Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Der Tod der Zeit

Das wäre eine Geschichte nach Ihrem Geschmack, sprach Thoralf Koch: hundertfünfzig Mann, ausgesandt zur Suche nach einer Passage vom Atlantischen zum Stillen Ozean, verschollen im ewigen Eis! Die Lebenden, vom Hunger getrieben, fallen über die Toten her und verzehren ihr Fleisch, bis auch sie zugrunde gehen!

Wie Sie sehen, bietet die gescheiterte Franklin-Expedition genug Stoff zu unserer Zerstreuung. Schließlich bedarf ein außergewöhnlicher Tod immer des zuverlässigen Zeugnisses seiner Umstände. Die neugierige Nachwelt hat schließlich ein Anrecht darauf zu erfahren, was geschah; denn was wäre das für ein armseliges Sterben, das uns nicht unterhält. - Nur werde ich Ihnen diese Geschichten nicht erzählen!

Thoralf Koch war Mitte fünfzig und hatte noch das Gesicht eines kleinen weißblonden Jungen, der es nicht lassen konnte, mit der Welt seinen Schabernack zu treiben. Wenn er lachte, kräuselten sich winzige Fältchen um seine blauen Augen. Klein, aber kräftig war sein Körper dem Alter entflohen, wie man es oft bei Menschen findet, die einen großen Teil ihres Lebens in der freien Natur zugebracht haben. Nur seine Hände waren von Sonne, Wind und Wasser gezeichnet und hatten die Farbe von dunkelbraunem Leder.

Keineswegs sah Thoralf Koch aus wie ein Wissenschaftler, was vielleicht daher rührte, daß zu seiner Zeit die Ethnologie noch ein Abenteuer gewesen war. - Aber nun, im Jahre 1954, war alles anders. Aufregende Entdeckungen fanden nur noch am Schreibtisch statt. Und blasse, bebrillte Gelehrte analysierten das Material, das Männer wie Koch unter Entbehrungen gesammelt hatten.

Nachdem wir tagsüber im Kopenhagener Arktisk Institut zahlreiche Vorträge zur temporären Morphologie eskimoischer Mythen über uns hatten ergehen lassen, war es am Abend im Foyer des Hotels d'Angleterre zu einem zufälligen Wiedersehen gekommen. Und nun, nach einem guten Essen, einigen Flaschen Tuborg und mehreren Gläschen Aquavit, kündigte mir Koch Geschichten an, die er nicht erzählen wollte.

Aber ich werde Ihnen von einer anderen Begebenheit berichten, die für uns Wissenschaftler von größerem Interesse ist. - Wie Sie wissen, war ich mit Knud Rasmussen, dem Arktisforscher und Begründer der Eskimologie, näher bekannt. Im Jahre 1927 traf ich ihn auf Grönland, und er erzählte mir von einem Ereignis, das bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht und gewissermaßen als Fußnote zu den Berichten über die Franklin-Expedition gelten kann.

Man glaubte diese Expedition für immer verschollen, bis eine spätere Suchmannschaft einen aufsehenerregenden Fund machte. Unter einem Steinmal verborgen, lag eine Nachricht, die über das Schicksal dieser Entdeckungsfahrt Auskunft gab.

Wie man erfuhr, hatte die Mannschaft nach dem Tode Sir John Franklins beschlossen, die Schiffe seiner Majestät 'Erebus' und 'Terror' aufzugeben. Zwei Jahre lang hatte das Packeis sie gefangengehalten, und die Nahrungsmittel waren allmählich zur Neige gegangen. Soweit sie noch körperlich bei Kräften waren, verließen die Männer am 22. April 1848 ihre Schiffe und marschierten an der Küste von King William Island entlang, um über den Back River eine Station der Hudsons' Bay Company zu erreichen.

Jahrzehnte später, auf einer seiner Forschungsreisen zu den zentraleskimoischen Stämmen, traf Rasmussen eine alte Frau, die ihm von ihrem Großvater namens Utak erzählte, der die letzten, noch lebenden Männer der Franklin-Expedition gesehen hatte. Sie gehörten vermutlich einer Abteilung an, die unter dem Kommando von Captain Crozier stand.

Alle Angaben der alten Eskimofrau über das Erlebnis ihres Großvaters schienen der Wahrheit zu entsprechen. Denn sie benannte Rasmussen zahlreiche Plätze, an denen sich noch die Skelette der Weißen befanden. Rasmussen suchte diese Orte auf, sammelte die von Raubtieren verstreuten Gebeine ein und errichtete über den Resten dieser Männer ein steinernes Grabmal.

Es ist seltsam, begann Koch zu philosophieren, daß die Erinnerung an diese Begegnung eines Eskimos mit den Männern Franklins über hundert Jahre lang allein dem Gedächtnis weniger Menschen anvertraut gewesen ist. Und vielleicht bin ich der letzte, der sie in seinem Kopf bewahrt. Es sei denn, irgend jemand schreibt dieses Ereignis einmal auf.

Thoralf Koch blinzelte mir zu, als erwarte er ausgerechnet von mir, das aufzuzeichnen, was er nun erzählen würde. Vielleicht spürte er aber auch meine Skepsis. Denn Koch war bekannt für seine Geschichten, die sich nicht selten am Rande der Wahrheit bewegten. Außerdem war er der absonderlichen Neigung zugetan, in einer gewissen poetischen Weise von seinen Erlebnissen zu berichten. Es gefiel ihm, die Gesetze der Zeit außer Kraft zu setzen und Menschen, die schon lange gestorben waren, wieder zum Leben zu erwecken. Er glaubte sogar, die Gefühle und Gedanken der Personen schildern zu dürfen, von denen er als nachgeborener Erzähler unmöglich Kenntnis haben konnte.

Trotz dieser für einen Wissenschaftler bedenklichen Neigung, habe ich mich entschlossen, den Bericht Thoralf Kochs so wortgetreu wiederzugeben wie nur eben möglich - zumal man heute allein dem geschriebenen Wort zutraut, unsere Erinnerungen zu bewahren und die Zeiten zu überdauern.

Utak, von dem nun die Rede sein soll, saß am Atemloch eines Seehundes und wartete. Am Morgen war er mit den Jägern seines Dorfes zur Eisbank gezogen, jenem schmalen Saum des Meereises, der die zerklüftete Welt des Packeises vom sanft ansteigenden Land trennte.

Über dem Atemloch wölbte sich eine flache gefrorene Kuppel mit einem daumengroßen, kaum wahrnehmbaren Luftloch in der Mitte. Wenn der heiße Atem des Tieres aus der Öffnung dampfte, wüßte Utak, daß in dem Tunnel unter dem Eis ein Seehund eingetaucht war. Mit aller Kraft würde er dann die Harpune durch die dünnwandige Glocke stoßen. Die knöcherne Spitze war mit einer Leine verknüpft, deren Ende er in der Hand hielt. Der Widerhaken würde sich fest im Fleisch des Tieres verankern; und nach einem kurzen Todeskampf, der das Wasser blutig aufschäumen ließe, zöge Utak das Tier heraus. Dann würde er den Seehund öffnen und als erstes die warme blutige Leber des Tieres verzehren.

Den Geschmack des rohen Fleisches schon im Munde spürend, wartete Utak. Er wartete lange und verharrte schließlich in einem Zustand äußerster Regungslosigkeit, obwohl er einen beunruhigenden Gedanken verfolgte, der ihn schon seit geraumer Zeit beschäftigte.

Am Ende eines jeden Sommers, wenn die Tage kürzer und die Schatten länger wurden, sank die Sonne tiefer und tiefer, bis sie zuletzt in einer flachen Mulde am Horizont verschwand. Für lange Monate brach dann die eisige Nacht an, in der nur der Mond und die Gestirne ihr fahles Licht über die weiten Schneeflächen streuten. Aber am Ende des Winters kehrte die Sonne zurück. Hinter der steilen Flanke eines weißen Berges schaute sie vorsichtig hervor, stieg höher und höher, bis sie die Nacht besiegte und den Tag endlos strahlen ließ.

Gewiß war es allein der Sonne zuzurechnen, daß sie das Jahr in Sommer und Winter teilte, in denen Utaks Stamm ein sehr verschiedenes Leben führte. Wenn die Sonne sich hoch über den Horizont hinaufgearbeitet hatte, war es an der Zeit, aus den Vogelnestern die Eier zu nehmen; zog sie ihre Bahn wieder niedriger, bis sie den Tag kaum noch erhellte, war es ratsam, sich ein Winterlager zu suchen.

Utak hörte unter sich das helle Klingen des springenden Eises, das unter dem Druck einer unmerklichen Strömung arbeitete, und seine Gedanken stießen an eine Grenze, die zu überschreiten ihm bisher nie gelungen war.

Daß die Sonne kam und ging war selbst den Kindern von Utaks Stamm bekannt. Aber keiner, auch nicht der erfahrenste Jäger, konnte sagen, wohin sie ging und woher sie kam. Nur eines war gewiß: mit ihr endete der Winter, und der Sommer begann. Außerdem zeigte ihr Stand an, wie weit der Tag vorangeschritten war.

Im Winter indessen, gab es den Mond und die Sterne, deren Bahn am Firmament den Menschen half, die endlose Nacht in Abschnitte zu unterteilen. Nur wenn Wolken oder Schneestürme den Blick auf die Himmelskuppel verhinderten, war es unmöglich zu sagen, in welchem Augenblick die Nacht gerade verweilte.

