Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Die Leichenfahrt des Doktor Guillotin

Doktor Joseph Ignace Guillotin, der Mann, nach dem die epochemachende Köpfmaschine, die Guillotine, benannt worden war, legte wenig Wert darauf, noch das Ende eines Zeitalters zu erleben, von dem er sich ungerecht behandelt fühlte.

Am 26. März des Jahres 1814 - fünf Tage, bevor die alliierten preussischen und russischen Armeen in Paris einmarschierten, und Napoleon Bonaparte gezwungen war, als Kaiser der Franzosen abzudanken, hatte er es nach einem langen sechsundsiebzigjährigen Leben plötzlich eilig mit dem Sterben.

Der Anblick säbelfuchtelnder Kürassiere und lanzenschwingender Kosaken wäre auch kaum geeignet gewesen, bei einem todkranken Mann den Wunsch nach Genesung wachzurufen. Und ebensowenig dürfte die Gegenwart preussischer Leutnants, die als lärmende Sieger die Restaurants des Palais Royal besetzten, der Gesundheit Guillotins zuträglich gewesen sein.

Wie man sich später erzählte, verlangte einer dieser ungehobelten Okkupanten im `Véry` einen Kaffee, allerdings in einer Tasse, aus der noch nie ein Franzose getrunken habe. Der Wirt, ein witziger Mann, servierte ihm das Getränk in einem Nachttopf.

Aber derartige Äußerungen patriotischer Gefühle waren selten genug. Der Anblick weißer Bettlaken und Tischtücher, die als Zeichen der Kapitulation aus den Fenstern hingen, hätten Guillotin kaum dazu bewegt, in seinem Sterben für einige Tage innezuhalten, nur um noch Augenzeuge dieser hinscheidenden Epoche zu werden.

Um sich weitere Zumutungen seines an Unannehmlichkeiten reichen Lebens zu ersparen, erwartete Guillotin den Tod im Bett seines Hauses in der Rue Saint Honoré; und der Tod enttäuschte ihn nicht.

Am Tag darauf, nachdem man den Leichnam hergerichtet hatte, fanden sich einige Mitglieder der medizinischen Fakultät ein, deren Vorsteher Guillotin lange Jahre gewesen war. Die Herren entblößten ihr Haupt, als sie durch die Tür traten, setzten eine betrübliche Miene auf und versicherten der Witwe ihr Mitgefühl.

Den Toten hatte man inmitten seines Arbeitszimmers aufgebahrt, in dem er zu seinen Lebzeiten die Patienten behandelt hatte. An den Wänden standen zwei weiße Glasschränke mit allerlei Töpfen und Döschen, die vermutlich die üblichen lebensverlängernden Pillen und Salben enthielten, während auf einem kleinen Wandtisch mehrere Scheren, Zangen und Skalpelle lagen.

Beiderseits des Sarges, der auf einem großen Tische stand, brannten zwei Kerzen, die Guillotins Gesicht beleuchteten. Das kleine ovale Antlitz war zu einer pergamentartigen Hülle zusammengefallen, unter der die knochigen Konturen des Schädels hervorstachen. Zwar hatte man ihm die Augenlider geschlossen, doch der Mund war leicht geöffnet. Offensichtlich war die Kiefernbinde entfernt worden, bevor die Leichenstarre eingetreten war, und so grinsten zwischen den blutleeren Lippen gelbliche Zähne hervor.

Nach einer Weile ergriff Doktor Bourru das Wort. Er hatte bis zuletzt an Guillotins Sterbebett gesessen und beklagte nun die Ungerechtigkeit eines launischen Schicksals, das den Namen seines Freundes auf mysteriöse Weise mit jener entsetzlichen Maschine verknüpft hatte - worauf die leidgeprüfte Witwe begann, nachdrücklich in ein Taschentuch zu wimmern.

Zwei Tage später trug man den Leichnam zur Aussegung in die nahgelegene Kirche Saint Roch. Die Giebelfront des Gotteshauses, mit seiner geschweiften Fassade und vorgelagerten Freitreppe, verriet noch die Spuren der vergangenen Jahre, als Frankreich bis in seine Grundfesten durch die Revolution erschüttert worden war. Am 13ten Vendémiaire des 4ten Jahres der französischen Republik, hatte der damals noch wenig bekannte General der Artillerie, Napoleon Bonaparte, vor der Kirche einige hundert Royalisten mit seinen Kanonen zusammenkartätschen lassen. Die aufständischen Rebellen hatten sich auf den Stufen der Treppe versammelt, um den Nationalkonvent zu stürzen und einen bourbonischen König einzusetzen.

