen, daß sich erschließt dem Gutwilligen, ja besonders dem.

Und so brach ich denn auf, im schneezauberreichen Winter, um das Land zu suchen und die Menschen, vor allem die. Und einmal war es diese gute Frau unter den Dorfleuten, die erwähnte, immer wieder würde sie, die hoch über der wintergrünblassen Drina wohnte, in einem Haus zwischen schneehaubenschläfrigen Gärten, Wiesen und Feldern, gefragt von Reportern, ob sie nicht gesehen hätte, aus ihrem Fenster, die Leichen im Fluß, und daß sie diese Frage immer verneinen müßte und auch sonst niemanden kannte, der es gesehen hätte, mit eigenen Augen. - Und da war ich es, der erzählte von meinem deutschen Großvater, der auch nie etwas gesehen hatte, damals, als man die Insassen eines Lagers in gestreifter Häftlingskleidung durch sein Dorf trieb, auch er hatte nichts mitbekommen vom nahfernen Krieg - und wie ich das immer als Leugnung verstanden hatte, es nicht glauben wollte, mich aber fragte, späterhin, ob es nicht möglich gewesen war, nichts zu sehen - und doch war das Unsagbare geschehen?

Nein, ich klage sie nicht an, diese Journalisten! Auch ich sah die Häuser am anderen Ufer der Drina, aber wer hätte sagen können, auf dem ersten Blick, ob sie schon zerstört waren, oder noch im Bau, so wie man es oft sah, vor dem Krieg, die Häuser noch ohne Dächer, Fenster und Türen, weil ihre Erbauer in fremdfernen Ländern ihr Brot verdienen mußten. Aber was weiß schon der Durchreisende! Auch in den Dörfern war nichts zu spüren vom Krieg, bis auf die Einschränkungen. Auf den Märkten besaßen die Dinge noch ihre Würde, sie trugen kein Preisschild, und kein Skanner tastete einen Strichcode ab. An den Ständen streckten vorlaute Gänse ihre noch ungerupften Hälse zwischen die Stäbe der geflochtenen Weidenholzkäfige, während kerbgrobe Männerhände aus radrundgläsernen Flaschen mit feinem, dünnem, klarem Strahl behutsam den Slivovitz in ihre Stamperl gossen, ganz zu schweigen von den märchengroßmäuligen Hechten und vorweltschuppigen Karpfen. Es war ein Treiben, ein Handeln und Feilschen, das, hätte man nur ein Gleiches gehabt zum Tausche, fast des Geldes entbehrte.

Ja, man mag es mir vorwerfen, doch ich sah nicht die Bilder, die den Fotos entsprechen, wie das jener muselmanischen Frau, landflüchtig, mit dem Kind auf dem Arm, die, denke ich an den Fotografen, ihr Leid, ihm zu Gefallen, vielleicht allzu gefällig herzeigen mußte. - Aber nein, ich klage nicht an. Ich kam nur, um zu schauen!

Schauen! Nicht Glotzen! Ihr namenlosen Hirntrampel... schauen sollt ’s! Aber das könnt ihr nicht, ihr Meinungstandler und Gesinnungskrämer! ...Nun stellt schon eure dummdreistklugen Fragen! …Abgoschn werd‘ ich euch! Und wenn ihr Glück habt... werdet ihr einmal Fußnoten sein zu meinem Werk. Niemand würd’ euch sonst noch kennen, aber ich muß euch mitnehmen in die Ewigkeit, nur weil ihr Geschmeiß mit mir seid… in meiner Zeit… und in meiner Unsterblichkeit!

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