Utak horchte auf das leise Stöhnen des Eises, und ihm kam der Gedanke, ob in dem Fall, wenn die Gestirne nicht am Himmel sichtbar waren, es noch ein Mittel gäbe, um die undurchdringliche Nacht zu unterteilen. Es müßte etwas sein, das den Mond, die Sterne oder gar die abwesende Sonne nachahmte; etwas, das einem sagt, wie lange die endlose Nacht noch dauerte.

Aus diesem Gedanken wurde Utak plötzlich herausgerissen. In der Ferne, dort, wo die Sonne sich im Winter schlafen legt, machte er einen dunklen Punkt aus, der langsam auf ihn zukroch.

Mal war er oben auf den Zacken der gratigen Eistrümmer zu sehen, die das zugefrorene Meer zusammengeschoben hatte, dann wieder tauchte er in den Senken dieser weißen zerborstenen Landschaft unter.

Nach einer Weile war klar: der Punkt kroch auf ihn zu. Utak umklammerte seine Harpune fester und löste nun endgültig seinen Blick von dem Eisloch.

Hinter dem schwarzen pulsierenden Punkt traten nach und nach andere zum Vorschein. An den unbeholfenen Bewegungen erkannte Utak, daß es Fremde waren, die im Eis nur mühsam vorwärtskamen. Ihm fielen jene weißen Männer ein, die vor einiger Zeit mit zwei großen Kajaks in den Sund eingelaufen waren.

Er hatte von der erstaunlichen Größe dieser Kajaks gehört, die wie große schwarze Vögel auf dem Wasser schwammen und mit weißen Flügeln den Wind fingen. So groß sollten die Kajaks der Weißen sein, daß Utaks ganzer Stamm, mit allen Männern, Frauen und Kindern, mit Hunden und Schlitten, selbst mit den Iglus darin Platz gefunden hätte.

Dies alles hatte ihm Tualik erzählt, ein Jäger aus der Siedlung vom Gletscherfluß, der gelegentlich in Utaks Lager kam, um Felle zu tauschen und vom Seehund zu essen.

Aber die Weißen saßen nun schon zwei Winter im Eise fest und warteten auf die Wiederkehr des Wassers. Der letzte Sommer war sehr kühl gewesen; dann kam wieder ein Winter, und auch in diesem Frühjahr sah es aus, als ob sich das Eis nicht öffnen würde.

Obwohl man wußte, daß Tualik ein großer Geschichtenerzähler war, blieb ein stilles Unbehagen zurück, auch wenn man seinen Erzählungen keinen großen Glauben schenken durfte. Denn Tualik behauptete von diesen Männern ohne Frauen: ihre Augen wären wie das Eis im Frühling, ihr Haar von der Farbe der Sonne und die Haut weiß wie Schnee. Auch wäre ihre Kleidung nicht aus Rentier- oder Seehundfell gefertigt, sondern weich und glatt, doch weniger dicht, so daß die weißen Menschen jämmerlich froren.

Außerdem ginge ein geheimer Zauber von den runden Scheiben aus, mit denen sie ihre Kleidung verschlossen, und die wie kleine gelbe Sonnen im Lichte funkelten. Je mehr Scheiben ein Mann an seinem Anorak hätte, desto größer wäre seine Macht über die anderen.

Gewiß handelte es sich um Amulette von großer Wirkung. Spräche einer dieser Vielknöpfigen nur ein lautes Wort, so blieben die anderen Männer still stehen, als wären sie auf der Stelle zu Eis erstarrt. Riefe er ein anderes Wort, drehten sie sich gleichzeitig um und gingen hintereinander wie die Küken einer Schneegans. Dabei würfen sie die Arme und Beine in die Luft wie zum Takt einer lautlosen Trommel, so daß jeder, obwohl er einen eigenen Namen hatte, nicht mehr an seinem Gang zu erkennen war.

Utak hielt dies für eine der üblichen Erfindungen Tualiks, der seinen Stamm mit solchen Geschichten oft belustigte. Und in der Tat stand Tualik auf, warf die Arme und Beine hoch, was bei Utaks Leuten ein wildes Gelächter hervorrief. Sie schlugen sich auf die Schenkel, und aus den Augen rollten die Tränen.

Das Lachen nahm ihnen fast den Atem, als Tualik den Beleidigten spielte, weil man seinen Worten nicht glauben wollte. Empört versicherte er, daß nichts in seiner Erzählung erfunden sei; er habe alles getreu berichtet, wie er es gesehen hätte. Indes beachtete man Tualiks Rechtfertigung nicht besonders und ging darüber hinweg, da man ihn nicht des leichtfertigen Umgangs mit der Wahrheit beschuldigen wollte.

Utak erinnerte sich an diese Geschichte, die Tualik im letzten Sommer zum besten gegeben hatte. - Noch immer behielt er die Männer im Auge, die auf ihn zuwanderten. Bislang hatten sie ihn nicht erkannt. Aber er wußte, wenn er sich jetzt aufrichtete, die Harpune auf den Schlitten warf und die Hunde anspannte, spätestens dann würden sie ihn sehen.

Utak überschlug die Lage mit der Erfahrung des Jägers. Ihnen entgegenzutreten wäre nicht ratsam. Mittlerweile war er allein auf der Eisbank, nachdem die anderen Männer seines Stammes erfolglos von der Jagd zurückgekehrt waren. Nicht, daß er sich fürchtete. Zu oft hatte er den Tod gesehen, wenn er Nanok, dem weißen Bären, begegnete, oder wenn er im Frühjahr über das brüchige Meereis fuhr.

Aber er spürte, daß nun Dinge auf ihn zukamen, die nicht mehr ihn allein, sondern die ganze Siedlung betrafen, und es drängte ihn, sich des Urteils der anderen zu vergewissern. Also nahm Utak seinen Schlitten und fuhr, ohne sich umzusehen, in das Lager zurück.

Im späten Herbst hatten die Inuit ihre Iglus am sanft ansteigenden Ufer nahe der Eisbank errichtet. Die flachen weißen Rundungen ihrer Behausungen waren nicht leicht zu erkennen; es schien, als hätte der Schnee Blasen geworfen.

Nur die Schlitten verrieten die Anwesenheit von Menschen und natürlich die abgeschirrten Hunde; sie hatten sich im Schnee zusammengerollt und ihre empfindlichen Schnauzen unter die buschigen Schwänze gesteckt, um sich am eigenen Körper zu wärmen.

Als Utak auf das Lager zufuhr, wußte er sich beobachtet. Aus den Fenstern der Iglus, die aus durchsichtigem Flußeis geschnitten waren, spürte er die Blicke, die weniger ihm als seinem Schlitten galten.

Aber diesmal kam er ohne Beute heim. Und als Utak sich nicht einmal die Zeit nahm, die Hunde auszuspannen, ahnten alle, daß etwas Außergewöhnliches geschehen war. Ein großes Unglück, da das Glück nur in einem erlegten Seehund hätte bestehen können.

Alle krochen aus ihren Iglus hervor, und die Männer, Frauen und Kinder umringten ihn. Nach kurzer Pause brach Ama, Utaks Frau, das Schweigen und fragte, was ihm begegnet sei. Utak genoß diese Neugier, und im Bewußtsein seiner Bedeutung zögerte er sein Schweigen noch ein wenig hinaus.

Dann wandte er sich den Jägern der Siedlung zu und sprach: Die Weißen kommen. Nun platzten alle mit Fragen hervor. Laut, fast schreiend, riefen sie durcheinander: Die weißen Männer? Die, von denen Tualik erzählte? Was werden sie uns bringen? Was wird mit uns geschehen?

Als sich das Geschrei ein wenig gelegt hatte, blickten sie wieder auf Utak, den erfahrensten Jäger des Stammes. Utak fühlte, daß er nun eine Entscheidung treffen mußte:

Wir werden hier auf sie warten. Doch Ulipaluk wird ihnen entgegengehen, und wir werden sehen, was geschieht.

Ulipaluk, ein gebeugter Greis mit braunem, zerknittertem Gesicht, war der älteste Mann im Lager. Ein unnützer Alter, ein überzähliger Fresser, der nicht sterben wollte. Man würde sehen, wie die Weißen ihn behandelten.

Also warteten sie vor den Iglus und schauten in die Richtung, aus der die weißen Männer kommen mußten. Schließlich sahen sie in der Ferne die dunklen Punkte, die über die weiße Fläche der Eisbank auf sie zusteuerten und zunehmend größer wurden.

Bald nahmen sie die Umrisse von fünf Männern wahr, die ein großes Boot hinter sich herzogen, und sie wunderten sich, daß die Weißen keine Hunde hatten, die ihre Lasten schleppten.

Regungslos standen Utak und die anderen da; weiße Nebel stiegen aus ihren Mündern, und die Hunde kläfften und zerrten wild an ihren Riemen.

Dann schritt Ulipaluk, der Alte, im Bewußtsein eines Opfers, zögernd auf die Weißen zu, die nun ihrerseits stehengeblieben waren. Auch aus der Gruppe der Weißen trat ein Mann hervor, legte seine Harpune zur Seite und ging dem Greis entgegen. Utak war erleichtert, denn von der Waffe der Weißen hatte er nichts Gutes vernommen.