Wie Pusteln übersprenkelten unzählige kleine Krater das Mauerwerk, verursacht durch die Wucht der eingeschlagenen Kugeln. Nach diesem Gemetzel war Napoleons Name der ganzen Nation bekannt geworden, und Hoffnungen auf noch größere Taten des jungen Generals schienen nicht unberechtigt.

Aber nun, im März des Jahres 1814, kehrten die vertriebenen königstreuen Aristokraten heim. Im Gefolge einer feindlichen Armee marschierten sie auf Paris, und zweifellos würden sie nichts unversucht lassen, um die Zeiger der großen Weltuhr um eine Epoche zurückzudrehen.

In den Straßen drängten sich unzählige Kutschen, bepackt mit Koffern und Kisten, die in eiliger Fahrt nach Westen zu entkommen suchten. Kaufleute, Bankiers und höhere Beamte, die ihre Geschäfte und Geschicke mit dem Kaiserreich verknüpft hatten und nun glaubten, die Rache der Bourbonen fürchten zu müssen, suchten das Weite, während sie ihre Häuser unter der Aufsicht ihrer Bediensteten zurückließen.

Mitten in diesem zähfließenden Strom, der sich durch die engen Straßenschluchten nach Westen preßte, standen vor der Kirche ein halbes Dutzend Mietdroschken und ein dunkler Leichenwagen, vor dem zwei Rappen gespannt waren. Weiße Atemwolken dampften aus den Nüstern der Pferde, denn es war winterlich kalt an diesem grauen Märztag, und von Zeit zu Zeit fegten eisige Schauer über die Stadt. Auf der untersten Stufe der Freitreppe hatten sich die Kutscher versammelt. Mit ihren hohen Zylindern und langen Pelerinen erweckten sie von ferne den Eindruck einer noblen Gesellschaft. Und da es erst früh am Morgen war, schienen sie noch einigermaßen nüchtern zu sein. In der schneidenden Kälte tänzelten sie hin und her, rieben sich die Hände und besprachen die Taxen, die sie angesichts der ungewöhnlichen Umstände von ihren Fahrgästen fordern wollten. Nur um das Dreifache der sonst üblichen Preise hatte man sie bewegen können, die Trauergäste zum Friedhof Père Lachaise zu fahren, der weit im Osten der Stadt lag, genau dort, woher man den Feind erwartete.

Als die Totenmesse vorüber war, begannen die Glocken zu läuten, und das Kirchenportal öffnete sich. Die Träger führten den Sarg vorsichtig die Treppe hinunter und schoben ihn auf die Pritsche des Leichenwagens. Dann lösten die Kutscher die Bremsen, ließen die Peitschen knallen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

In einer der Droschken hatten sich vier Ärzte eingefunden, die untereinander in lockerer Bekanntschaft standen, und die es als ihre Pflicht erachteten, dem verstorbenen Vorsteher ihrer Fakultät die letzte Ehre zu erweisen. Allerdings, so respektabel es auch aussehen mochte, ganz pietätvoll war ihre Teilnahme an diesem Begräbnis nicht. Denn im Verlauf dieser Fahrt sollten einige widerwärtige Vorfälle zur Sprache kommen, die nur schwer mit dem hippokratischen Eid zu vereinbaren sind. - Wobei die betroffenen Ärzte nicht müde wurden zu behaupten, sie selbst hätten sich niemals schuldig gemacht. Was immer man von derartigen Beteuerungen halten mag, nie wieder würden sich diese vier Ärzte in einer Kutsche zusammenfinden, und auch sonst sollten sie sich aus später aus dem Wege gehen.

Nahe dem Wagenschlag saß Doktor Sédillot. Er war ein rundlicher Mann von fast sechzig Jahren und nicht frei von Atembeschwerden. Kahlköpfig, mit einem faltenreichen Gesicht, herabhängenden Wangen und schweren Tränensäcken war er wie viele Dicke hauptsächlich damit beschäftigt, einen ausladenden Bauch durch sein beschwerliches Leben zu schleppen.

