Die andere Gegenwartsliteratur

Margot und Klaus Plöger

Wer macht die deutsche Gegenwartsliteratur?

Es sind nicht die Autoren und nicht die Leser, die über die gegenwärtige Literatur bestimmen. Autoren und Leser sind nur Käufer und Verkäufer einer Ware namens Buch. Zwischen beiden steht der Markt. Der Literaturbetrieb, also Verleger, Agenten, Lektoren und Rezensenten „machen“ die Bücher. Was allein zählt, ist der Gewinn, den diese Ware auf dem Markt einlöst. Der Leser ist dabei oft der Dumme. Denn er muß das Buch erst kaufen, bevor er es lesen kann. Und am Ende hat er nicht nur sein Geld, sondern auch ein Stück seiner Lebenszeit verplempert.

Nach welchen Gesichtspunkten wählen die Verlage die Manuskripte aus? Der Gewinn ist das Motiv, das einen Verleger - bei Strafe seines Untergangs - antreibt, nur die Bücher zu drucken, die er auch verkaufen kann. - Welche Themen spielen bei dieser Auswahl eine Rolle? Es fällt auf, daß die großen Fragen, die in das Leben eines jeden Einzelnen eingreifen, kaum berührt werden. So gibt es kaum einen Roman, der beispielsweise die Krisen der Gegenwart thematisiert. Die meisten Werke hingegen huldigen den gefälligen Lebenslügen unserer Zeit.

Es gibt sogar regelrechte Gebote, wenn nicht gar Verbote, die uns vorschreiben, was wir zu denken, zu fühlen und zu sprechen haben. Doch wenn Denken, Fühlen und Sprechen in Widerspruch zur gelebten Wirklichkeit stehen, bedingt dies einen Realitätsverlust der handelnden Personen. Wie Blinde tappen sie an den Abgründen ihres Lebens entlang, stets in Gefahr hinabzustürzen.

Dieses Mißverhältnis war oft die Geburtsstunde großer Werke der Weltliteratur. Gab es doch einen Anlaß zur Gestaltung der allerschönsten Katastrophen - die den Höhepunkt eines jeden Romans oder Dramas bilden. Denn die Literatur kennt diese Widersprüche als „dramatische Ironie“, und sie zieht daraus ihre ästhetische und politische Wirkung - und dies schon seit Sophokles’ „König Ödipus“ oder der „Antigone.“

Zwar besteht jede Literatur aus Erfindungen, aber wenn sie gut sind, wirken ihre Lügen wahrhaftiger als die Wirklichkeit selbst.

Gleichwohl sind es nur Wenige, die darüber befinden, was über die Wirklichkeit gesagt werden darf und was nicht. Zwar gibt es keine metternichsche Zensurbehörde mehr, wohl aber eine stillschweigende Übereinkunft meinungsführender Cliquen. Wie George Orwell sagt: „Es ist nicht eben verboten, dieses oder jenes zu sagen, aber es ist ‚unschicklich’, es zu sagen.“ Und was damals ‚unschicklich’ war, ist heute politisch nicht korrekt. - Selbst scheinbar unpolitische Werke sind dieser Zensur unterworfen, wenn sie sich nicht dem ästhetischen Zeitgeist fügen.

Denn nicht nur politische Dogmen, auch ästhetische Moden schränken die Freiheit der Autoren ein. Wer den Kriterien wie „vielfältig“, „tolerant“ und „weltoffen“ nicht nachkommt, sondern sich der literarischen Tradition verpflichtet fühlt, hat schlechte Karten. Und da Literaturpreise und Stipendien viele literarische Existenzen sichern, wird sich mancher Autor wohl überlegen, was und wie er etwas zu Papier bringt. Die Folge ist häufig eine Simulation von Literatur. Opium für ein schläfriges Lesevolk, das mit Surrogaten betäubt wird.

Jede geschmacklose Provokation ist dabei erlaubt. Hauptsache, sie vermeidet das Sprechen über die Wirklichkeit wie sie wirklich ist. Denn erwünscht ist ein Autor (und ein Leser) ohne Eigenschaften, der ohne belastendes Wissen den neuen Menschen der Zukunft repräsentiert. Ein unfassbarer Kosmopolit, der als Weltensammler austauschbare Werke verfasst, und der als Lebensorte häufig solche Städte angibt wie Bielefeld, Berlin, und als Gipfel des Erfolgs: New York. Auf diese Weise entsteht ein globales Biedermeier, von dem man noch nicht weiß, ob diese Epoche in einem neuen Vormärz enden wird.

Gewiß: viele Manuskripte drängen danach ein Buch zu werden. Und sicher sind manche Verlage mit der Auswahl überfordert. Auch sprechen gute Gründe für die Arbeitsteilung von Autor und Verleger. Dennoch darf man vermuten, daß der beste Teil der deutschen Gegenwartliteratur in den Papierkörben der Verlage verschwindet.

Das Internet macht es nun jedoch möglich, daß der Autor sein eigener Verleger wird. Wenn sich kein Verlag findet, dann gründen die Autoren eben ihren eigenen Verlag. Und in diesem Fall eröffnet sich eine völlig neue Freiheit. Selbst wenn dies - wie George Orwell meint - nur die Freiheit ist, „den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

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