Ihre Harpune sei ein langes Rohr, hatte Tualik bei seinem letzten Besuch berichtet. Aber sie besaß keine Spitze, sondern nur eine Öffnung; und aus diesem Rohr schleuderten die Weißen, wann immer sie wollten, mit Feuer, Blitz und Donner eine Kugel, die auf allergrößte Entfernung - weiter als der Wurf einer Harpune reichte - einen Bären zu töten vermochte. Diese Ungewißheit, ob die weißen Männer ihre furchtbare Waffe gegen die Inuit richten würden, beunruhigte Utak, seitdem er die Weißen von ferne gesehen hatte.

Ulipaluk stand nun vor dem Fremden und sprach zu ihm: Ich bin der erstgeborene Mensch von allen hier, und niemals kommt ein neues Gesicht, das ich nicht gesehen habe.

Nach diesen Worten, die der weiße Mann zu verstehen schien, umarmte er Ulipaluk. Der Alte wiederum strich mit seiner Hand über die Kleidung des Weißen. Alle verstanden dieses Zeichen der Freundschaft. Nun war gewiß, die fremden Männer waren nicht in schlechter Absicht gekommen. Die Jäger warfen ihre Harpunen, die sie bisher umklammert hielten, in den Schnee, und auch die Weißen legten ihre Waffen beiseite.

Die Frauen und Kinder drängten nun herbei und umringten diese Geschöpfe, die sie eben noch in Zweifel versetzt hatten, ob es sich um Geister der Luft oder um Menschen eines fremden Stammes handelte.

Einer der fünf Weißen war der Nalagak, der Sprecher seiner Gruppe. Er ordnete an, wies auf dieses oder jenes, und die anderen folgten seinen Worten. Seine Macht schien, ganz wie Tualik es geschildert hatte, von den gelben Scheiben herzurühren, die auf seiner Kleidung prangten, und von denen er mehr besaß als die übrigen Männer. - Utak verspürte den brennenden Wunsch, an dem machtvollen Zauber, der von den funkelnden Sonnen ausging, teilzuhaben.

Im Schutze einer Schneewehe errichteten die Weißen ihr Lager. Ungewöhnliche Dinge holten sie aus ihrem Boot hervor, das sie auf einen Schlitten geladen hatten, obwohl keine Hoffnung bestand, im Umkreis von mehreren Nachtlagern offenes Wasser zu finden.

Unter wortreicher Bewunderung der Inuit stellten die Weißen ihr Zelt auf. Aber nicht dieser seltsame Iglu erregte Utaks Aufmerksamkeit, sondern es waren die Männer selbst. Einige hielten sich kaum noch aufrecht, und alle hatten diese ungesunde blasse Haut und blutunterlaufene Zähne. Sie waren sehr erschöpft; irgendetwas schien ihnen zu fehlen.

Als die Weißen ihre Behausung errichtet hatten, ging Utak auf den Sprecher der Gruppe zu. Er zog ihn am Ärmel und führte ihn in sein Schneehaus. Auch die übrigen Jäger und die anderen Weißen folgten den beiden, um die anstehenden Beratungen keinesfalls zu verpassen.

Der Anführer, den die Weißen Kaptin Krossuak nannten, und seine Begleiter nahmen auf der mit Fellen belegten Schlafbank des Iglus Platz. Ama, Utaks Frau, schnitt einige Brocken weißen Robbenspecks zurecht, die sie in die Becken der Specksteinlampen warf. Bald strahlten sie ihr mildes Licht aus, und die Wärme umschmeichelte die Körper.

Die Blicke der Weißen verrieten, daß sie diese Umgebung nicht gewohnt waren. Vielleicht lag es am süßlichen Geruch der schwitzenden Leiber oder am stechenden Gestank des alten Urins, den man in Beuteln aus Tierhäuten aufbewahrte, um damit die Felle zu gerben oder die Haare zu waschen. Rechts und links des Eingangstunnels, durch den sie gerade in das Innere des Iglus gekrochen waren, lagen auf den Vor-ratsbänken einige blutige Klumpen; die spärliche Jagdbeute der vorigen Tage.

Ama hackte mit ihrem Handbeil einen Streifen rosigen Fleisches ab und reichte es Utak, der es zum Munde führte und mit den Zähnen einen Bissen abriß. Das Fleisch war ein wenig unreinlich und Utak, der die Pflichten des Gastgebers kannte, leckte und saugte das Stück sauber, bevor er es mit ermunternden Worten seinen Gästen reichte.

Zunächst zögerten sie, diese Gabe entgegenzunehmen und betrachteten das Fleisch, als wäre es verdorben; doch nach einiger Überwindung schlangen sie es gierig hinunter. Zufrieden und fröhlich gaben sich die Inuit nun einer ihrer glücklichsten Beschäftigungen hin. Man hörte die Knochen krachen; Blut und Fett rannen aus den Mündern.

Nach dem Essen schabte Utak mit seinem Messer die blutigen Finger rein und schleckte sorgsam die Klinge ab. Dann begann die Mühsal des Gesprächs. Es war nicht einfach, die Weißen zu verstehen. Aber aus ihren Gebärden und einigen Skizzen, die ihr Anführer auf den Boden zeichnete, entnahm Utak, daß die Männer ihre Schiffe verlassen hatten.

Einige Striche zeigten den Verlauf der Küstenlinie an und andere deuteten auf den Weg, den die Männer bereits zurückgelegt hatten. Offensichtlich wollten sie nach Süden, und man verstand, daß sie über das Land nach Hause wollten.

Utak wunderte sich zwar, daß in seinem Lager nur fünf Weiße angekommen waren, hatte er doch von Tualik gehört, daß auf den Schiffen soviel Männer wären wie die Leute von Utaks Stamm Finger an ihren Händen besäßen. Trotz Utaks Fragen blieb unklar, ob die anderen Männer zurückgeblieben waren oder auf anderen Wegen wanderten.

Eine Wendung des Gespräches trat ein, als der Nalagak, der Anführer der Fremden, ein Messer auf die Schlafbank legte und dabei ein Wort sagte, das den Zweck dieses Besuches offenbarte: Nekri, Fleisch, sagte der hohlwangige Weiße, und Utak verstand, daß sich ein Tauschgeschäft anbahnte. Nun wurde ihm klar, warum die Weißen von weit her gekommen waren. Sie begehrten vom Fleisch des Seehundes zu essen.

Utak prüfte das Messer: es war aus einem seltsamen Stoff und von unvergleichlicher Schärfe. Er wies auf ein Fleischstück hin, das auf der Vorratsbank lag, und der Tausch war gemacht.

Das Messer war von ganz anderer Art als die Werkzeuge der Inuit mit ihren Griffen aus Rentiergeweih und Klingen aus Feuerstein. - Was für ein Glanz würde auf dem Mann liegen, der ein solches Messer besaß! Doch welche Macht ginge erst von dem aus, der im Besitz eines der zauberkräftigen Amulette war, die auf dem Uniformrock des Weißen funkelten.

Utak wies auf einen der blanken Messingknöpfe, und der Weiße nahm ihm das Messer aus der Hand, trennte mit einem scharfen Schnitt den Knopf vom Mantel und legte beides auf die Bank, wobei er das Wort Nekri wiederholte.

Utak zeigte wiederum auf einen Fleischklumpen, aber der Weiße schien damit nicht zufrieden zu sein, bis Utak ihm klar machte, daß dies alles sei, was ihm an Vorräten zur Verfügung stand. Aber morgen, so bedeutete er ihm, wolle er wieder auf Seehundjagd gehen.

In der schattigen und grauen Morgendämmerung des folgenden Tages rüsteten sich Utak und seine Jäger zum Aufbruch für die Jagd. Ein roter Sonnenball lugte vorsichtig über den Rand der südlichen Eisbank, um zu schauen, ob sich die Mühe des heutigen Aufstieges lohnen würde. Träge kletterte die kalte rote Kugel höher und höher, streichelte die weiße Landschaft mit ihren gelben Strahlen und beendete die blasse, zwielichtige Stunde. Doch nur kurz würde der Tag sein. Zu Beginn des Frühjahrs waren die Nächte noch lang, und erst nach und nach gewann die Sonne an Kraft, um das Eis zu schmelzen.

Während sich Utak mit dem Anschirren der Hunde beschäftigte, traten die Weißen, durch das Kläffen der Tiere geweckt, aus ihrem Zelt hervor. Die fremden Männer und Utaks Jäger gingen aufeinander zu und wiederholten die übliche Begrüßung. Mit den Händen strichen sie einander über die Kleidung, um sich zu vergewissern, daß der heutige Tag ebenso friedlich verlaufen würde wie der gestrige.

Trotzdem schien es Utak nicht ratsam, mit allen Jägern zur Eisbank zu fahren. Einige würden zurückbleiben, um unter dem Vorwand erfundener Verrichtungen die Weißen nicht aus den Augen zu lassen. Zu beunruhigend blieben die Handlungen dieser Fremden, als daß man Frauen und Kinder schutzlos im Lager hätte zurücklassen können. Und der folgende Vorfall bestätigte Utaks Argwohn.

Nach der Begrüßung versammelten sich die weißen Männer um ihren Anführer, der ein kleines schwarzes, in Tierhaut gebundenes Kästchen aufklappte. Welke Blätter waren darin eingebunden, bemalt mit geheimnisvollen Strichen und Kreisen.