Nach geraumer Zeit, in der jeder bemüht war, sich in den engen Verhältnissen der Kutsche einzurichten, neigte sich Sédillot ein wenig vor:

Ich habe gehört, Bourru will am Grabe eine Rede halten. Man kann nur hoffen, daß es nicht zu lange dauert.

Ich versichere Ihnen, die Rede wird lang, entgegnete ihm Doktor Thibault. Denken sie nur an die Ausführungen, die notwendig sind, um zu erklären, wie sich der gute Name Guillotins mit dieser fatalen Maschine verbinden konnte; allein das wird eine Ewigkeit erfordern.

Fast im gleichen Alter wie Sédillot, doch von schlanker Statur und mit vollem dunklen Haar, durch das einige graue Strähnen liefen, machte Thibault einen erheblich jüngeren Eindruck. Er hielt viel auf seine Bildung und noch mehr darauf, andere dies spüren zu lassen. Die Beine hatte er übereinandergeschlagen, und die rechte Hand umfaßte den Schaft eines Spazierstockes. Spielerisch drehte er den Stock hin und her, und der Elfen- beingriff bewegte sich wie das Pendel einer Uhr.

Thibaults gemessene Eleganz legte die Vermutung nahe, er hätte sein ganzes Leben in Paris zugebracht. Er war jedoch in Lyon geboren. Aber wie viele Einwohner, die aus der Provinz zugewandert waren, sah er seinen ganzen Ehrgeiz darin, sich dies nicht anmerken zu lassen.

Es heißt, eine Streife preussischer Husaren sei gestern an der Stadtgrenze gesehen worden, bemerkte nun auch Doktor Léveillé. Aber keiner hielt es für nötig, auf diese Äußerung einzugehen, so als gäbe es unter den Insassen der Kutsche ein geheimes Einverständnis, ihn nicht sonderlich zu beachten.

Thibault blickte gelangweilt aus dem Wagenfenster, während Sédillot ganz und gar mit sich selbst beschäftigt war. Er klopfte mit beiden Händen seine Rocktaschen ab und schien etwas zu suchen. Das mächtige Doppelkinn floß ihm dabei über die Brust und drückte seine Halsbinde platt. Schließlich holte er aus den Tiefen seiner Kleidung eine flache silberne Flasche hervor.

Er schraubte den Verschluß auf und wollte sich die Flasche gerade an den Hals setzen, als ihm einfiel, daß er nicht allein war. Arrak, sprach er, als würde dies alles erklären. Mit plumpen dicken Fingern umfaßte er den Flaschenhals und goß die Flüssigkeit behutsam in den Verschluß, der sich zugleich als Becher entpuppte. Er reichte das Gefäß seinen Gefährten, und diese nahmen es dankend an. Nur Thibault ließ sich zweimal bitten, bevor er den Becher in einem Zug leerte.

Doktor Duval, der jüngste Mediziner in diesem Kreise, glaubte nun bestätigt zu finden, was man sich über Sédillot zuflüsterte. Böse Zungen behaupteten, daß er ein überaus begabter Arzt sei, dessen Operationen jedoch immer dann mißlängen, wenn er zuviel oder zuwenig getrunken habe. Auch hieß es: nur wenige Patienten hätten bisher das Glück gehabt, ihn im Zustande seines genialen Gleichgewichtes anzutreffen.

Léveillé unternahm einen neuen Versuch, um auf sich aufmerksam zu machen und fragte:

Weiß man eigentlich schon, wer unserem verehrten Guillotin in seinem Amt als Vorsitzender der Medizinischen Fakultät nachfolgen wird?

Sie haben doch wohl nicht die Absicht, sich darum zu bewerben, entgegnete Thibault geringschätzig.

Léveillé rutschte auf seinem Sitz hin und her und suchte nach passenden Worten: Nein, natürlich nicht..., das heißt..., es gibt gewiß genügend andere Kandidaten. Aber wenn man zum Beispiel gebeten würde, könnte man wohl kaum ablehnen. Darum würde ich, nur einmal angenommen..., und so schwer es mir fiele, mich dem Wunsche meiner Kollegen selbstverständlich beugen.