Mit lauter Stimme redete der Nalagak zu seinen Gefährten. Es war nun klar: der Führer der Weißen war ein großer Zauberer, dessen geheimnisvolle Macht nicht nur in den sonnenglänzenden Scheiben seiner Kleidung verborgen lag. Außer diesen Amuletten stand er noch mit einer Macht im Bunde, die aus dem schwarzen Kästchen entsprang, auf dessen Deckel zwei gekreuzte gelbe Stäbe eingepreßt waren. Den Blick fest auf die magischen Blätter geheftet, ergriff ein unbekannter Geist über ihn Gewalt, obgleich diese Besessenheit nicht so weit reichte, daß der weiße Schamane sich selbst vergaß.

Er redete zu seinen Männern, die ihre Hände falteten und ihm nach einem unbegreiflichen Ritual mit gleicher Stimme antworteten. Sie beendeten ihre Beschwörung mit einem Gesang, der Utak und seinen Leuten nichts von der Lebendigkeit und Fröhlichkeit des Lebens verriet.

Ohne Zweifel: die Weißen riefen ihre Götter an. Den Namen ihres wichtigsten Gottes glaubte Utak verstanden zu haben. Gern hätte er gewußt, ob diese fremde Gottheit im gleichen Maße mächtig war wie Nerrevik, die Göttin des Wassers, die den Inuit die Seetiere schenkte.

Zugleich bestärkten diese seltsamen Vorgänge Utak in der Ansicht, einige Männer im Lager zurückzulassen. Und so wurde er an diesem Morgen nur von zwei weiteren Jägern seines Stammes begleitet.

Am Ziel angekommen, verteilten sie sich über den schmalen Saum des Eises. Wie ein Band zog es sich der Küste entlang und bildete den Übergang zwischen dem sanft ansteigenden, schneebedecktem Land und der grotesken Welt des Packeises, die mit den Zacken und Graten zerborstener Eistrümmer nahezu unpassierbar war.

Die Jäger schwärmten aus und verteilten sich weiträumig über die flache Eisbank, bis jeder seinen Nachbarn nur noch als entfernten Punkt erkennen konnte, der sich in der weißen Landschaft verlor.

Wie immer begannen sie damit, die Atemlöcher der Seehunde zu suchen. Mit ihren Krallen kratzten die Tiere die Öffnungen in das meterdicke Eis, um regelmäßig Luft zu schöpfen. Utak durchbrach vorsichtig eine dieser gläsernen Kuppeln, beugte sich herab, schöpfte mit der hohlen Hand etwas Wasser, und führte es zum Gesicht, um die salzige Frische einzuatmen.

In jedem Tropfen roch er das Fleisch von Walroß, Narwal und Seehund, das Fleisch aller fetten Seetiere, die ihm im kommenden Sommer gute Tage bereiten sollten.

Bedächtig entfernte er die Schnee- und Eisbrocken, die ihm beim Öffnen des Atemloches ins Wasser gefallen waren. Nur drei Fuchshaare legte er auf den bleiernen Wasserspiegel, die, mit einer geschmeidigen Sehne verbunden, zu einem schmalen Knochenstab führten, der am Rande des Loches stak.

Nachdem Utak die Eiskuppel mit etwas Schnee wieder sorgfältig abgedeckt hatte, kam die Zeit des Wartens. Allein eine Lockerung der Sehne, ein Zucken des Stabes, würde ihm verraten, daß der Seehund unsichtbar in den Tunnel seines Atemloches eingetaucht wäre. Noch bevor das Tier mit seinem dampfenden Atem sich eine neue Öffnung in die Kuppel blies, würde Utak mit der Harpune zustoßen. - So war es viele Male geschehen, und so mußte es heute wieder geschehen.

Auch die anderen Jäger verharrten regungslos am Rande der Atemlöcher. Und als ein feiner rieselnder Schnee auf sie niederfiel, verschmolzen sie mit dem weißen weiten Raum. Nichts mehr war zu hören, außer dem leisen Knirschen und Wimmern des Packeises, das im Gezeitenstrom gegeneinander mahlte.

Die äußere Zeit, sichtbar im Gang der Sonne, verlor ihre Bedeutung vor den Erinnerungen, in denen Utak versank. Er dachte daran, wieviele Seehunde er schon erlegt hatte und durchschmeckte noch einmal deren Fleisch. Seine Phantasien verdrängten allmählich den nagenden Hunger, der sich erst wieder melden würde, wenn er sich aus diesem Zustand der Versenkung in die Wirklichkeit zurückrief.

Utak besann sich wieder auf den Gedanken, der ihn schon gestern den Hunger vergessen ließ, als er vergebens am Schmelzloch einer Robbe saß. Wieder fragte er sich, ob es möglich sei, in der Finsternis, wenn Mond und Sterne von den Wolken verdeckt waren, den Augenblick der Nacht zu bestimmen.

In seinem Iglu hatte Utak während des Winters oft in die Flammen der Specksteinlampen gestarrt. Wenn die gefüllten Lampen eine nach der anderen niederbrannten, kam es ihm vor, als ob immer wieder ein gleich langer Abschnitt der Zeit vergangen sei.

Gewiß ließ sich diese Dauer mit den Lampen messen. Denn das Wasser, das in dem Kessel über dem Feuer erhitzt wurde, brauchte, um aufzuwallen, nur so viel Zeit wie die Flamme einer halb gefüllten Specksteinlampe benötigte, um ihr Öl zu verzehren.

Indessen waren in dieser Zeitspanne Dinge geschehen und Worte gesagt, die sich niemals in derselben Weise wiederholen würden. - Und warum sollte die Länge des Schlafliedes, das Utaks Frau ihrem Kinde vorsang, mit dem steten Niederbrennen einer Lampe gemessen werden, da beides nun wirklich nicht zu vergleichen war. Auch wäre zu bedenken, ob Sonne, Mond und Sterne es nicht übelnähmen, wenn sie erführen, daß man sie durch eine Lampe ersetzen wolle. Was geschähe, wenn die Sonne darüber erzürnte und nicht mehr wiederkehrte. - Könnten die Specksteinlampen etwa den Tag erhellen?

Je mehr Utak darüber nachdachte, desto unbehaglicher fühlte er sich. Eine leise Furcht des Unbegreiflichen ergriff ihn, und er spürte, daß es besser sei, an den Seehund zu denken, den er fangen würde. Auf keinen Fall dürfte er versäumen, dem abgetrennten Kopf der Robbe einen Trunk Wasser darzureichen und sich in Ehrfurcht vor ihm zu verneigen, um Nerrevik, die Göttin der Meerestiere, zu besänftigen. Erst danach würde er vom Fleisch des Tieres essen.

Der kurze blasse Tag war fast vergangen, und der flache Lauf der fahlen Sonne am Horizont nahezu beendet, als Utak in der Ferne einen langgezogenen Ruf vernahm. Die Jäger wußten: es wäre unnütz, noch länger zu warten. Also machten sie sich auf den Weg zu ihrem erfolgreicheren Gefährten, um die warme blutige Leber des Tieres zu verzehren.

Es war ein Seehund von mittlerer Größe, der gerade reichte, den Menschen im Lager eine Mahlzeit zu geben, aber nicht genügend Nahrung für die kommenden Tage. Überdies würde die Mahlzeit noch geschmälert durch den Anteil der Weißen, der ihnen nach hergebrachter Sitte als Gästen zustand.

Utak und seine Jäger sahen auf die blutroten Flecken, die der Schnee gierig eingesogen hatte, und sie ahnten, daß eine Entscheidung unumgänglich war. Aus irgendeinem Grunde hielt sich Nerrevik, die den Inuit die Meerestiere schenkte, in ihrer Freigebigkeit zurück; vielleicht, weil die Jäger in ihrer Unwissenheit ein Tabu verletzt hatten, vielleicht aber auch, weil ihr die Anwesenheit der weißen Männer mißfiel.

Sie alle wußten, was der Mangel an Nahrung bewirken würde. Zuerst äßen die Inuit ihre Hunde und dann ihre Toten. Mit Grauen erinnerte sich Utak an den ekelerregenden Geschmack menschlichen Fleisches. Vor vielen Jahren, als der Tod in den Schneehäusern umherging, hatte er von seiner jüngeren Schwester gegessen.

Es blieb ihnen keine andere Wahl. Wenn die Inuit nicht zugrunde gehen wollten, mußten sie sich von den Weißen trennen. Denn im Lager wartete der Tod. Am nächsten Morgen würden sie aufbrechen, um in einer Reise von drei bis vier Nachtlagern Tualiks Siedlung am Gletscherfluß zu erreichen, die mit besseren Fanggründen ausgestattet war. Dort würden sie vom Seehund der Nachbarn essen, um dann weiter zu ziehen, einem fetten, fleischreichen Sommer entgegen.

Als sie ins Lager heimkehrten, war die Stimmung seltsam gedrückt. Alle schienen schon im Bewußtsein der bevorstehenden Veränderungen zu leben. Auf eine geheimnisvolle, lautlose Weise hatten sich die Gedanken der Jäger den zurückgebliebenen Frauen, Kindern und Alten mitgeteilt. Obwohl die Iglus noch einmal erfüllt waren vom Geruch des fischigen Fleisches, ließ sich der Mangel nicht mehr übersehen. Die Öllampen brannten nur noch schwach. Sie spendeten kaum noch Wärme, und die Kälte zog in den Iglus ein.

Auch die Weißen, die erneut in den Schneehäusern zu Gast waren, spürten die veränderte Lage. Wenngleich es wieder zum Austausch kleinerer Geschenke kam, hatte das Interesse an ihnen merklich nachgelassen. In Gedanken war man schon mit dem Abbruch des Lagers und den Zurüstungen für die Abreise beschäftigt.

Am nächsten Morgen wurden die Weißen durch das Bellen der Hunde und das Knirschen der Fußtritte im Schnee geweckt. Die Frauen bepackten die Schlitten mit ihrem spärlichen Hausrat, während die Männer die Hunde anschirrten. Nur die Kinder sprangen aufgeregt umher, in freudiger Erwartung des Unbekannten.

Die weißen Männer kamen aus ihrem Zelt gekrochen. Kaptin Krossuak, der Nalagak, trat auf Utak zu und redete auf ihn ein. Man verstand die Worte nicht, aber man erriet den Sinn seiner Rede. Gewiß wollte er die Inuit noch einmal bewegen, auf die Jagd zu gehen, um Fleisch zu beschaffen.

Die Weißen standen vor ihrem Zelt und schauten stillschweigend dem Aufbruch der Inuit zu. Nun begriff man, welche verzweifelten Hoffnungen sie in Utaks Jäger gesetzt hatten. Aber der Abbruch des Lagers beendete auch die Pflichten der Gastfreundschaft. Für die Inuit gab es keine weitere Veranlassung, die hungrigen Weißen zu unterstützen. Und insgeheim verachtete Utak diese Männer, die mit dem wunderlichen Reichtum ihrer Dinge in seine eisige Welt eingebrochen waren, sich selbst aber nicht ernähren konnten.

Utak ließ seine Peitsche über den Hunden knallen, feuerte sie mit einem Ruf an, und die Inuit begannen ihre Reise. Sechs Hundeschlitten setzten sich in Bewegung, beladen mit Hausrat, Kindern und einigen Alten. Die Jäger liefen neben den Schlitten her, während die Frauen den Hunden vorauseilten, um sie anzuspornen.

Nachdem sie das schorfige Ufereis überwunden hatten und auf der glatten Eisbank angelangt waren, sprangen die Männer und Frauen auf die Schlitten und überließen die weitere Arbeit den dunklen Fellbündeln, die unter weißen Atemwolken vorwärts-keuchten.

Hier, auf der freien blanken Eisbahn, spürte Utak eine gewisse Erleichterung. Ihm war, als begänne erst jetzt wieder sein Blut zu fließen. Nicht nur das Lager, auch den Tod hatten sie hinter sich gelassen, und die Reise gab ihrem Leben einen neuen Sinn. Was sie vor sich hatten, konnte nur besser sein als das, was sie hinter sich ließen.

Am ersten Tag ihrer Fahrt erlegten sie drei Schneehasen. Am zweiten schlachteten sie einen ihrer Hunde. Aber am dritten Tag machten sie eine grauenhafte Entdeckung.

Ausgerechnet an dieser Stelle unterbrach Thoralf Koch seine Erzählung, und ich kann ihn nicht von dem Verdacht freisprechen, daß er diese Pause inszenierte, um seine Geschichte noch spannender zu machen.

Gewiß werden sie schon bemerkt haben, sprach Koch, daß die Figur des Kaptin Krossuak kein anderer gewesen sein kann als Francis Crozier, der Kapitän der `Terror`. Gerade die eigenwillige Adaption seines Namens beweist die Glaubwürdigkeit dieses Berichtes, den Utaks Enkelin überlieferte.

Thoralf Koch lehnte sich ein wenig zurück, als wolle er sich vor einer längeren Anstrengung noch einmal eine kurze Pause vergönnen. Und in der Tat schien er ein neues Thema gefunden zu haben; was mich nicht gerade zuversichtlich stimmte, die baldige Fortsetzung seiner Geschichte zu hören.

Gewiß wäre ein Eskimo wie Utak erstaunt gewesen, zu erfahren, daß ausgerechnet in der Bibel unsere Zeitrechnung begründet liegt. Wobei ich mir sicher bin, daß der jüdische Kalender ihm eher gefallen hätte als der christliche. Denn sinnvollerweise beginnt die Zeitzählung der Juden mit dem ersten Tag der Schöpfung, als Gott das Licht von der Finsternis schied. - Demnach müßten wir uns heute übrigens im Jahre 5715 befinden.

Thoralf Koch blickte kurz auf, als müsse er sich meiner Aufmerksamkeit versichern. Jedoch ließ ich mir meine Ungeduld nicht anmerken, und so fuhr er fort: Obwohl wir Ethnologen uns zuallererst mit den Riten und Sitten eines Volkes beschäftigen, sind es in dem Bericht der alten Eskimofrau gerade die Vorstellungen über die Zeit, die mir zu denken geben.

Was mich besonders überrascht, ist die Tatsache, daß Utak, ihr Großvater, sich in einer für Eskimos ungewöhnlichen Art und Weise darüber Gedanken gemacht hat. Denn für die meisten Inuit ist die Scheidung von Tag und Nacht kaum von Bedeutung, da sie während der Polarnacht ohnehin mehrere Monate in dauernder Dunkelheit leben. Wozu sollten sie die Stunden zählen, wenn die Sonne im Winter nicht wiederkehrt oder im Sommer nicht untergeht. - Trotzdem ist auch bei ihnen das Bedürfnis vorhanden, wichtige Augenblicke ihres Lebens festzuhalten. Also richten sie sich nach dem Lauf der Gestirne, beobachten die Jahreszeiten, den Tod, die Geburt und geben diesen Erscheinungen einen Namen.

Auch außerordentliche Geschehnisse, an die man sich erinnert, reichen aus, die Zeit zu bestimmen. So berichtete mir einmal ein Jäger von einer Begebenheit, die er mit den Worten einleitete: Es geschah in dem Jahr, als in Umanak der große Walfisch strandete, wobei das eigentliche Ereignis mir leider nicht mehr gegenwärtig ist. Aber diese bezeichnende Äußerung erinnert mich wiederum daran, daß ich mich im Jahre 1939 in Grönland aufhielt.

Obgleich Thoralf Kochs Ausführungen zu diesem Thema ganz aufschlußreich waren, interessierte mich der Ausgang seiner Geschichte mehr als seine Auffassung, wie sich die Menschen die Zeit einteilen, die in ihrem Leben, je länger es dauert, ohnehin immer kürzer wird. Ich schaute auf mein halbleeres Aquavitglas, das mich wie ein Stundenglas an die verronnene Zeit dieses Abends gemahnte. Vorsichtig unterbrach ich Koch und fragte, ob es für seine Erzählung noch eine Fortsetzung gäbe. Er blickte mich verwundert an. Und schließlich lachte er in der selbstzufriedenen Gewißheit, daß er, wenn auch nicht als Wissenschaftler, so doch als Erzähler meine Aufmerksamkeit gewonnen hatte, und er nahm den unterbrochenen Faden seiner Geschichte wieder auf.

Auf einer vorgelagerten Landzunge bemerkten die Inuit einen dunklen unbewegten Gegenstand, dessen Herkunft und Bestimmung ihnen ein Rätsel war. Utak und seine Jäger zögerten anfangs, ihren Weg zu unterbrechen, aber schließlich obsiegte ihre Neugier. Sie lenkten ihre Schlitten auf die Küste zu, und als sie sich dem unbekannten Gebilde näherten, erkannten sie, daß eines der großen schwerfälligen Boote der Weißen am Ufer lag. Es war auf einem Schlitten befestigt und offenbar verlassen worden. Getrieben von dem Verlangen, sich in den Besitz dieses herrenlosen Reichtums zu setzen, rannten sie überstürzt auf das Boot zu. Aber der erste, der allen voraus eilte, blieb mit einem Male stehen. Auch die anderen erkannten nun die fünf menschlichen Gestalten, die regungslos am Boden lagen. Der Kopf und die Schultern eines sechsten ragten aus dem Inneren des Bootes hervor, den Arm schlaff über die Bordwand gelehnt, als wolle er sich ausruhen.

Langsam kamen Utaks Männer näher. Aber die Weißen bewegten sich nicht. Hingestreckt lagen sie umher, als wären sie vor Erschöpfung in einen kurzen Schlaf gefallen. Ein Mann lag mit dem Gesicht auf der Erde, als wäre er gestürzt und hätte nicht mehr die Kraft gehabt, sich zu erheben. In der rechten Hand hielt er noch eines der Seile, mit denen er das Boot vorwärtsgezogen hatte.

Die Gesichter der Leichen waren schwarz vor Frost, und Rauhreif saß in den Bärten und Augenbrauen. Einer der Toten hatte die Augen weit aufgerissen und schaute überrascht auf diese fremden Menschen, die seinen eisigen Schlaf störten. Mit dem Blick des Jägers nahm Utak wahr, daß die Weißen erst vor kurzer Zeit gestorben waren.

Zu oft war ihnen der Tod begegnet, als daß die Inuit Schrecken oder Entsetzen vor diesem Anblick empfanden. Wichtiger erschienen ihnen die Dinge, die im Boot verstreut lagen. Da waren diese eigenartigen Harpunen der Weißen, einige Äxte, Messer und zahlreiche Kleidungsstücke.

Erstaunt bemerkten sie, daß der Bug des Bootes nicht nach Süden wies, in die Richtung, wohin die Männer des Kaptin Krossuak gegangen waren. Auch die Zugseile, mit denen der Schlitten vorwärts bewegt worden war, zeigten nach Norden.

Unschwer war zu erkennen, daß sich diese Gruppe von den anderen getrennt hatte, um wieder zu den großen Schiffen zurückzukehren, die - wie Tualik ihnen damals berichtet hatte, draußen im Packeis eingefroren waren.