Léveillé strich eitel über sein schütteres braunes Haar, das in dünnen Strähnen auf seinem Kopf klebte. Wie viele Menschen von kleinem Wuchs strebte er nach Anerkennung, die ihm nur selten gewährt wurde. Doch in diesem Moment war er mit sich selbst zufrieden. Geschickt hatte er angedeutet, daß er für das Amt des Vorstehers der Pariser Ärzteschaft zur Verfügung stün- de. Er würde sich nicht aufdrängen, aber auch nicht abseits stehen, falls man ihn rufen sollte. Und um seinen Ehrgeiz nicht allzu durchsichtig scheinen zu lassen, fügte er einschränkend hinzu:

Natürlich muß man sich so etwas gut überlegen. Das Schicksal des armen Guillotin sollte jedem eine Warnung sein. Ich erinnere mich noch genau an die Spuren des Kummers in seinem Gesicht, die davon zeugten, wie unmenschlich er unter der Bürde seines Amtes und den Ruf dieser schrecklichen Maschine zu leiden hatte. Dabei gilt er völlig zu unrecht als Urheber der Guillotine. Denn ich weiß, wer der eigentliche Erfinder gewesen ist.

Bedeutungsvoll, als würde er ein lang gehütetes Geheimnis verraten, senkte Léveillé die Stimme:

Der wirkliche Erfinder war kein anderer als der Leibarzt des Königs, Doktor Antoine Louis. Ich gehörte damals zu den wenigen Auserwählten, die in seinem Salon verkehrten, und es gibt wohl niemanden, der besser über diese Geschichte Bescheid weiß als ich.

Léveillé machte ein kleine Pause, als wolle er den anderen Zeit lassen, ihr Erstaunen über seine außergewöhnlichen Kenntnisse auszudrücken. Aber als niemand Anstalten machte, sich darüber zu wundern, zumal man es eher für eine seiner üblichen Aufschneidereien hielt, fuhr er unbeirrt fort:

Das Justizministerium hatte Louis damals beauftragt, ein Gutachten auszuarbeiten. Denn Guillotin war es zwar gelungen die Nationalversammlung zu überzeugen, alle Todesurteile mit einem Fallbeil zu vollstrecken, allein die Gedanken darüber, wie ein solches Gerät funktionieren sollte, hatte er anderen überlassen.

Und so kam es, daß Doktor Louis diese Maschine entwarf und einen Mann fand, der sie nach seinen Anweisungen bauen sollte. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein deutscher Klavierbauer namens Schmidt, ein leidenschaftlicher Musiker, wie fast alle seine Landsleute, der seiner gefühlvollen Kunst einstweilen entsagte, um ein Schlaginstrument von ganz besonderer Art herzustellen.

Aber wenn der Leibarzt des Königs der eigentliche Erfinder dieser Maschine gewesen ist, fragte Duval, warum trägt sie dann den Namen Guillotins?

Duval, der an diesem Begräbnis teilnahm, weil er glaubte, daß es seiner Karriere nicht schaden könne, wenn er sich mit seinen älteren Kollegen näher bekannt machte, war ein hochgewachsener junger Mann mit blonden lockigen Haaren, einem freundlichen Gesicht und pausbäckiger Unbekümmertheit. Aufgrund seiner Jugend hatte er kaum noch eine Erinnerung an die Ereignisse der Revolution und wann immer man auf diese Zeit zu sprechen kam, fiel es ihm schwer, seine Neugier zu zügeln.

Doch Léveillé war erfreut, einen aufmerksamen Zuhörer gefunden zu haben, und erwiderte gönnerhaft: Nun mein junger Freund, das gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Geschichte. Doktor Louis, der sein Talent bisher nur auf die Verbesserung chirurgischer Werkzeuge verwandt hatte, spürte sehr wohl, daß ihm dieses Instrument zu groß geraten war und ihm einen üblen Ruf bescheren würde.

Schließlich haben wir Ärzte die Menschen am Leben zu erhalten, auch wenn unsere Patienten manchmal das Gegenteil behaupten. Louis verwendete also einiges Geschick darauf, sein Ansehen zu retten und zog sich aus der Affäre, indem er Guillotin darin verstrickte. Ich wage sogar zu behaupten, daß der bedauernswerte Guillotin das Opfer einer Intrige wurde.