Während sich die Inuit der verstreuten Dinge bemächtigten, sah Utak einige seltsame Gefäße, die außerhalb des Bootes im Schnee des Uferstreifens lagen. Er hob einen dieser Behälter auf und drehte ihn unter prüfenden Blicken hin und her. Die Seitenwände waren in einer Weise zusammengerollt, daß sie einen Hohlraum bildeten. Unten verschloß ein flacher kreisrunder Boden diesen Topf, während oben ein gleichfalls runder Deckel hing, der sich auf- und zuklappen ließ. Die Ränder dieses mit Gewalt geöffneten Gefäßes waren scharf und schartig, und Utak mußte auf seine Finger achten, um sich nicht zu verletzen.

Ama, Utaks Frau, die herbeigetreten war, spottete über den zweifelhaften Wert dieses Behälters. Aber Utak blieb nicht unbeeindruckt von diesem Gegenstand, der aus einem dünnwandigen, glatten Stoff gefertigt war, den er nicht kannte. Das Gefäß war leicht und beweglich, wenn man es zusammendrückte und zugleich außerordentlich fest. Es war ganz anders als die schweren Schüsseln der Inuit aus Speckstein. An dem Geruch erkannte Utak, daß die Weißen darin ihre Nahrung aufbewahrt hatten.

Bei weiterer Untersuchung der Sachen, die in dem Boot umherlagen, machte Utak plötzlich einen Fund, der ihn mehr interessierte als alle anderen Dinge. Unter einem Kleidungsstück verborgen, entdeckte er eine schwarze Schachtel, die jener glich, welche der Nalagak der Weißen bei der Anrufung seines Gottes benutzt hatte. Auf dem oberen Deckel waren die zwei gekreuzte Stäbe eingelassen, und als Utak die Schachtel öffnete, hielt er die dünnen weißen Blätter in der Hand, die beiderseitig mit magischen Zeichen bedeckt waren.

Utak zitterte ein wenig vor Erregung. In seinen Händen lag nun das Geheimnis, das ihm die Macht der Worte versprach, mit denen die Weißen ihre Götter anriefen.

Er bannte seinen Blick auf die fahlen Blätter, die in der Mitte mit einem Faden an dem schwarzen Deckel festgeheftet waren und wartete. Er wartete, daß sie ihm etwas sagen würden. Aber nichts geschah. Er wartete vergeblich. Schließlich führte Utak die aufgeklappte Schachtel an sein Ohr und horchte.

Die anderen hatten mittlerweile von ihrem besitzergreifenden Stöbern abgelassen und sich in der Erwartung eines bedeutsamen Ereignisses um Utak geschart. Doch nichts sollte geschehen.

Es spricht nicht zu mir! rief Utak und warf die Schachtel verärgert in das Boot zurück.

Utak begann nun an der Macht der weißen Götter zu zweifeln. Gewiß, die Weißen hatten kostbare Dinge: Messer von unge-wohnter Schärfe, Harpunen von tödlicher Kraft. Aber nutzlos schienen diese Sachen in ihren Händen, da die weißen Männer sie nicht zu gebrauchen wußten, um sich damit Nahrung zu verschaffen.

Als Utak dann am Anorak eines Toten einige der gelben Scheiben sah, mit denen sie nicht nur ihre Kleidung verschlossen, sondern deren Besitz auch die Macht eines Mannes über die anderen verbürgte, war er von der Wirkungslosigkeit dieser Amulette überzeugt.

Mit einer gewissen Befriedigung in der Stimme sagte er mehr zu sich selbst als zu den anderen: Der Zauber der Weißen taugt nicht viel.

Gleichwohl setzten sich die Inuit in den Besitz kostbarer Sachen, wie Messer und Äxte, die in ihren Händen erst ihren wirklichen Wert erweisen würden. Zuletzt brachen sie noch einige Stücke Holz aus dem Boot, um daraus Schäfte für ihre Harpunen und Kufen für ihre Schlitten zu fertigen.

Voller Freude über dieses unerwartete Geschenk und mit dem leisen Gefühl des Triumphes über die schwächlichen Weißen kehrten sie diesem Ort den Rücken zu. Die Leichen ließen sie unberührt. Die Bären würden das Übrige tun.

Auf der Eisbank wieder angelangt, setzten sie ihre Fahrt fort. Denn es wurde nun Zeit, zu den Fleischvorräten ihrer Nachbarn zu gelangen. Der Hunger wühlte in ihren Gedärmen, und es war nicht ratsam, alle Hunde zu schlachten.

Das Eis sang unter den Kufen, und in der endlosen weißen Weite verloren sich die schwerbepackten Schlitten der Inuit. Zur Schonung ihrer erschöpften Hunde gingen die Männer nun voran, während die Frauen und Kinder folgten.

Von Ferne hätte man sie kaum erkannt. Nur die stetige Bewegung dieser Punkte auf der blanken Eisbahn zeigte, daß es sich um tierähnliche Wesen handeln mußte, die in ihrer Fellkleidung nicht sogleich als Menschen zu erkennen waren.

Eine helle Nacht brach an. Der milde Mond spendete ein blasses Licht, und am Himmel sahen sie die kristallenen Sterne leuchten. Die unmerkliche Wanderung des Großen Karibus und der anderen Sternbilder zeigte ihnen, wie die Zeit verstrich.

Utak, der über das kräftigste Hundegespann verfügte, ließ allmählich die anderen hinter sich, die in weiten Abständen seinem Schlitten folgten. Mit ein wenig Glück konnten sie noch in dieser Nacht das Dorf am Gletscherfluß erreichen.

Seitdem sie die toten weißen Männer hinter sich gelassen hatten, war ihre Fahrt ohne weitere Zwischenfälle verlaufen. Nur ein Ereignis, obwohl kaum der Rede wert, wäre noch zu erwähnen. Ulipaluk, der unnütze Alte und überzählige Fresser, wußte, daß seine Zeit gekommen war. Im Laufe der Nacht ließ er sich vom Schlitten hinuntergleiten, auf den man ihn widerwillig geladen hatte, da er mit Utaks Leuten nicht mehr Schritt halten konnte. Der Alte selbst hatte den Augenblick seines Todes gewählt. Bewegungslos saß er auf der Eisbank und ließ sich langsam erfrieren. Ich habe meine Zeit gehabt, dachte Ulipaluk, geht ihr nur schnell vom Seehund des Nachbarn essen. Ruhig zogen die nachfolgenden Gespanne an ihm vorüber. Und niemand drehte sich nach ihm um.

Nahezu am Ende dieser Wanderung angelangt, kreuzte Utak eine Bärenspur. Aber seine wilde aufschießende Freude, dieser Fährte allein zu begegnen und allen anderen Schlitten voraus zu sein, legte sich wieder, als er die Fußspur prüfte. Der verharschte Schnee verriet ihm, daß die Spur einige Tage alt war.

Im Süden brannte schon der rote Widerschein der Sonne, der den nahen Morgen ankündigte, als Utak sich dem Ziel dieser Reise näherte. An der Mündung eines zugefrorenen Fjordes, der durch einen Gletscherfluß gespeist wurde, lagen mehrere Iglus. Zu seiner Erleichterung waren sie bewohnt.

Über den niedrigen Kuppeln der Schneehäuser hingen drohend steile Felsklippen, die die Siedlung fast erdrückten. Es war ein unwirtlicher Ort, der seine Existenz nur dem Reichtum an Seetieren verdankte, die selbst in den strengsten Wintern den Fjord nicht verließen.

Als er sich der Siedlung näherte, sprangen die Hunde auf und begrüßten die Ankömmlinge mit wütendem Gebell. Den Gewohnheiten der Inuit entsprechend, hielt Utak mit seinem Schlitten auf dem Eise an und wartete. Hervorgelockt vom Lärm der Hunde, krochen nun auch die Einwohner aus ihren Schneehäusern hervor.

Mit vorsichtiger Zurückhaltung, wie es der Brauch verlangt, hielten sich die Frauen schüchtern abseits, während sich die Kinder ängstlich an ihnen festklammerten.

Nur Tualik und zwei weitere Jäger gingen auf Utak zu. Die Jäger begrüßten einander mit gemessenen Gesten und ernsten Mienen. Aber nicht lange währte die zeremonielle Strenge der Begrüßung. Kurz darauf schlug sie in lärmende Geselligkeit um.

Unterdessen waren auch die anderen Schlitten eingetroffen. Nachdem die Männer ihre Hunde abgeschirrt hatten, nahm jeder Iglu, gemäß dem Grade verwandtschaftlicher oder freundschaftlicher Beziehungen, eine der angekommenen Familien auf.

Der ganze Tag, die Nacht und auch der folgende Morgen waren erfüllt von den Verpflichtungen des Polar, des Besuches. Jeder Besuch hatte wiederum einen Gegenbesuch zur Folge, bis alle Bekanntschaften erneuert und alle Nachrichten ausgetauscht waren.

Die Siedlung am Gletscherfluß kannte keinen Mangel an Nahrung. Tualik und seine Jäger hatten noch reichliche Wintervorräte, um die schwierige Zeit zu überbrücken, bis die Erde wie-der erwachte. Warm und hell brannten ihre Lampen.

Nach ausschweifenden Gesprächen, unterbrochen durch das Geräusch essender Menschen, die schmatzend das Fleisch von Walroß, Seehund und Rentier verschlangen, fiel die Siedlung erst spät in einen gesättigten Schlaf.

Dann erwachte das Dorf erneut, und nochmals erzählte man sich alle Einzelheiten der Begegnung mit den sonderbaren Weißen und zeigte unter prüfenden Blicken die von ihnen erworbenen Schätze vor. Auch Tualik war in den Besitz begehrenswerter Dinge gekommen, wie Messer, Äxte und anderer Sachen, über deren Zweck man sich nicht immer im klaren war, die aber wundervoll glänzten.

Während des letzten Sommers hatten Tualiks Leute die Schiffe der fremden Männer öfters aufgesucht. Allerdings hatten auch hier die Weißen eine gewisse Zudringlichkeit gezeigt, indem sie immer mehr Fleisch verlangten, das die Inuit doch für sich selbst zurückhalten mußten. Aus diesem Grunde war der Tauschhandel nach und nach erloschen, da sie keineswegs daran dachten ihre Wintervorräte anzugreifen.

Tualik war daher überrascht, als er von Utak erfuhr, daß die Weißen ihre Schiffe verlassen hatten, um dorthin zu ziehen, wo im Sommer die Sonne am höchsten stand.

Diese Neuigkeit versetzte die Männer in Aufregung. Und Tualik drängte die Jäger, gemeinsam die verlassenen Schiffe aufzusuchen, um die dort verbliebenen Schätze der Weißen in Besitz zu nehmen. Auch Utak äußerte den Wunsch, diese schwimmenden Inseln aus Holz einmal gesehen zu haben.

Also beschlossen sie, am nächsten Morgen aufzubrechen. Zudem versprach man sich, nach der Rückkehr von den Schiffen der Fremden, die Fleischvorräte zu teilen, um anschließend zur eisfreien Ostküste der Insel zu ziehen, wo es gute Lachsgründe gab. Das zartschmelzende Fleisch dieses Fisches, der im Sommer die Bäche und Flüsse hinaufzog, sollte ihnen glückliche Tage bereiten. Es würde ein Lachssommer werden wie selten zuvor. Nach diesen Erwägungen legten sich die Inuit zeitig schlafen.

Aber in der Nacht brach ein Sturm los, der ihre Absicht, die Schiffe der Weißen zu besehen, zunichte machte. Ein reißender Wind trieb spitze Eiskristalle vor sich her, die wie Pfeile durch die Luft schwirrten und die Haut verletzten, wenn man dem Sturm das Gesicht zuwandte. Himmel und Erde verbanden sich zu einer einzigen eisigen Wolke, und die Welt existierte nur noch im Innern der Iglus.

Die Inuit verbrachten diesen Tag wieder nach den Regeln des Polar, der Pflicht gegenseitiger Besuche. Aber es gab keine Neuigkeiten mehr auszutauschen. Alles war schon einmal gesagt worden, und die heulende Stimme des Sturmes drückte auf das Gemüt der Menschen. Selbst wenn sie laut sprachen, horchten sie auf die Geräusche außerhalb der Schneewände ihrer Iglus.

Das Meereis arbeitete im Sturm. Sie hörten, wie die Eisfelder einander zermahlten. Unter lautem Stöhnen falteten sich die Schollen zu bizarren Gebirgen auf, die unter der Last ihrer gewaltsamen Schöpfung wieder zerbrachen. Auch vernahmen sie, wie von den Klippen große Felsstücke abbrachen und die Hänge hinunterkollerten. Erst in der folgenden Nacht ließ der Sturm nach. Als die Jäger vor die Iglus traten, sahen sie, daß die Eisbank der Macht des Sturmes standgehalten hatte. Nur das Meereis hatte sich noch fester ineinander verpreßt, und es blieb zweifelhaft, ob es sich in diesem Sommer aus seiner Verklammerung lösen würde. Auch die Schiffe der Weißen würden, falls der Sturm sie nicht zerdrückt hatte, enger als zuvor vom Packeis umschlossen sein.

Die Jäger der Inuit machten sich nun auf den Weg zu den Schiffen. Sie waren nach Tualiks Angaben nur eine Tagesreise entfernt. Zunächst folgten sie mit ihren Schlitten der glatten Eisbahn. Das Eis war noch fest, und sie spürten nicht einmal die Dünung unter den Kufen. Nur gelegentlich, wenn die Klippen zu nahe an das Ufer traten, mußten sie dem Gestein ausweichen, das von den Felsen herabgestürzt war.

Nach geraumer Zeit wies Tualik auf den Sund hinaus, und die Männer lenkten ihre Gespanne in die Landschaft zerborstener Schollen und schrundiger Spalten hinein. Nur langsam kamen sie vorwärts. Oft mußten sie sich mit ihren Äxten den Weg freischlagen. Dann aber sahen sie in der Ferne eine eigenartige Erhebung. Je näher sie kamen, desto besser zeichneten sich die Umrisse der Schiffe ab.

Wie zwei große Eistafeln erhoben sie sich über den Horizont. Noch staunenswerter waren die ungeheuer hohen Stangen, die wie riesige Harpunen in den Himmel stachen. Zahlreiche Stäbe kreuzten sie, und mit dem Gewirr vereister Taue glichen sie eher der Silhouette eines fernen Gebirgszuges.

Mit wichtiger Stimme erklärte Tualik, daß eine zwischen den Stäben und Stangen gespannte Haut den Wind fangen würde, um die schweren hölzernen Fahrzeuge zu bewegen. Daß ein leichter Wind dies vollbringen könne, schien Utak ganz und gar unmöglich. Dennoch behielt er seine Zweifel für sich, da jeder wußte, was man von Tualiks Äußerungen zu halten hatte.

Die Schiffe lagen unter einer dicken Schicht aus Schnee und Eis begraben. Erst beim Näherkommen bemerkte Utak, daß sie nicht weiß waren, wie es von Ferne den Anschein hatte. An einigen Stellen schaute der dunkle hölzerne Rumpf hervor. Sie glichen in gewisser Weise den Kajaks der Inuit. Allerdings war das eine Ende stumpf, während das andere auf eine Spitze zulief, die durch eine lange Stange, die schräg in den Himmel ragte, verlängert wurde.

Die Jäger umschwärmten die Schiffe, aber sie konnten auf ihnen kein Leben feststellen. An einer Bordwand entdeckten sie zwei herabhängende Taue, die mit hölzernen Sprossen verbunden waren und offensichtlich als Aufgang dienten.

Utak und Tualik erklommen zuerst diese Leiter. Auch die anderen folgten. Sie liefen zunächst auf dem Oberdeck umher und staunten über die ungewöhnliche Höhe, die ihnen einen weiten Ausblick über das Packeis bot. Dann brach aus ihnen die ungezügelte Freude über diesen unermeßlichen Besitz hervor. Sie lärmten, lachten und schrieen über diesen unverhofften Reichtum, der ihnen in seinem Übermaß unsinnig vorkam; galt ihnen doch der zufällige Fund eines Stückchen Treibholzes als uner-hörte Kostbarkeit. Wie viele Harpunenschäfte und wie viele Schlittenkufen konnte man allein aus dem Holz dieses Schiffes machen.

Nachdem sie sich wieder gefangen hatten, entdeckten die Jäger einen Zugang zum Schiffsinneren. Sie stiegen eine Treppe hinab, und Utak sah, daß der Bauch des Schiffes in viele kleine Räume unterteilt war, von denen jeder mehr Platz bot als das Innere ihrer Iglus.

Einige Dinge, die Utak erblickte, kannte er schon durch seine Begegnung mit den Weißen; aber die meisten Sachen waren ihm neu, und sein Verstand konnte den Sinn dieser Gegenstände nicht fassen. Müßig wäre es daher, sie aufzuzählen, zumal ein Fremder, der dies nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, kaum glauben würde, daß es dergleichen gäbe.

Unerwartet wurde Utak in seinen Gedanken unterbrochen. Der Ruf eines Jägers verkündete eine wichtige Entdeckung. Alle eilten herbei. Vom Licht der Specksteinlampen geleitet, traten sie in einen Raum. Sie zögerten anfangs weiterzugehen, denn im flackernden Licht waren die Schatten dreier Männer zu sehen. Einer saß auf einem Schemel, der im Rücken des Mannes noch eine Stütze hatte. Ein anderer lag auf einer Bank. Der dritte aber, und dies erschreckte die Inuit, schwebte in der Luft. Noch nie hatten sie gesehen, wie ein Mensch über dem Boden in der Luft verharren konnte.

Ängstlich traten sie näher, und sie sahen, daß der Weiße in einem Netz aus dünnen Seilen lag. Die Schlaufen dieses Netzes waren an den Enden in Haken eingehängt, die von der hölzernen Decke herabhingen.

Mit dem Schaft seiner Harpune stieß Tualik den Mann an. Knarrend schaukelte er in seinem luftigen Lager hin und her. Aber das war auch schon die einzige Bewegung, denn der Mann war tot wie die übrigen seiner Gefährten. Die Leichen waren erstarrt, obwohl ihr Zustand verriet, daß die Leute noch vor wenigen Tagen gelebt haben mußten.

Jedes Gespräch zwischen den Inuit war mittlerweile erstorben. Die Gegenwart des Todes machte sie seltsam beklommen. Nur das Ächzen der Seile war noch zu hören, die das Netz hielten, in dem der Tote sachte hin und her schwankte.