Mit flinken Augen beobachtete Léveillé die anderen, um die Wirkung seiner Worte abzuschätzen. Aber nur Duval zeigte unvoreingenommen sein Interesse.

Gerüchte besagten, daß sich Léveillé während der Revolution am Eigentum der vertriebenen Emigranten bereichert hätte. Als die vom Staat beschlagnahmten Ländereien verkauft wurden, wäre es ihm gelungen, sich in den Besitz eines Weingutes zu bringen. Andererseits vermutete man, daß dieses zusammengeraffte Vermögen nicht allzu groß sein könne, da er noch immer am Hôtel-Dieu seinem Beruf als Chirurg nachging.

Thibault, der den Ausführungen Léveillés bisher mürrisch zugehört hatte, wie jemand, der es nur ungern anderen überläßt, sich in den Mittelpunkt zu setzen, bemerkte herablassend:

Wenn Guillotin ein Opfer war, dann erklären sie mir gefälligst, warum er sich an den Experimenten beteiligt hat, die mit dieser Maschine angestellt wurden? Er blickte auf Sédillot, als wolle er dessen Zustimmung erheischen, doch verriet sein spöttisches Lächeln die boshafte Absicht: Nicht wahr, Sédillot, Sie können bestätigen, daß Guillotin an den Erprobungen der Maschine teilgenommen hat! - Waren Sie nicht selbst dabei?

Sédillot, bislang bemüht, seinen rundlichen, in der Kutsche sachte schwankenden Körper im Gleichgewicht zu halten, was ihm trotz der halbgeleerten Flasche Arrak auch einigermaßen gelang, brauste auf:

Ich habe mir nichts vorzuwerfen! Ich habe immer nur nach den Gesetzen der Menschlichkeit gehandelt. Sein Gesicht lief rot an, er atmete schwer, und nach einigen Schnaufern blickte er wütend auf Léveillé: Schließlich bin ich nicht der einzige, der damals diesen Experimenten beigewohnt hat. Fragen Sie doch ihn!

Léveillé rutschte auf seinem Sitz hin und her. Die Erwähnung dieser Untersuchungen war ihm unangenehm. Zwar gefiel es ihm, sich vor den anderen mit seinem Wissen über die Guillotine hervorzutun, aber zugleich war er beunruhigt, daß man ihm Vorwürfe hätte machen können.

Müssen wir unbedingt von diesen Versuchen reden, gab er zu bedenken. Es liegt alles so weit zurück. Ich meine, wir sollten endlich die Vergangenheit ruhen lassen.

Sédillot, noch erregt von der vorherigen Auseinandersetzung mit Thibault, fühlte sich von der Last einer Verteidigung befreit und erwiderte großmütig:

Na los, Léveillé, erzählen Sie schon! Wir haben nichts zu verbergen. Wir brauchen uns nicht zu rechtfertigen. Alles, was wir getan haben, geschah im Dienste der Wissenschaft. Erzählen Sie ruhig von jenen Experimenten!

Von welchen Experimenten soll ich erzählen?

Was heißt: von welchen Experimenten! Ich meine natürlich die Versuche, die damals in Bicêtre angestellt wurden.

Léveillé blickte verzweifelt umher, wie jemand, der fürchtet, sich durch seine eigenen Worte in Schwierigkeiten zu bringen.

Nun gut, wenn Sie meinen. Aber ich muß erklären, daß ich nicht das Geringste zu tun hatte mit jenen Untersuchungen, die man später auf der Place de la Concorde anstellte. Niemals habe ich mit den noch lebenden Köpfen der enthaupteten Opfer experimentiert.

Thibault sah erstaunt auf. Die pendelnde Bewegung seines Stockes hielt mit einem Male inne, und seine Neugier war schlagartig geweckt. Auch der junge Duval schien hellhörig geworden zu sein. Offensichtlich verwahrten Sédillot und Léveillé ein Geheimnis, das sie aus Furcht oder Scham bisher nicht preisgegeben hatten. Thibault überlegte gerade, wie man es anstellen könne, die beiden ohne Vorbehalt zum Reden zu bringen, als der Kutscher mit lauten Rufen die Pferde anhielt.

 

 

(…)

 

 

 

 

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