Doch als die Schwingungen nachließen, trat keine Stille ein. Ein kalter Schauer durchfuhr die Männer, als sie ein leises, gleichmäßiges Klopfen vernahmen, ganz wie der Herzschlag eines Menschen. Zwischen den toten weißen Männern mußte noch etwas am Leben sein.

Utak und Tualik faßten ihre Harpunen fester und gingen ohne ein Wort zu wechseln in die Richtung, aus der dieses Geräusch kam. Die Dielen knarrten unter ihren Schritten, aber das fremde Wesen ließ sich durch die heranpirschenden Jäger nicht stören.

Langsam näherten sie sich einer Ecke des dunklen Schiffs-raumes und umstellten einen kleinen braunen Kasten, aus dem das geheimnisvolle Klopfen hervordrang. Utak nahm seine Harpune und stieß den Kasten an; aber das Wesen rührte sich nicht. Unbeirrt fuhr es fort, im gleichen Takt zu schlagen.

In der linken Hand die stoßfertige Harpune, tastete sich Utak mit der rechten heran. Er befühlte das Gehäuse und merkte, daß der obere Teil sich wie eine Muschel hochheben ließ. Entschlossen klappte er den Deckel auf, und das fremde pulsierende Tier lag vor ihnen dar.

Es schien nicht gefährlich zu sein, denn es hatte sich den Zudringlichkeiten der Männer nicht widersetzt. Das Wesen selbst war von runder Gestalt. Unter dem Zugriff von Utaks Hand schaukelte es hin und her wie eine Eisscholle auf dem Wasser. Aber es schwamm nicht, sondern im Inneren seines Gehäuses war es kunstvoll aufgehängt, so daß es sich nach allen Seiten bewegen konnte und trotzdem immer wieder in die Waagerechte zurückkehrte.

Eine Kuppel wie aus klarem Flußeis überzog dieses eigenartige Tier, das von einem runden Ring gehalten wurde. Unter dem durchsichtigen Eis lag eine runde weiße Scheibe mit geheimnisvollen Zeichen am Rand. Zwei unterschiedlich große Pfeile zeigten auf die Zeichen, ohne sie zu treffen oder zu verwunden.

Aber noch erstaunlicher war der kleinste Pfeil, der in der großen Scheibe einen eigenen Kreis mit eigenen Zeichen besaß, um den er sich in steter Unrast drehte. Gänzlich verwundert waren Jäger, als sie eine auffallende Eigentümlichkeit dieses Wesens bemerkten. Immer, wenn der kleine Pfeil eine Umdrehung vollendet hatte, rückte der längere ein wenig vor. Eine geheimnisvolle Beziehung bestand zwischen diesen ungleichen Pfeilen, von denen zwei an einem gemeinsamen Mittelpunkt zusammengewachsen waren.

Utak glaubte nun klar die geheimnisvolle Natur dieses Wesens erkannt zu haben.

Seht den kleinen Pfeil, rief er den Männern zu, er wächst im Bauche seiner Mutter heran!

Aber warum macht es so viel Lärm? fragte Tualik.

Weil es lebt! antwortete Utak.

Die Männer standen starr vor Entzücken und konnten ihren Blick nicht mehr von dem kleinen Pfeil abwenden, der immer wieder um sich selber lief, ohne die Richtung zu wechseln.

Wenn der kleine Pfeil eine bestimmte Stelle erreichte, sprang der größere ein wenig vor und zeigte auf ein anderes Zeichen.

Lange betrachteten Utak und seine Gefährten dieses nie zuvor gesehene Wesen, bis sie bemerkten, daß auch der dritte, kürzere und dickere Pfeil sich schwerfällig bewegte.

Warum bleibt es nicht stehen, um sich auszuruhen? fragte Tualik.

Utak war ratlos, bis ihm einfiel zu sagen: Nun, es ist noch nicht Zeit, schlafen zu gehen!

Kann man es essen? drängte Tualik.

Utak fühlte sich herausgefordert. Offensichtlich erwartete man von ihm eine endgültige Klärung über den rätselhaften Sinn dieses Lebewesens.

Laßt uns sehen, ob es ein Herz hat, antwortete er.

Utak nahm seine Harpune, durchstieß die gläserne Kuppel, die wie das Eis über dem Atemloch eines Seehundes in Scherben zersprang. Die Spitze durchdrang die weiße Scheibe mit den magischen Zeichen. Es gab einen hellen Klang, ganz wie im Sommer, wenn das dünne Eis unter den Kufen der Schlitten zerspringt. Die Pfeile hielten nun inne in ihrem unsinnigen Lauf, und das runde Wesen mit seiner steten Unrast war nun tot.

 

Es war genau dreizehn Uhr, siebenundzwanzig Minuten und elf Sekunden nach der Mittleren Zeit von Greenwich, als der Marinechronometer Seiner Majestät Schiff `Erebus` stehenblieb.

 

Thoralf Koch lachte leise in sich hinein, als er mir den Schluß dieser Geschichte erzählte. Dann blinzelte er mich mit schalkhaften Augen an und vergewisserte sich, ob es ihm gelungen sei, mich gründlich zu verwirren. Denn er gehörte zu den Menschen, denen es gefällt, andere zur eigenen Belustigung in die Irre zu führen.

Verzeihen Sie meiner Lust zum Fabulieren, sprach er, ich konnte nicht widerstehen, Ihnen die genaue Uhrzeit mitzuteilen, als der Schiffschronometer der `Erebus` harpuniert wurde. Aber ich verbürge mich dafür, daß alle Ereignisse, wenn wir von der Uhrzeit einmal absehen, uneingeschränkt wahr sind.

Ich habe Ihnen diese Geschichte so erzählt, wie sie mir damals von Knud Rasmussen berichtet worden ist, der sie wiederum von der Enkelin Utaks erfahren hat, die übrigens Ikualaok hieß, was soviel bedeutet wie aufflammendes Feuer. Daß kein Zweifel am Bericht dieser alten Frau besteht, beweisen nicht nur die Skelettfunde von Franklins Männern. Auch andere Tatsachen sprechen dafür. Beispielsweise nannte die Erzählerin, um ihren Bericht durch eine zuverlässige Zeugenschaft zu bestätigen, die Namen aller Männer, die damals zugegen waren. - Eine für Naturvölker übliche Art, historischen Ereignissen dokumentarischen Charakter zu verleihen.

Thoralf Koch zündete sich eine Zigarette an, sog den Rauch genußvoll ein und sprach: Allerdings ist diese Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Wie die alte Frau weiter berichtete, geschah nach der Tötung der Uhr noch folgendes: Da es im Laderaum des Schiffes sehr dunkel war, nahmen die Eskimos ein Beil und begannen, ein Loch in die Bordwand zu hauen, um das Tageslicht hereinzulassen.

Aber diese törichten Menschen, wie Ikualaok sie nannte, schlugen das Loch unterhalb der Wasserlinie ein. Die unter dem Packeis gestauten Fluten stürzten in das Schiff, und es versank mit all seinen Kostbarkeiten.

Thoralf Koch machte eine spannungsvolle Pause, die ahnen ließ, daß er noch etwas zu sagen hatte.

Gewiß werden Sie sich schon gefragt haben, fuhr er fort, woher ich weiß, daß es gerade die `Erebus` und nicht die `Terror` war, die im Sund östlich von King William Island unterging.

Auch hier gibt es einen Beweis für die Zuverlässigkeit dieses Berichtes. Ein Vorfall, der sich nahezu sechzig Jahre später ereignete, ist der eigentliche Schlußpunkt dieser Geschichte.

Obwohl es damals in allen Zeitungen stand, wissen heute nur noch wenige davon.

Es war in der Nacht vom 22. zum 23. Juli 19O7, als ein Frachtschiff mit einer Ladung Kohlen durch den nördlichen Atlantik dampfte. Im Ausguck hielt ein Matrose nach Eisbergen Ausschau, die aufgrund der Gletscherabbrüche in jenem milden Sommer besonders zahlreich waren. Irgendwann im Laufe der Nacht machte der Matrose eine erstaunliche Entdeckung. Zuerst glaubte er einen Eisberg vor sich zu haben.

Aber es war kein Eisberg. Es war ein Schiff, das in einem Eisblock eingeschlossen war. Genauer gesagt: ein Segelschiff von auffallender Bauweise. Nach dem kurzen, aber runden Rumpf zu urteilen, mußte es früher ein Walfänger gewesen sein.

Der Matrose weckte den Kapitän, der den Befehl gab, sich diese Erscheinung näher anzusehen. Bald konnte man deutlich erkennen, daß dieses Schiff vollkommen vom Eis umklammert war.

Auch die Freiwache stürzte an Deck, und alle sahen den Rumpf, die abgebrochenen Maststümpfe und das zersplitterte Bugspriet.

Ein Beiboot wurde zu Wasser gelassen, und der Erste Offizier wagte sich an das Geisterschiff heran. Am Bug entzifferte er deutlich, wenn auch schwer lesbar, den Namen.

Es war die `Terror`, die das driftende Eis der Arktis nach sechzig Jahren Gefangenschaft freigegeben hatte.

 

Thoralf Koch, der meine Zweifel an dieser nie zuvor gehörten Begebenheit spürte, lächelte und sprach: Das ist nun wirklich das Ende dieser Geschichte.

Ich schaute ihn an und fragte mich im stillen, ob seine Erzählung nicht arg übertrieben war, sah dann aber ein, daß es keinen besseren Schluß hätte geben können, selbst wenn man ihn hätte erfinden müssen.

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